Von wegen Freiheit

Harry Tisch30.07.2011Gesellschaft & Kultur

Der Keim des Totalitarismus in Europa aber lebt weiter. Kein Wunder also, dass die Anschläge in Norwegen dazu genutzt werden, pauschal alle Konservativen in die Pfanne zu hauen und weiter gegen die USA und deren Freiheits-Export zu wettern.

Diesmal war, wie es aussieht, ausnahmsweise nicht Sarah Palin schuld, die unschuldige Jünglinge “mittels telepathischer Botschaften(Link)”:http://bluthilde.wordpress.com/2011/01/10/heimische-qualitatsmedien-durchkreuzen-desinformationstaktik-der-yankees/ dazu brachte, auszuticken und um sich zu schießen. Zu schnell war der Psycho aus Oslo gefasst, der das Massaker, das er in der norwegischen Hauptstadt und auf einer Ferieninsel für Jugendliche durchführte, über Jahre hinweg minutiös geplant hatte. Mainstreammedien waren sogleich geschäftig, aus der bloßen Tatsache heraus, dass sich in einem Facebook-Profil, dessen Authentizität umstritten ist, das Wort „christlich“ bei den Angaben zur Person fand, Breivik zum „christlichen Fundamentalisten“ zu erklären. Dass der Attentäter in Wahrheit aus dem „Fjordman“-Umfeld stammt, also einem Bereich der „Islamkritik“, dem das Wohl der „weißen Rasse“ besonders wichtig ist, war eine Tatsache, durch deren ehrliche Recherche man sich die mühevoll angeeignete vorgefasste Meinung nicht kaputtmachen lassen wollte.

Die jahrelange Kunst der Selbsttäuschung

Wie sollte man es auch angesichts dieses willkommenen Anlasses, endlich Konservative pauschal in die Pfanne hauen zu können, noch jemandem zumuten, zu erkennen, dass jedwede völkische oder sonstige Rassentheorie beispielsweise zwangsläufig die Bejahung der Evolutionstheorie voraussetzt, während fundamentalistische Christen diese ja zum Entsetzen der Gutmenschen kritisch betrachten oder gar ablehnen? Europa macht den USA seit Jahr und Tag zum Vorwurf, offensiv Demokratie, Marktwirtschaft und Freiheit zu exportieren. Nach Überzeugung europäischer Intellektueller sei das Kulturimperialismus, Wirtschaftsimperialismus, „Blut für Öl“ und was sonst noch alles. Den kriegerischen, von christlichen Fundamentalisten, Freimaurern, Zionisten und Kapitalisten dominierten USA stehe das aufgeklärte, soziale, fortschrittliche und friedliche Europa gegenüber. Dass es auf jenem Kontinent, dessen Freiheit und Frieden seit 1945 durch die USA garantiert werden, wieder hausgemachten Terrorismus gibt und möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft ein Bürgerkrieg droht, überrascht diejenigen, die sich jahrelang in der Kunst der Selbsttäuschung übten. Aber was hat Europa im Laufe seiner Geschichte exportiert? Nach dem Ende der Heiligen Römischen Parodie des Christentums und der Feudalstaaten, die nicht zuletzt auf dem Gebiet des Antisemitismus jahrhundertelange Pionierarbeit geleistet hatten, wurde die Welt von Europa aus mit den säkularen Ersatzreligionen der Moderne beglückt. Die Französische Revolution persiflierte die Idee der Freiheit im Arbeitstakt der Guillotine, Marx und Engels formulierten ein Manifest, das den Ausgangspunkt von Tod und Verderben fast über den gesamten Erdball hinweg darstellen sollte. Auf dem Humus der Evolutionstheorie wuchsen bald Hypothesen wie jene eines Grafen Gobineau, eines Herbert Spencer oder eines Thomas Robert Malthus, die zur Grundlage für rassistische Ideologien und die barbarische Idee einer staatlichen Bevölkerungspolitik wurden.

Der Hass auf alles

Nachdem die USA 1945 die große Party fürs Erste beendet hatten, traten die Totalitarismen für einige Zeit zumindest im Westen etwas leiser auf. Bald aber begann man sich wieder dessen zu besinnen, was Europa so unverwechselbar gemacht hatte: nämlich der Hass auf alles, was es in irgendeiner Weise wagt, sich der Idee einer homogenisierten, gleichgeschalteten Gesellschaft und einer verbindlichen, vom Staat vorgegebenen Wahrheit zu verweigern. Der traditionelle Marxismus und der nationale Sozialismus mögen zu Ladenhütern geworden sein. Der Keim des Totalitarismus in Europa aber lebt weiter: im Antisemitismus, der als Dauerbrenner mittlerweile wieder völlig ungeniert ausgelebt wird und nicht zuletzt in Skandinavien fast schon wieder zum guten Ton gehört; im Ökofaschismus, der Menschen bereits dafür anprangert, dass sie “Kinder in die Welt setzen(Link)”:http://www.newsbusters.org/blogs/erin-r-brown/2011/07/20/beckhams-welcome-fourth-child-british-eco-nuts-call-couple-selfish, und seinen Mythen wie jenem der „Erderwärmung“; und eben auch in einer die Religionsfreiheit als solche angreifenden Islamkritik, die nicht erst tatsächliche “islamofaschistische Umtriebe(Link)”:http://nachrichten.t-online.de/terror-in-afghanistan-taliban-erhaengen-achtjaehrigen/id_48282748/index, sondern bereits das Tragen eines Kopftuchs oder den Bau eines Gebetshauses als terroristischen Akt betrachtet. Dass der Attentäter von Oslo Teile seines Manifests vom ökoterroristischen “Unabomber”:http://de.wikipedia.org/wiki/Theodore_Kaczynski geguttenbergt hat und in ein Jugendlager platzte, das sich statt mit Baden oder Abenteuerparcours gerade mit dem “Schüren von Judenhass(Link)”:http://www.ynet.co.il/english/articles/1,7340,L-4099122,00.html befasst hatte als der Rassist zu schießen begann, sind makabere Ironien des Schicksals und doch so bezeichnend. Das Problem an Anders Behring Breivik war nicht, dass er „christlich“ wäre, sondern dass er es nicht ist. Der Charles Manson der sektiererischen Islamkritik steht vielmehr mit beiden Beinen fest in der postchristlichen europäischen Tradition der Moderne – bereit, einen nicht unerheblichen Body Count als Anfangsinvestition einzukalkulieren, um am Ende die “Inhalte eines politischen Manifests(Link)”:http://www.welt.de/vermischtes/article13504232/Terrorist-veroeffentlicht-vor-der-Tat-Manifest.html durchzusetzen. Und es sieht nicht danach aus als würden Europas Eliten auf diese Herausforderung eine freiheitliche Antwort suchen.

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