Die Genealogie der protestantischen Moral als Antidot zum Kirchentag

von Harald Seubert25.06.2019Innenpolitik, Medien

Der sog. »Doppelbeschluss« des Kirchentagspräsidiums, der »Workshop Vulven malen«, der notorische »Markt der Möglichkeiten«: Vieles in Dortmund wird bruchlos an einen Hauptzug der »Lutherdekade« anknüpfen: Theologievergessenheit. Aus einiger akademischen Distanz ergeht daher mein Notruf: »Dortmund, wir haben ein Problem.«

Vorab

Eher durch Zufall in den evangelisch-lutherischen, teilweise pietistisch getönten Zweig meiner Familie hineingeboren, bewunderte ich lebenslang Luthers Wiederentdeckung des Wortes, die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung »allein aus Gnade«. Das Turmerlebnis mochte erfunden sein oder nicht: Die Erfahrung, dass die Pforte des Paradieses aufgestoßen wurde, gab dem Glauben Glanz und Wirklichkeit. Mit Hegel hätte ich sagen können: »Ich bin und bleibe Lutheraner!« Der geistige Nimbus des evangelischen Pfarrhauses, der von Lessing bis zu Benn reicht, tat das Seine. Allerdings: in der evangelischen Kirche, in der ich seit den siebziger Jahren sozialisiert wurde, war davon kaum etwas zu spüren. Sie politisierte lieber auf höchstem moralischem Fundament und ihre beamteten »VertreterInnen« hatten je länger je weniger Nerv für Widerspruch. Es gibt eine protestantische Binnenkultur, die bei allen Toleranz-Voten von einer eigenen Unduldsamkeit geprägt ist. Zudem: aufgrund meines bayrischen Verwandtschaftszweiges und einer rheinischen Verwandtschaftslinie war mir von früh an auch die römisch-katholische Liturgie, nachkonziliar zwar, ein vertraut-fremdes Faszinosum, ein Schauspiel, in dem »es Ereignis wird«, reale Gegenwart (G. Steiner). Hier sah ich einen Glanz, in dem Tod und Auferstehung präsent gemacht bleiben und es glaubhaft wird, dass der Heilige Geist in der Sukzession der Einen Kirche wirksam ist. Nicht zuletzt waren es katholische Freunde, Lehrer wie Robert Spaemann und Kollegen, mit denen ich grundlegende Weltansichten teilen konnte.
In dieser Spannung bewege ich mich seit mehr als dreißig Jahren als Philosoph – und (evangelischer) Theologe und sehe gleichermaßen unbefriedigt auf die Konsenspapiere einer ÖRK-Ökumene, in der die ungespaltene Einheit der Katholizität durch Kompromisslösungen ersetzt wird, und auf die konfessionalistischen Identitätsbekundungen in Zeiten der Säkularisierung, die um den Topos der »versöhnten Verschiedenheit« kreisen. Ein im besten Sinn evangelisches Leben, Glauben und Denken aus dem Wort und eine Katholizität, deren Traditionsbildung auf die wechselnden Zeitumstände reagiert und doch eine bleibende nicht-relativierte Wahrheit in der Zeit festhält, scheinen mir einander gegenseitig zu ergänzen und zu fordern.

Deshalb: »Dortmund, wir haben ein Problem.«

Eines der vielen Provokationen von Horst G. Herrmanns Buch Im Moralapostolat. Die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation, das 2018 in zweiter Auflage erschien, lautet sinngemäss: Wir müssen mehr Theologie wagen. Reformatorische Theologie wagen. Um sie zu verabschieden. Denn sie geistert, einem Untoten gleich, unaufgeklärt durch unsere politische Kultur. Herrmann entwickelt diesen und weitere, höchst anregende Gedankengänge in einer Reihe von 33 Marginalien, die sich lose aneinanderreihen, aber zusammengenommen ein subtiles Gewebe ergeben. Stilistisch brillant, pointiert zupackend, plastisch, dabei aber höchst belesen und einen Palimpsest im Gespräch der Lebenden und der Toten (M. Bloch) entfaltend.

Den heil- und geistlosen Moralismus unserer Tage sieht er in der Reformation des 16. Jahrhunderts grundgelegt. Die tiefe (Selbst-)Entfremdung der »VerwalterInnen« des Reformationsjubiläums vom Reformator ist in der DNA der Reformation selbst vorgezeichnet: Luthers Verschärfung der augustinischen Erbsünde, seine Rechtfertigungslehre, die berühmten sola-Zuspitzungen führen zu einer Totalität der Sünde und verdunkeln, was sie eigentlich erhellen sollten: die Souveränität Gottes. Der Blick für Allmacht und Herrlichkeit Gottes, für die Würde des Menschen und seine Berufung zur Nachfolge gehe in einer eigentümlichen »Dialektik der Reformation« verloren. Das »solus Christus« z.B. lenke den Blick weg von der Herrlichkeit Gottes und dem heilsgeschichtlichen und metaphysischen Zusammenhang der Trinität.

Erik Peterson, der geniale Exeget, Patristiker und Konvertit, ist zu Recht einer der Kronzeugen in Herrmanns Diagnose der fundamentalen protestantischen Schieflage: Entwirklicht werde auf diese Weise die christliche Existenz, »da hier weder die Sünde noch die Realität des erlösten Menschen ernstgenommen werde«. Herrmann zitiert auch aus dem spektakulären Briefwechsel Petersons mit Adolf von Harnack, in dem der »kulturprotestantische Papst« »die Restrelevanz einer Kirche ohne Gestalt und ohne Dogma« (Herrmann) allein im moralisch Funktionalen verortet und er Peterson gegenüber zudem einräumt, darin sei der Neuprotestantismus »eine legitime Konsequenz des Altprotestantismus«.

Vom Leben in einem »neuen Äon« zeugt die Theologie der Reformatoren gerade nicht. Naheliegend ist daher die Gefahr, sich sein eigenes Konzept eines »Reiches Gottes« zurecht zu machen, das am Ende eher utopische als eschatologische Züge hat. Diese Geschichte reicht von den Bauernkriegen bis zu den »Politischen Nachtgebeten« der Dorothee Sölle. Herrmann kann die Praxis des »Geistes der Liturgie«, des hohen Spiels der Gegenwart Gottes in seinem wandernden Gottesvolk, als Gegenmacht ins Spiel bringen: »zweckfrei sich ausströmendes, von der eigenen Fülle Besitz ergreifendes Leben, sinnvoll eben in seinem reinen Dasein«, wie Romano Guardini diesen Geist bestimmt.

Dieser Geist bleibt dem Protestantismus fern. Dies könnte ein Grund sein, warum mystagogische Sinnsuchen und in Kompensation zur entzauberten Welt in Geltung gesetzte »Spiritualitätsangebote« des Protestantismus, namentlich auf den Möglichkeitsmärkten der Kirchentage, so gezwungen und halbherzig sind.
Es gibt, worauf Dietrich von Hildebrand bereits vor fünfzig Jahren hinwies, eine Zurückweisung von Dogma, Herrlichkeit und Anbetung, die die säkularistischen Gespenster, die »trojanischen Pferde« einer gnadenlosen Hypermoral in die Mauern Gottes einlässt.

Herrmann weist wie kaum ein anderer Autor die tieferliegenden Gründe dafür auf, weshalb es Schicksal protestantischer Neuerungen und Reformationsversuche ist, bis weit in den freikirchlichen Bereich hinein, von einer Spaltung zur nächsten zu führen. Beansprucht wird der »Geist der ersten Zeugen«, des Urchristentums. Er wird aber durch die Brille eines Reinheitsfetischismus und einer überzogenen Ausschließlichkeit gesehen. Ambiguitätstoleranz: Fehlanzeige.
Soweit die Globaldiagnose. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail: Ihm geht Herrmann mit Akribie und zugleich Leidenschaft nach und erweist sich darin als philologischer Kritiker und Psychologe aus dem Geist Nietzsches. Doch im Gegensatz zu diesem will Herrmann christlichen Glauben nicht zerstören, sondern seine dauerhafte Manifestation freilegen.
Dass von der Rechtfertigungslehre der Reformatoren im heutigen Protestantismus nurmehr eine Tribunalisierung der Öffentlichkeit bleibt, analysiert er konsequent. Dass daraus geradezu pathologische Volten geschlagen werden: Eine Identifikation mit den Tätern und eine potenzielle Identifizierung mit den jüdischen und anderen Opfern von einst, gibt jenem Moralismus eine schizoide Anmutung und macht ihn auch ethisch unglaubwürdig. Herrmann benennt mit aller erforderlichen Klarheit den Hiatus der Shoah, um an ihm einen »Gedächtnisverlust durch Erinnerungskultur« namhaft zu machen, eine vertrackte »Banalisierung des Bösen«. Er folgt einerseits Helmut Dubiels noch immer erinnernswertem Bonmot, dass der Faschismus so grundfalsch gewesen sei, »dass nicht einmal sein Gegenteil richtig ist«; andrerseits fordert er ein Begreifen, das sich nicht in Engagement erschöpft. Nur dieses wäre auch moralisch valide.

Die neue »Public Theology«, die sich als Fortsetzung der politische Agenda mit religiösen Mitteln versteht und Religion auf Zivilreligion reduziert, führt, so Herrmann weiter, das Erbe der Zwei Reiche-Lehre des Protestantismus ad absurdum. Die protestantische Hypermoral könne sich nicht selbst von außen sehen. Sie versteht sich selbst in jakobinischem Ungeist als »alternativlos«. Die einschränkende, nicht die ermöglichende Dimension des Normativen dominiere.

Schließlich hat die Kirche des Wortes vor den Methoden der historischen Kritik kapituliert. Sie ist deshalb von den philologischen Erodierungen auf den Tod erkrankt, weil sie nicht nach der Erfahrungsgestalt und Verleiblichung des Wortes fragte.

Diese Verleiblichung verfolgt Herrmann nicht nur im Blick auf die lateinische Kirche, sondern auch der Präsenz des trinitarischen Gottes im Geheimnis seiner Liturgie in der Orthodoxie. Während von Harnack auf sie als eine voraufgeklärte, nicht satifaktionsfähige Ausprägung von Christlichkeit herabsah, gewinnt sie zunehmend Bedeutung für die Konkretion und Verleiblichung christlicher Existenz.

Ja, Herrmann liebt es zuzuspitzen, er fordert auch Widerspruch und Argument heraus. Dies gibt seinem Buch einen konfrontativen und zugleich tief humanen, nämlich dialogischen Charakter. Er destruiert in heilsamer Absicht, er dekonstruiert im Sinn einer sachlichen Apologetik. Er zeigt zudem eindrucksvoll, wie recht Nietzsche mit der Bemerkung hatte, erlöster müssten die Christen aussehen, wenn er an ihr Zeugnis glauben solle.
Nochmal: »Dortmund, wir haben ein Problem.« Vermutlich sogar mehrere.

Harald Seubert. Professor und Fachbereichsleiter für Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel, seit 2009 nebenamtlicher Dozent für Politische Philosophie an der Hochschule für Politik München. Seit 2016 Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft.

Horst G. Herrmann: Im Moralapostolat. Die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation. Edition Sonderwege. Berlin: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung 2. Auflage 2018, 381 S.

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