Wenn die Welt nicht so ist, wie ich sie will, dann verwehre ich mich ihr. Irvine Welsh

Verirrte Frühlingskugeln

So nett der revolutionäre Tatendrang mancher fortschrittlicher Kräfte auch sein mag: Bisweilen vermag die richtige Gesinnung oder das richtige Ziel allein nicht auszureichen, um auch wirklich im Lichte des Klassenstandpunktes richtige Entscheidungen zu treffen.

Von einem Gutmenschen ist, wie der Name schon sagt, zu erwarten, dass er für das Gute steht und nicht nur für das gut Gemeinte, sonst würde es ja „Gutgemeintmensch“ heißen. Und so geriet das, was einige Genoss_innen aus einer – erfreulicherweise nicht genannten – öffentlichen Schule in Seattle kürzlich zum Besten gegeben haben, am Ende auch nur zum Bestgemeinten.

In vorbildlich kultursensibler Weise meinten sie, dem Klassenauftrag zu genügen, indem sie eine 16-jährige Praktikantin mahnten, Plasteeier, mit denen sie Drittklässler beschäftigte, nicht als „Ostereier“, sondern allenfalls als „Frühlingskugeln“ zu benennen.

Weg mit den O-Eiern!

Nun ist es natürlich vom wissenschaftlichen Weltbild des Marxismus-Leninismus aus zwingend geboten, alles, was auch nur im Entferntesten an den schändlichen christlichen oder jüdischen Aberglauben erinnert, mit allen erlaubten und notfalls auch unerlaubten Mitteln aus dem öffentlichen Raum und gerade auch aus öffentlichen Schulen zu verbannen und vom Erdball zu tilgen.

Allerdings setzt diese Direktive, will sie auf eine mit den Zielen der Partei konforme Art umgesetzt werden, voraus, dass die Genoss_innen wissen, was Inhalte und Gebräuche christlichen oder jüdischen Aberglaubens überhaupt sind! Ostereier gehören definitiv nicht dazu. Vielmehr stellen diese naturreligiöse, heidnische Fruchtbarkeitssymbole dar und damit Anklänge an eine Kultur, die der matriarchalischen Gesellschaftsordnung des Urkommunismus näher ist als unsere menschenfeindliche kapitalistische Ausbeutergesellschaft.

Während der Führer des deutschen Faschismus an Ostern wie an allen anderen Tagen auch immerhin noch ein Ei hatte, kamen Christen im Rahmen des von ihnen auf der Basis des jüdischen Kalenders begangenen Passah-Festes oftmals sogar gänzlich ohne aus. In den USA wurden Ostern und Weihnachten von den puritanischen Imperialisten vielmehr aufgrund ihres heidnischen Ursprungs lange Zeit gar nicht gefeiert. Die Genoss_innen in Seattle haben deshalb mitnichten einen wertvollen Beitrag im Kampf gegen dieses schändliche Erbe geleistet, sondern im Gegenteil diesen sogar sabotiert. Eben weil gut gemeint in diesem Fall das Gegenteil von gut war. Sie können froh sein, ihre „Frühlingskugeln“ künftig nicht durch die sibirischen Bleiwerke rollen lassen zu müssen!

Pappa ante portas

Wir hegen – alarmiert durch diese peinliche aberratio ictus in Seattle – langsam aber sicher die Befürchtung, dass auch die bevorstehenden Demonstrationen fortschrittlicher Kräfte gegen den Papstbesuch zu einer ähnlichen Manifestation bloßen Gutgemeintmenschentums geraten könnten.

Denn klar hat die römisch-katholische Kirche noch dringenden Reformbedarf, wenn es um Genderarbeit, Reproduktionsfreiheit und die Einsicht geht, dass Schamgefühl, Enthaltsamkeit oder Treue nur Instrumente der herrschenden Klasse darstellen, um Menschen daran zu hindern, sich ihrer wahren Bedürfnisse bewusst zu werden und ihre bürgerlichen Ketten zu sprengen.

Bloß ist das alles eher ein Problem des biblischen Christentums – und gerade was dessen Überwindung anbelangt, hat die Papstkirche über Jahrhunderte hinweg ganze Arbeit geleistet, wie es teilweise selbst Sozialist_innen nicht besser geschafft hätten. Die Ersetzung traditioneller jüdischer Feste durch inkulturierte heidnische Bräuche ist nur ein Aspekt davon. Mit ihrem Ablasssystem hat sie darüber hinaus schon vieles von dem vorweggenommen, was staatliche Klimaschutzbemühungen und grüne Theologie heute zur Vollendung bringen.

Selbst wenn es das ursprüngliche, reaktionäre Ziel der RKK gewesen sein sollte, heidnische Traditionen in christliche Überzeugungen zu inkulturieren, zeigt die aktuelle Entwicklung, dass stattdessen die Papstkirche ihrerseits schon längst selbst in den Kult um „Mutter Erde“ inkulturiert worden ist. Nicht nur, dass sie in der Atompolitik zum Teil sogar noch grüne Positionen toppt, als „Green Pope“ sagt ihr Oberhaupt dem zynischen ausbeuterischen Wirtschaftsliberalismus und dem Erbe des Affen Bush den Kampf an und steht stolz an vorderster Front für die Rettung des Planeten.

Aber wenn Leute, die sich Christen nennen, sich freiwillig schon so weit der heidnischen New-Age-Ersatzreligion des Ökologismus unterwerfen, dass sie „Mutter Erde“ an die Stelle Gottes des Vaters stellen, wird es mit der Kapitulation bei Themen wie Abtreibung oder Sexualmoral auch nicht mehr lange dauern.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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Kolumne

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von Alan Posener
22.05.2010
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