Twitter trifft Grundgesetz

Harald Katzmair7.01.2014Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Schumpeter hat uns die Innovation erklärt, Clausewitz den Krieg. Macht erlangt auch im digitalen Zeitalter nur, wer beides ins Feld führt.

Die in etablierten politischen Parteien und Institutionen repräsentierte Macht wirkt alt und hilflos angesichts der Lichtgeschwindigkeit des ­automatisierten Handelns an den Börsen, selbstlernender Daten-Roboter, sowie minütlich neu entstehender Shitstorms in den sozialen Medien.

Erleben wir tatsächlich das Heraufdämmern einer neuen Macht der Schwärme und der sie begleitenden algorithmischen Echtzeitmaschinen? Oder handelt es sich bei den sozialen Netzwerken um das ultimative Manöver einer alten Macht, die sich – wenn man Google & Co. genauer betrachtet – mehr denn je in den Händen ganz weniger konzentriert und sich ihre Dominanz statt mit ­Armeen mit Algorithmen sichert?

Die Tatsache, dass sich unsere Welt immer schneller dreht, und die Zyklen der „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter) immer schneller durchlaufen werden, wirft eine grundlegende, existenzielle Frage an jede Form von Macht auf: Unter welchen Bedingungen kann sich Macht immer wieder neu erfinden, wo erschöpft sie sich, stirbt sie ab, kann keine kreativen Potenziale mehr aufbauen?

Macht hat, wer handlungsfähig bleibt

Die Frage der Macht wird so zu einer Frage der Thermodynamik, Plastizität und Resilienz von Macht: Wer ist zu schnell und brennt aus? Wer ist zu langsam und erstarrt? Wer bleibt adaptiv, entwicklungs- und lernfähig? Wie erneuern wir als Einzelpersonen, Organisationen, Kommunen oder Nationen unser Potenzial, immer wieder­ ­Zyklen der Erneuerung zu durchlaufen, ohne dabei ­tatsächlich „zerstört“ zu werden?

Spätestens seit Clausewitz sind Strategie- und Handlungsfähigkeit genuin eine Frage der „Ökonomie der Kräfte“. Und die zentrale Frage der Macht ist, welche Art von Kräften sie mobilisieren kann und – um mit Clausewitz zu sprechen – ob diese Kräfte „zum entscheidenden Zeitpunkt“ in strategisch abgestimmter Form zur Verfügung stehen. Wie erneuert aber die Macht ihr Potenzial „zu machen“?

Die Antwort liefern die Netzwerke der Macht und deren Morphologie. Diese sind nicht nur ­Vehikel zur Realisierung und Kapitalisierung des eigenen Potenzials, sie sind auch Milieu der Erneuerung und Regeneration des Potenzials. Die in den Netzwerken gebundenen Kräfte in Form von Geld, Kapital, Wissen, Technologien, Visionen und Geschichten unterliegen selbst ihren spezifischen Schumpeterʼ schen Zyklen schöpferischer Dekonstruktion.

Tweets entstehen im Sekundentakt, Meinungen schwanken im Wochen-, Moden im Monatstakt, Gesetze verändern sich im Zyklus von Jahren oder Jahrzehnten. Netzwerke sind Vektoren wirkender Kräfte unterschiedlicher Geschwindigkeit und Veränderungsraten.

Wie unsere Strategie- und Netzwerkanalysen immer wieder zeigen, steht und fällt die Erneuerungsfähigkeit und Resilienz von Macht damit, ob es gelingt, schnelle und langsame Zyklen miteinander zu verbinden.

Wer ausschließlich schnelle Kräfte im Portfolio hat, für den ist das Risiko auszubrennen sehr hoch. Hat man jedoch nur langsame Kräfte vorzuweisen, sind Erstarrung und Mumifizierung das Ergebnis. Sind im jeweiligen Beziehungsportfolio beide Geschwindigkeiten gegeben, so verfügt diese Person oder Organisation über die Elastizität und Fähigkeit der Rekombination von Kräften.

Denn das oberste Ziel der Strategiebildung ist die Aufrechterhaltung der Handlungs- und ­Bewegungsfreiheit. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Schwerpunktverlagerungen vorzunehmen. Dazu müssen – wie Clausewitz sagt – die unterschiedliche Geschwindigkeiten repräsentierenden Armeeeinheiten aufeinander bezogen bleiben.

Doch wer besitzt heute noch die Fähigkeit solcher „Schwerpunktverlagerungen“? Wer verfügt über Netzwerke, die das Schnelle mit dem Langsamen, das Lokale mit dem Globalen, das Alte mit dem Neuen verbinden? Wenn wir auf die Schwärme in neuen Medien wie Facebook blicken, erkennen wir sofort, dass diese dazu nicht in der Lage sind.

Shitstorms sind negativ, destruktiv und nicht produktiv gestaltend. Und auch etablierte politische Systeme scheinen angesichts des stummen Zwangs ökonomischer und budgetärer Verhältnisse nur noch eingeschränkt handlungsfähig. Die Krise des amerikanischen politischen Systems sowie die ­Erschöpfung des europäischen Integrationsprojekts sind klare Zeichen einer Krise der Macht.

Mehr denn je benötigt es neue Führung

Wir erleben eine Krise der Plastizität, der Elastizität und damit der Gestaltungsfähigkeit von Macht. Die Macht sowohl in ihrer bürgerlichen als auch technokratisch-algorithmischen Form verliert die Fähigkeit, syntegrativ die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Welt zu verbinden. Die Lichtgeschwindigkeit, mit der das Finanzkapital „Schwerpunktverlagerungen“ an den Börsen vornimmt, wirkt – ähnlich dem Shitstorm – zersetzend, fragmentierend, und zugleich­ immer weniger gestaltend.

Mehr denn je ist die Notwendigkeit einer ­integrativen Macht gegeben. Mehr denn je benötigt­ es einer Führung, die in der Lage ist, getrennte Welten zu verbinden und produktiv miteinander in ­Beziehung zu setzen. Das war und bleibt das ­Projekt der Demokratie.

Ambiguitätstoleranz ist dabei das Gebot der Stunde. Resilienzmanagement, das die eigenen Netzwerke nach Gesichtspunkten komplementärer Kräfte und Geschwindigkeiten gestaltet, ein anderes.

Gelingt es uns nicht, unser Handeln aus einem Verständnis einer „Ökologie der Geschwindigkeiten“ abzuleiten, werden wir uns in Nischen verlieren und aufgerieben zwischen Burn-out und Erstarrung.­

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