Es gibt ja immer Krise und nie gute Zeiten – zumindest kriege ich die nicht mit. Dagobert Jäger

Hart aber besser unfair

Es gibt unzählige Gründe, ein Gespräch zu führen, aber nur zwei, eines zu verfolgen: Erkenntnisgewinn und Unterhaltung. Beides liefern die ARD-Polittalks in unfreiwilliger Form.

Das Einzige, was der halbwegs interessierte Zuschauer hier immer wieder aufs Neue lernt – und sofort wieder verdrängt –, ist, welches Maß an Dilettantismus die ARD dauerhaft auf prominenten Sendeplätzen duldet. Unterhaltung bieten die Shows hingegen zuverlässig. Beispielsweise Lobbyist Michael Lüders, der auf seiner eigenen Homepage die „Begleitung von Firmen aus dem deutschsprachigen Raum, die sich im Nahen und Mittleren Osten engagieren oder bestehende Geschäftsfelder erweitern möchten“ bewirbt. Unschuldig wird er als neutraler „Nahostexperte“ eingeführt. Peinlich ist, dass die Senderverantwortlichen diese Freakshows ernst meinen. Plasbergs Thema „Was treibt die Deutschen in den Baumarkt“ hätte zwar von Loriot erdacht sein können, war aber keine geplante Satire. Die simple Antwort gab Wolfgang Röhl: „Viele Deutsche gehen in den Baumarkt, weil sie was bauen wollen. Aber dafür leider keine Jahresgehälter im oberen sechsstelligen Bereich aus GEZ-Gebühren (wie ARD-Talkshowgrößen) zur Verfügung haben.“

Vor ein paar Wochen hat der „Programmbeirat“, grundlegende Kritik an der Talkschiene geäußert. Und damit eine weitere Metaebene der Dämlichkeit draufgesattelt. Exakt das, wofür Jauch Prügel kassiert („er hakt selten nach, setzt sich sogar teilweise über die Antworten seiner Gäste hinweg, vertritt eine klar erkennbare eigene Meinung, folgt strikt seinem vorgefertigten Konzept“), ist plötzlich „brillant“, wenn der unerträglichste aller ARD-Talker, Beckmann, dasselbe tut: „Ins Thema einführen, den Gesprächsfluss strukturieren und eine gesamtgesellschaftliche Botschaft ableiten“. Beckmanns größtes, nein, einziges Verdienst ist zweifelsfrei, die Vorlage für Max Giermanns erschreckend gute „Switch“-Parodien zu liefern.

Und ewig grüßen dieselben Gäste

Ein anderer Kritikpunkt der Gremien-Gremlins trifft hingegen zu: die ewig repetitive Gästeauswahl, die jeden Erkenntnisgewinn zuverlässig verhindert. Die Maischberger-Folge „Die Salafisten kommen“ muss man nicht sehen, um zu wissen, was Schauspielerin Renan Demirkan, Journalist Michel Friedman, Imam Scheich Hassan Dabbagh, Ex-Viva-Moderatorin Kristiane Backer, „Spiegel“-Journalist Matthias Matussek und CDU-Politiker Wolfgang Bosbach dazu sagen. Und stünden nicht zum Beweis des Gegenteils Trigema-Filialen an tristen Orten deutscher Vorstädte herum, müsste man glauben, Wolfgang Grupps Erstwohnsitz befände sich an seinem Arbeitsplatz in der Anne-Will-Garderobe.

Doch auch wenn die Redaktionen weniger holzschnittartig casteten, würde die Sendungsdramaturgie interessante Gespräche zuverlässig verhindern. Bedarf z.B. ein juristisches Thema einer abstrakten, theoretischen Erläuterung, wird garantiert irgendein vom Leben gebeutelter Normalmensch aufs Betroffenensofa gezerrt. Weil es schlicht unverschämt wäre, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass sein bedauerliches persönliches Schicksal ein Kollateralschaden größerer, wichtigerer Entscheidungen ist, findet die eigentlich nötige Diskussion nicht statt. Wie auch? „Frau Müller, nachdem Sie sich von einer übel beleumundeten Drogeriemarktkette haben ausbeuten lassen, werden Sie mit 58 auch dann niemals wieder einen Job finden, wenn der Staat Abermillionen Euro in einer Transfergesellschaft verbrennt.“ Das sagt schon aus Höflichkeit kein Politiker.

Sollte sich versehentlich doch ein interessanter Austausch ergeben, dann steht stets ein Einspieler bereit, um den Gesprächsfluss zu zerstören – z.B. Voxpops, also Dreißigsekünder, in denen „Menschen auf der Straße“ zu Themen befragt werden, von denen sie nichts wissen müssen, die dann so ausgewählt und geschnitten werden, dass sie eine Meinung wiedergeben, die der Moderator wesentlich eloquenter selbst hätte zur Diskussion stellen können.

Es hilft nur Abschaffen

Der ARD-Talkschiene hilft nur: Abschaffen. Und stattdessen Talkshows zeigen. Die gibt es nämlich. Charlotte Roche ist zwar eine erbärmliche Autorin und hat von Energiewirtschaft sehr viel weniger Ahnung als ihre lautstarke Meinung hierzu eigentlich voraussetzen würde – aber im TV mit Leuten reden, das kann sie wirklich sehr, sehr gut, wie sie mit Jan Böhmermann auf ZDF Neo unter Beweis stellt. Im selben Digitalsender gut versteckt wurde Benjamin von Stuckrad-Barres sensationeller Polit-Talk, der nach kleinen Korrekturen perfektioniert und nun von Tele 5 abgeworben wurde.

Sonntagmittags diskutiert Carla Brunis Ex Raphaël Enthoven auf arte mit einem Gast philosophische Fragen. Ebenfalls auf arte läuft außerdem das unmoderierte Gespräch „Durch die Nacht mit“, das einen prominenteren Sendeplatz dringend verdient hätte. Und die beste aller klassischen Talkshows gibt das ZDF nun ohne Not auf: In Volker Panzers „Nachtstudio“ sitzen jede Woche interessante Menschen, die man in der Regel eher nicht aus dem Fernsehen kennt, die sich aber trotzdem ausdrücken können und denen man dabei zusehen kann, wie sie selbst während ihrer Unterhaltung voneinander lernen. Die Redaktion beweist nebenbei, dass ein Gespräch über Medizin ohne Karl Lauterbach möglich, angenehm und wünschenswert ist.

Sollte die ARD hingegen partout bei der „bewährten“ Gästeauswahl bleiben wollen, hülfe es vielleicht schon, die Moderatoren auszutauschen. Eine Sendung mit den üblichen Verdächtigen könnte durchaus interessant und unterhaltsam sein. Wenn sie von jemandem moderiert würde, der nicht mal vorgibt, fair vermitteln zu wollen. Also von mir. Oder von Niels Ruf.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ramin Peymani, Alice Weidel, The European Redaktion.

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