Obrigkeitsstaatliche Spaßbremsen

David Harnasch16.07.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Wer andern das Rauchen verbieten will, verwendet falsche Metaphern und will den Menschen in einer stinkenden Welt ihren Geruchssinn zurückgeben. Dabei sind Glimmstängel ausweislich ihrer Kulturgeschichte cool.

Die Bayern verderben sich basisdemokratisch den Spaß und antworten auf die Frage “Wollt ihr das totale Rauchverbot?!” im Chor “Jaaaaa!”. Wenigstens beschließen die Bürger ihre Entmündigung in diesem Fall selbst, statt sie von obrigkeitsstaatlichen “Verbraucherschützern” oder Gesundheitspolitikern verordnet zu bekommen. Das ändert nichts daran, dass dies eine vollkommen unzulässige Bevormundung ist.

Und alle so: “Jaaaa!”

“Rauchen in öffentlichen Räumen ist, wie in einen öffentlichen Pool zu pinkeln” – völlig richtig. Wer aber als Nichtraucher Alkoholikern in Eckkneipen mit Daddelautomaten die Zigarette verbietet, könnte ebenso gut als kinderloser Single im Babybecken inkontinenten fremden Nachwuchs ohrfeigen. Die zivile Alternative: freiwillig draußen bleiben. Der Nichtraucherschutz ist nur vorgeschoben, sonst könnte sich jeder Wirt mit einer guten Lüftung freikaufen. Tatsächlich geht es um Volkserziehung, um die staatliche Regulierung auch noch des privatesten Lebensrisikos. Ich habe seit acht Jahren keine Zigarette angerührt. Ich beneide all jene echten Gelegenheitsraucherinnen (es sind interessanterweise ausschließlich Frauen), die tatsächlich fünf Zigaretten an einem schönen Abend rauchen und dann wochenlang keine anrühren. Denn natürlich ist rauchen stylish, kontaktfördernd und schlichtweg cool: Gerade weil es keinen echten Nutzen bringt. Vielen Menschen bereitet es Freude, ihr Selbstbild aus einer sorgfältigen Markenmischung zu kompilieren. Insofern ist es lächerlich, wenn ein frankofiler Gauloises-Raucher sich statt als “selbstbestimmt” als “Marketing-Opfer” diffamiert sieht – von meinem Vorredner, dessen Panerai ebenso laut den finanziellen Erfolg ihres Besitzers postuliert, wie eine Packung “Drum”-Tabak verkündet, Geld sei aber mal sowas von egal. Gerne würde ich persönlich die Linda-Farrow-Brille, Eterna-Uhr und den Montblanc-Füller mit der wunderschönen blauen NIL-Packung ergänzen – doch leider brächte es mich mittelfristig um. In diesem Wissen lautete mein Schwur vor Jahren: “Auch weiterhin dürfen Gäste in meiner Wohnung rauchen. Niemand wird jemals in die Kälte geschickt. Aschenbecher und auch Zigaretten stehen stets bereit. Und sollte ich jemals irgendein Zeichen der Militanz bei mir bemerken, zünde ich mir sofort eine an!”

Selbsthilfeautoren und Tabakfirmen wollen an unser Geld

Hier nun das ehrliche Antidot zu verlogenen Nichtraucherratgebern: * Absolut jeder mir persönlich bekannte Ex-Raucher hat mit dem Ende dieses Hobbys dramatisch zugenommen, es gibt nicht eine einzige Ausnahme von dieser Regel. * Ex-Raucher sind tatsächlich körperlich leistungsfähiger. Zum Glück, sonst überlebten sie nämlich die Dosis Sport nicht, die nötig ist, um die Verfettung einigermaßen auszugleichen. * Wie versprochen regeneriert sich der Geruchssinn sehr schnell – was fantastisch ist, wenn man hauptberuflich für den Guide Michelin arbeitet oder Sommelier ist. All jenen, die gelegentlich öffentliche Verkehrsmittel benutzen, ist das hingegen blanke Folter. * Welch großartige Gesprächseröffnung “Hätten Sie mal Feuer?” ist, merkt man erst, wenn sie nicht mehr zur Verfügung steht. (Abhilfe schafft nur ein sehr süßer Hund.) Krankenkassenwarte und Selbsthilfeautoren haben mit Tabakfirmen eines gemeinsam: Sie wollen an unser Geld! Doch egal, was sie erzählen, der empirische Coolnessbeweis existiert, und ist mit seinem Hauptdarsteller unsterblich: Wenn rauchen uncool wäre, wieso ist “Casablanca” ohne Zigaretten undenkbar?

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