Vom Verlust der Empathie

Harald Wilkoszewski9.06.2010Gesellschaft & Kultur

Egoistisch, wetteifernd und narzisstisch – so schätzt eine neue Studie der Universität Michigan die heutige junge Generation ein. Im Vergleich zu Altersgenossen in den 1970er-Jahren zeigten Studierende in den USA nach dem Jahrtausendwechsel deutlich weniger Empathie für ihre Mitmenschen.

Die Zustimmung zu Aussagen wie beispielsweise “Ich sorge mich häufig um Menschen, denen es schlechter geht als mir” sei um 40 Prozent zurückgegangen. Die Autoren der Studie benannten zwei Ursachen für diese Entwicklung: zunehmender Konkurrenzdruck im sozialen Umfeld und den Umgang mit neuen Medien. Der unverbindliche Charakter virtueller Kommunikation könnte sich nach und nach auf zwischenmenschliche Verhaltensweisen außerhalb des Internets übertragen haben. Steuern wir auf ein Zeitalter der zwischenmenschlichen Kälte zu? Die Studie lässt ahnen, dass es um den künftigen gesellschaftlichen Zusammenhalt in den USA nicht gut bestellt ist: Das Interesse an Mitmenschen, vor allem an schwächeren, ist eine Grundvoraussetzung für den sozialen Kitt eines Landes. Der Verlust dieses Interesses bei Jüngeren wird die Gesellschaft nachhaltig prägen, denn zentrale Wertvorstellungen bilden sich vor allem in jungen Jahren heraus.

Jugendliche scannen unter dem Motto “Aufstieg statt Abstieg”

Nun ist Deutschland nicht die USA – dennoch ist die Frage berechtigt, ob ähnliche Tendenzen bei der hiesigen Jugend zu beobachten sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass gesellschaftliche Entwicklungen über den Atlantik schwappen. Und über die vergangenen Jahre hat der Karrieredruck auf junge Menschen auch in Deutschland deutlich zugenommen. Die Shell-Jugendstudie stellt dazu fest, dass – ähnlich wie in den USA – dieser Druck nicht spurlos an der jungen Generation vorübergegangen ist: Unter dem Motto “Aufstieg statt Abstieg” scannen die Jugendlichen ihr soziales Umfeld sehr genau, um persönliche Chancen zu steigern. Gesellschaftliches Engagement steht zwar hoch im Kurs. Der Nutzen für die persönliche Entwicklung ist aber die Hauptmotivation. Das leistungsgesellschaftliche Konzept der “Ich-AG”, das Erfolg allein mit beruflichem Erfolg gleichsetzt, bricht sich Bahn. Angesichts des demografischen Wandels wäre diese Entwicklung für Deutschland noch einschneidender als für die USA, deren Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten kaum altern wird. Schon heute unterscheiden sich die Generationen hierzulande deutlich in ihren sozialpolitischen Einstellungen. Neuere Umfragedaten belegen, dass Ältere weniger häufig staatliche Transfers an Familien und Kinder befürworten als Jüngere und bei der Rente eher selten gewillt sind, Abstriche zugunsten der jüngeren Generation zu machen.

Es braucht einen werteorientierten Politikansatz

Dieses Ergebnis mag für das Verhältnis der Generationen bedauerlich, ja belastend sein. Es bleibt aber zu berücksichtigen, dass die heutigen Senioren während ihres Lebens große Entbehrungen durch die Kriegs- und Nachkriegszeit erlitten und das Land wieder aufgebaut haben. Mit Ichbezogenheit und reinem Karrieredenken kam man da nicht weit. Wenn nun also die ganzen jungen Ich-AGs unserer Tage dereinst alt sind und die Mehrheit in der Bevölkerung stellen, bedeutet dies: Besser wird’s nicht werden zwischen den Generationen. Denn in 30 Jahren könnte die Kluft zwischen den sozialpolitischen Einstellungen von Jung und Alt noch weiter auseinanderklaffen als heute. Dies ist kein festgeschriebenes Schicksal – Einstellungen sind beeinflussbar, sie können sich wandeln. Für die Sozialpolitik heißt das, dass sie stärker in die Vermittlungsarbeit zwischen Jung und Alt investieren muss. Dazu braucht es einen werteorientierten Politikansatz, der jenseits rein ökonomischer Überlegungen den Zusammenhalt der Generationen in den Mittelpunkt stellt.

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