Lasst uns den israelischen Kolonialismus in der Westbank beenden. Avraham Burg

Die Papstbesuchs-Verschwörung

Dass der Papst ausgerechnet Deutschland erneut besucht, kann einen nachdenklich stimmen. Denn wenn nur seine Gegner davon profitieren, stecken sie gewiss hinter der Einladung.

Für eine Glaubensgemeinschaft mit Weltkirchenanspruch erscheint das Besuchsprogramm des Oberhauptes der Römisch-Katholischen Kirche als überaus europazentriert.

Während in Afrika und Asien täglich Zehntausende Menschen zum christlichen Glauben finden, ist der Anteil der Christen in Europa im Sinkflug begriffen. Gleichzeitig graben evangelikale Gemeinschaften den sogenannten Volkskirchen, insbesondere der katholischen Kirche, gerade in Hochburgen wie Südamerika oder in zahlreichen afrikanischen und asiatischen Ländern das Wasser ab. In einer solchen Situation den eigenen Tätigkeitsschwerpunkt auf dem sich selbst abschaffenden Alten Kontinent zu belassen, ähnelt einem Vermögensverwalter, der seinen Kunden langfristige Anlagen in Girokonten statt des Investments in aufstrebende Schwellenländer nahelegt.

Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen

Umso mehr Fragen wirft der unmittelbar bevorstehende, neuerliche Papstbesuch in Deutschland auf. Nachdem sein Vorgänger 1996 über mehrere Tage hinweg hier geweilt hatte, ist es für Benedikt XVI. bereits das dritte Mal in sechs Jahren, dass er in offizieller Funktion sein Geburtsland besucht. Dass dies mit der besonders tiefen Frömmigkeit der Massen in Deutschland zusammenhängen könnte, würden selbst sehr dezidierte Papstanhänger nur bedingt bejahen.

Ein nicht unerheblicher Teil der hiesigen 24 Millionen Angehörigen der Römischen Kirche dürfte an dieser vor allem die Möglichkeit wertschätzen, in feierlicher Weise Kindestaufen, Hochzeiten und Beerdigungen zu begehen, in deren Rahmen neueste Bekleidungstrends vorzuführen und Klatsch und Tratsch über Familienmitglieder auszutauschen.

Inhaltlich jedoch dürfte sich die Mehrheit der deutschen Katholen in der Nähe von BDKJ-Gruppen befinden, die „Genderarbeit“, „Verteilungsgerechtigkeit“, „Klimaschutz“ oder Handreichungen zu tagespolitischen Fragen als die wichtigste Aufgabe einer christlichen Glaubensgemeinschaft betrachten. Die Berechtigung des staatlichen Kirchensteuereinzugs wird vor allem durch allerlei Konferenztourismus unterstrichen, in denen der „kritische Reformdialog“ im Vordergrund steht oder wo irgendwelche Stellungnahmen wie kürzlich jene zum Terrorismus ausgearbeitet werden, die so nichtssagend sind, dass möglicherweise nicht einmal deren Autoren selbst darlegen könnten, was sie damit konkret mitteilen wollen.

Vor diesem Hintergrund stünde zu befürchten, dass Benedikt angesichts seiner Besuchsfrequenz in einem Land, unter dessen Meinungsmachern und Eliten er unbeliebter ist als Charlotte Roche oder die Taliban, Gefahr läuft, bald Bekanntschaft mit dem Stalkingparagrafen zu machen.

Von den 9/11-Truthern wissen wir, dass der Antwort auf die Frage „Cui bono?“ im Regelfall mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte als den tatsächlich erkennbaren Fakten. Betrachtet man die Angelegenheit von dieser Warte aus, müsste es eigentlich eine Verschwörung der hauptberuflichen Kritiker des Papstes innerhalb der RKK sein, die den Bundespräsidenten dazu gebracht hat, diesen einzuladen.

Die Einzigen, die durch den bevorstehenden Papstbesuch wirklich einmal mehr eine erkennbare Aufwertung in der öffentlichen Wahrnehmung erfahren, sind nämlich die üblichen Verdächtigen unter den Gegendemonstranten, die Benedikt ankreiden, die Sexualmoral der RKK noch nicht an jene der offiziellen Berliner Bluthilde-Kandidatin Franziska Brychcy angeglichen zu haben, oder deren intellektuelle Vorhut in Gestalt hauptberuflicher Kirchenkritiker wie Hans Küng oder Uta Ranke-Heinemann, deren schiere Existenz a) von ihrem eigenen Verbleib in der römischen Glaubensgemeinschaft und b) von deren Präsenz in den Medien abhängt. Auch Buchautoren wie „Welt“-Kommentarchef Alan Posener freuen sich über die Gelegenheit, die Anwesenheit des katholischen Oberhirten zu einer Verkaufsveranstaltung für ihre Ladenhüter nutzen zu können.

Endlich weg von der Kommunismusdebatte

Die Partei der Arbeiterklasse versteht es sogar, eine Win-Win-Situation für beide Beteiligten zu schaffen, indem sie dem Papst den Anblick der Hälfte ihrer Visagen erspart und gleichzeitig erstmals seit Langem wieder einmal auf andere Weise als mit Kommunismusdebatten und antisemitischen Ausfällen in die Schlagzeilen kommt.

In Freiburg, von dem Beobachter meinen, die Begeisterung für den Papst wäre dort ähnlich groß wie dereinst jene für JFK in Dallas, kommen selbst Anhänger der Ron-Paul-Sekte oder der Piratenpartei auf ihre Rechnung, die in Anbetracht der Intensität der Sicherheitsmaßnahmen vor Ort einmal mehr den totalen Überwachungsstaat an die Wand malen können.

Wirkliche Impulse für den satten und trägen Wohlstandskatholizismus in Deutschland dürften jedoch auch von diesem Besuch Benedikts nicht zu erwarten sein. Die RKK scheint es also alles in allem entweder mit der Feindesliebe etwas zu übertreiben – oder aber es steckt wirklich ein Inside Job der heimischen Papstgegner dahinter.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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