Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Vom Missverständnis der Kirche

Die Schönheitskonkurrenz konfessioneller Milieuprägungen bleibt hinter den gemeinsamen Herausforderungen an Christen und Kirche zurück. Kirche mit gesellschaftlicher Wirkung können wir dann sein, wenn wir Hinweis auf den lebendigen Gott sind. Und dabei auf eine „ungeistliche“ Eifersucht um die Ehre der je eigenen Tradition verzichten.

Fast könnte man sich versetzt fühlen in die Zeiten eines Ulrich v. Hutten und seiner streitbaren Humanistenfreunde, wenn Alexander Görlach und Andreas Püttmann ihre literarischen Klingen in Sachen Kirche, Glaube und Konfessionen kreuzen.

Wie Fans rivalisierender Fußballclubs

Wäre da nicht noch die ganz andere Assoziation vom Disput zwischen den Fans rivalisierender Fußballclubs. Wer hat wohl die Nase vorn: Vatikan 02 oder Spielvereinigung Reformation und FamilienGoDi? Da werden „Fouls“ und „Torchancen“-Statistiken angeführt, Pädophile gegen Kirchenaustritte gerechnet. Nicht zu vergessen die durchschnittlichen Besucherzahlen je Kirchenschiff.

Erlöster könnten wir Christen vielleicht wirklich aussehen, und vielleicht auch „gnädiger“.

Wollen wir wirklich in einen konfessionellen Wettstreit treten über Bonhoeffer oder Galen, Paul Schneider oder Maximilian Kolbe? Oder uns im Ernst wechselseitig den früh gescheiterten Versuch der NS-Strategen einer politischen Gleichschaltung über die sogenannten „Deutschen Christen“ und die katholisch-faschistoiden Ustascha in Kroatien vorhalten?

Sollten wir nicht eher miteinander (statt im Anklagen) bekennen, dass „wir“ alle „nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt haben“? Zumal uns Nachgeborenen eine gewisse Zurückhaltung hier wohl ohnehin gut ansteht. „Wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle“, so mahnt uns der (gemeinsame) Apostel Paulus.

Und ob der „katholisch-polnischen“ Solidarnosc oder den evangelischen Friedensgebeten in Bachs Leipzig das größere Verdienst am Fall der Mauer zukommt, das sollte angesichts der beispiellosen Entchristlichung des „ehem. ev.“ Sachsens wie des „ehem. kath.“ Tschechiens kaum unsere dringlichste Sorge sein.

Der Schweizer Theologe Emil Brunner schrieb 1951 einen immer noch anregenden Beitrag über das „Missverständnis der Kirche“, in dem er zu Recht darauf hinweist, dass Kirche sich selbst missversteht, wo sie sich nicht v.a. begreift als eine Gemeinschaft des Dienstes am Glauben an Christus und der lebendigen Begegnung mit IHM und dem heil-schaffenden Geist Gottes.

Zum Glauben an Christus einladende Ausstrahlung

Wo sie den Blick vor allem auf sich selbst zurückwendet – schon gar, auf ihre eigne Ehre bedacht, in „Konkurrenz“ mit anderen – da hat sie längst aufgehört, Licht und Salz zu sein, ja ist auch nicht mehr wirklich Kirche. Allenfalls noch ihr entstellter und kraftloser Anschein. Wichtiges Kennzeichen von Kirche ist ihre zum Glauben an Christus einladende „Ausstrahlung“– zum Glauben an den auferstandenen Christus wohlgemerkt, nicht zur soziologischen Zugehörigkeit zu einem kirchlichen Milieu, die sich dann – vielleicht – von selbst ergeben mag.

Zu denken geben sollte uns gemeinsam, dass Fragen wie der Zölibat, die „Modernefähigkeit“ der Kirchen oder der Vergleich an Medientauglichkeit der Bilder das Aufregendste zu sein scheinen, worum öffentliche Debatten kreisen.

Das kann Auskunft geben über die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die dem „was uns unbedingt angeht“, umtriebig und zuweilen selbstgerecht auszuweichen versucht. Es stellt aber auch Christen vor die Frage nach ihrem Auftrag, „inspirierender“ und „geistvoller“ zu bekennen und zu glauben, und darin wahre, christliche Kirche zu sein.

Vom (ev.) Stuttgarter Alt-Bischof G. Maier hörte ich einmal, wenn wir nur alle zusehen wollen, näher an Christus zu sein, würde sich die Frage unserer relativen Stellung zueinander leicht lösen. Wollen wir also gemeinsam und „inter-konfessionell“ doch noch ein bisschen weiter springen, meine lieben Herren Brüder in Christo?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European Redaktion, Alexandre Kintzinger, Edgar Ludwig Gärtner .

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