Vor dem Kollaps

von Harold James16.11.2014Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Der jüngste Protest gegen die Globalisierung ist von neuer Qualität. Er treibt den Managern zu Recht den Schweiß auf die Stirn.

Widerstand gegen die Globalisierung gab es bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert während der „ersten Ära der Globalisierung“. Er richtete sich damals vor allem gegen Immigranten. Länder wie die USA und Australien, die lange von Zuwanderung profitiert hatten und von Immigranten aufgebaut worden waren, machten ihre Grenzen teilweise dicht.

Das hatte auch Konsequenzen in den Herkunftsländern der Zuwanderer: Der Druck auf dem dort­igen Arbeitsmarkt stieg an, und die Löhne sanken. Ein Ausweg wäre es gewesen, Produktion und Handel zu forcieren. Arbeiter, die früher ins Ausland ­abgewandert wären, hätten in ihrer Heimat eine Anstellung finden und beispielsweise Waren für den Export in reiche Industrienationen produzieren können. Das würde allerdings voraussetzen, dass keine Exportbarrieren existierten und genügend Kapital in die Länder Süd- und Osteuropas floss, um das ­dortige Wachstum zu finanzieren.

An dieser Stelle machte sich die Widerstandswelle bemerkbar: Der Druck der Politik und der Massen trieb den Ausbau von Handelsschranken voran; der Markt für Auslandskredite trocknete aus. Die Wirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre war dann der letzte Sargnagel: Eine Welle der Anti-Globalisierung ging um die Welt, die Wirtschaft wurde ­renationalisiert.

Heute frage ich mich, ob die Globalisierung vor dem erneuten Kollaps steht. Die Gefahr ist jedenfalls deutlich höher als 2001. Seit 2008 existiert, analog zu den 1930er-Jahren, wieder ein Konsens, dass entfesseltes Finanzkapital die Welt destabilisiert habe. Finanzkapital ist angeblich kein Stabilisator mehr, sondern ein Krebsgeschwür im Herzen des Kapitalismus.

Zwei Lösungen bieten sich an. Erstens können wir versuchen, die Risiken im globalen Finanzsektor zu minimieren. Das ist schwierig, vor allem angesichts des Verlangens nach kurzfristiger ­Sicherheit. Die Erhöhung der Kapital­deckung von Banken birgt die Gefahr, dass Kreditmärkte austrocknen und die Welt erneut in die Deflation stürzt. Die Suche nach schnellen Antworten kreiert neue Risiken. Gleichzeitig drängt die Politik darauf, dass Banken zuerst die heimatliche Wirtschaft ankurbeln. Und so kommt es, dass meistens der zweite Lösungsansatz gewählt wird: Der Druck, Banken zu verstaatlichen, steigt.

Globales Outsourcing

Die Wurzeln der heutigen Widerstandswelle sind allerdings älter als die Finanzkrise. In den 1990er-Jahren waren viele Ökonomen überzeugt, dass die Global­isierung kaum negative Auswirkungen auf die Industrienationen haben würde. Seitdem haben wir gemerkt, dass die Verlagerung der Produktion in andere Länder zu massivem Stellenabbau im Westen führen kann. Viele ehemalige Verfechter der Globalisierung sind dadurch zu Kritikern geworden: Sie haben gesehen, dass die Internationalisierung der Wirtschaft zu sinkenden Löhnen und höherer Arbeitslosigkeit beitragen kann, selbst wenn Sportler, Popstars oder Topmanager gleichzeitig zu globalen Spitzenverdienern aufsteigen.

Bis vor Kurzem machten sich die ­Schattenseiten der Globalisierung vor allem am unteren Ende des Arbeitsmarkts bemerkbar. Die Antwort der ­Politik war so logisch wie unzureichend: Bessere Ausbildung sollte es richten. Heute wissen wir, dass ­globales „Outsourcing“ jeden treffen kann. Immer mehr Jobs im IT-Sektor, in der Medizin und sogar in der Rechtsberatung wandern ins billigere Ausland ab. Im 20. Jahrhundert war die Mittelschicht der westlichen Industrienationen noch der große Gewinner der Globalisierung. Heute sorgt sie sich, von den – zahlenmäßig überlegenen – Mittelschichten der Schwellenländer überholt zu werden.

Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist nicht nur ein wachsender Widerstand innerhalb der Politik, sondern populistische Wirtschafts- und Managerkritik. Neue soziale Ungleichheiten werden als Konsequenz der Globalisierung betrachtet.

Für die Sünden bezahlen

Solche wachsenden Ungleichheiten sind – trotz progressiver Steuersysteme – in fast allen Industrie­nationen zu beobachten. Die Gründe dafür sind allerdings komplex: Thomas Piketty hat beispielsweise gezeigt, dass fehlende Innovationskraft zur ungleichen Verteilung von Reichtum beitragen kann. Kurzsichtige politische Entscheidungen haben das Auseinandergehen der Einkommensschere ebenfalls beschleunigt: Billiges Geld mag zwar den Konsum und den Immobilienhandel ankurbeln, wird aber langfristig zum Vorteil der Superreichen. Der Zerfall traditioneller Familienstrukturen und höhere Scheidungsraten tun ihr Übriges und befeuern den Teufelskreis aus schlechter Bildung und Armut. Fiskalpolitische Initiativen sind daher nicht geeignet, soziale Ungleichheit zu bekämpfen.

Die Globalisierung ist angesichts dieser neuen Widerstände auf der Flucht; die Kritik treibt Angstschweiß auf die Stirn von Managern. Konferenzen wie das Weltwirtschaftsforum – die früher parodiert wurden als Stelldichein der ­Globalisierungsfanatiker – sind inzwischen voll von warnenden Stimmen. Schon 2008 erklärte der Gründer und Guru des ­Forums, Klaus Schwab, die Zeit sei gekommen „für unsere Sünden zu bezahlen“. Verteidiger des klassischen Ordoliberalismus sind in Davos kaum noch zu finden.

Das alles weckt Erinnerungen an das Florenz des 15. Jahrhunderts. Der radikale Dominikaner-Mönch Girolamo Savonarola kritisierte damals wortgewaltig das Bankimperium der Medicis, des ­mächtigsten ­Familienclans seiner Zeit. Die Medicis leisteten wenig Widerstand, sondern boten ­Savonarola sogar finanzielle Unterstützung an – zu groß war sein Einfluss. Heute können wir ähnliches ­beobachten: Der Widerstand gegen Kritiker der Globalisierung schwächt sich ab. Noch vor zehn Jahren habe ich Savonarola als frühen Apostel dieser Kritiker verstanden. Inzwischen scheint er ein Prophet der ­Gegenwart zu sein.

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