Das Schöne an Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur so lange gilt, bis man eine bessere liest. Stefan Gärtner

Nach Kundus kommt man nur zum Sterben

Die Bundeswehr beginnt mit dem Abzug aus Afghanistan. ZDF-Reporter Uli Gack war von Anfang an dabei, erlebte alle Tiefen und Höhen des Einsatzes hautnah mit – sein Nachruf auf ein deutsches Experiment in Nordafghanistan.

Irgendwann haben sich die Nachbarn über den Qualm beschwert. Wochenlang verbrennen Bundeswehrsoldaten Mobiliar und Gerät – alles, was den Rücktransport nach Deutschland nicht lohnt, wird vernichtet. Eine Herkulesaufgabe: Was in zehn Jahren containerweise nach Kundus geschafft wurde, soll in wenigen Wochen abgewickelt werden. Als der Abzugstermin bedrohlich näher rückt und die Soldaten vor den Materialbergen beinahe kapitulieren, hat man eine Idee: Weg mit dem Zeug, einfach in Container verpacken, und dann als Gesamtpaket an Schrotthändler versteigern.

Nur Sprengen geht schneller

Es ist eine alte Soldatenweisheit, dass nur Sprengen noch schneller geht. Beinahe hätten die Soldaten palettenweise nagelneue und sündhaft teure Nachtsichtgeräte in die Luft gejagt. Ein Irrtum, wie später eingeräumt wurde. Die Aktion wurde angeblich in letzter Minute gestoppt.

Das Feldlager Kundus ist nun ausgeräumt und wirkt merkwürdig leer und verlassen. Weit über 1.000 deutsche Soldaten waren hier untergebracht. Dazu Niederländer, Amerikaner, Armenier. Eine fast schon unheimliche Stille. Keine Stiefeltritte, keine Befehle, kein MG-Rattern von den Übungsplätzen. Eine Pizzeria ist samt Außenwänden abgebaut – die Betreuungseinrichtungen sind geschlossen. Das Feldlager Kundus wirkt ausgestorben, tot – es gibt für die letzten Soldaten nicht mal mehr ein Bier. Afghanische Armee und Polizei sollen die besenreine Liegenschaft übernehmen. Unterkünfte, Krankenhaus, Straßen. Wert: fast 300 Millionen Euro. Deutschland ist generös. Damit sich Afghanistans Armee und Polizei nicht ins Gehege kommen, wurden ihre Bereiche schnell noch durch eine meterhohe Mauer abgetrennt. Kosten für unsere Steuerzahler: 350.000 Euro.

Am Anfang steht ein Gerücht

Afghanische Politiker und Offizielle haben heute den Stützpunkt in Besitz genommen. Dazu Bundeswehrgerät im Wert von knapp acht Millionen Euro. Nur bezahlen die nicht. Wenn Afghanen amerikanische Stützpunkte übernehmen, dann gilt die einfache Regel: Nimm es so, wie es ist oder wir jagen Bulldozer drüber.

Es ist wie immer: Am Anfang steht ein Gerücht. Das ist auch in Kundus so. Es ist April 2003, als wir hören, dass die Bundeswehr ihre Aktivitäten von Kabul nach Nord-Afghanistan verlegen soll. Die Hinweise verdichten sich – wir chartern ein Flugzeug und beim Landeanflug erklärt mir mein afghanischer Übersetzer die Lage vor Ort in einem einzigen Satz: „Nach Kundus kommt man nur zum Sterben.“

Auch als Reporter hört man solche Sprüche nicht gerne. Vor allem dann, wenn das Flugzeug über eine erbärmlich schlechte Landepiste rumpelt. Dass in Kundus überdurchschnittlich viel gestorben wurde, erschließt sich auf den ersten Blick. Eine Ruinenlandschaft zerbombter Gebäude auf dem Flugplatz, zerstörte Hubschrauber im Dutzend, Berge von Munition. Auf dem zehn Kilometer langen Weg ins Stadtzentrum konnte man sich damals überhaupt nicht verlaufen: Panzerwracks, Geschütze und ausgebrannte Gebäude weisen den Weg.

Ich war mir damals nicht sicher, ob dieser Flug nach Kundus eine wirklich gute Idee war. Um ehrlich zu sein, ich weiß es bis heute nicht. Und es sind immerhin zehn Jahre vergangen. Die Dinge entwickeln sich, bekommen eine Eigendynamik, werden alltäglich. Zur Gewohnheit fast. Ich hätte damals nie geglaubt, dass ich insgesamt Jahre verbringen würde in dieser Region.

„Er hat die Schnauze voll“

„Nach Kundus kommt man nur zum Sterben.“ Dieser Satz geht mir an diesem ersten Tag nicht aus dem Sinn. Ich habe nie herausgefunden, wo diese Redensweise ihren Ursprung hat. Es gibt viele Interpretationen. Aber der Spruch trifft zu. Tausende haben in den vergangenen Jahren hier einen gewaltsamen Tod erlitten. Auch deutsche Soldaten. Am Ende sind hier 25 Bundesbürger gefallen. Sinnlos – auf jeden Fall.

„Willkommen in Kundus“, begrüßt mich Colonel Frederick Tawes, Kommandeur einer amerikanischen Einheit. Der Mann ist über 50 – ergraut in der US-Kavallerie. Er findet es klasse, dass die Bundeswehr seinen Stützpunkt übernehmen soll. So nebenbei sagt er mir, dass er „die Schnauze voll hat“ von der Hitze, den Sandflöhen, Vipern und dem Dreck in seinem armseligen Camp. Nur seine von ihm gepflanzten und liebevoll gehegten Aprikosenbäume möge die Bundeswehr in Ehren halten. Alles andere sei im völlig egal. Und noch was: Die kürzlich vor seinem Lager gezündete Bombe sei wohl nur aus Versehen gelegt worden. Ein Irrtum, jemand habe sich in der Adresse geirrt. So was komme hier gelegentlich mal vor. Im Großen und Ganzen aber lebe es sich hier relativ friedlich, erklärt er mir. Man dürfe sich nur nicht in Dinge einmischen, wie Drogenschmuggel, Stammesinterna, Frauenrechte. Das Übrige werde sich dann richten.

Game over

Die Einschläge kommen näher, die Party in Bad Kundus geht dem Ende entgegen. Es ist der Zeitraum zwischen 2006 und 2008, in dem das Interesse vieler Hilfsorganisationen merklich nachlässt. Eine nach der anderen verlässt den bisherigen Ort der Glückseligkeit. Das liegt zum einen daran, dass die Spendenbereitschaft in Deutschland deutlich abnimmt. Andererseits wird die Sicherheitslage in der Provinz Kundus dramatisch schlechter. Mehrere Mitarbeiter von Hilfsorganisationen kommen bei Anschlägen ums Leben. Reisen ins Umland finden kaum noch statt. Dass die Lage kippt, war seit geraumer Zeit absehbar – wurde aber gerne beschönigt. Gerade auch von der Bundesregierung.

Es ist eine merkwürdige Zeit. Offiziell will die Führung der Bundeswehr von einer neuen Gefährdungslage nichts wissen. Die Bundesregierung tut so, als wäre in Kundus alles normal. Nur die Mitarbeiter der Geheimdienste schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und klagen darüber, dass ihre Berichte in den Ministerien nicht ernst genommen werden. Es ist eine seltsame Zeit. Jahrelang sind sie uns aus dem Weg gegangen und jetzt: sie klagen. Ständig müssten sie ihre Berichte schönen. Nicht die Wahrheit sei gefragt in Berlin. Kritische Lagebilder würden dort in den Amtsstuben so lange umformuliert, bis sie schließlich den Verantwortlichen in den Ministerien passten, sagen sie.

Bundeswehr hat Lage nicht mehr im Griff

Spätestens ab dem Frühjahr 2008 ist eindeutig, dass die Bundeswehr die Situation in Kundus nicht mehr im Griff hat. Die Aufständischen beherrschen weite Teile der Provinz. Dem haben die Deutschen wenig entgegenzusetzen. Es fehlt an der richtigen Ausrüstung für einen Guerilla-Kampf. Kaum Hubschrauber, keine Drohnen, keine schweren Waffen. Und von dem, was da ist, gibt es oft zu wenig. Wochenlang stehen dringend benötigte Fahrzeuge still, weil Ersatzteile fehlen. Kommandeure, die sich vor der Kamera über Unzulänglichkeiten beschweren, werden offiziell gerüffelt. Das geht so weit, dass sogar Generäle in Deutschland persönlich zum Telefon greifen und Offiziere in Kundus, so wie sie mir berichten, regelrecht zusammenfalten.

Es scheint so, als wolle die Berliner Politik nicht wahrhaben, dass in Kundus längst kriegsähnliche Zustände herrschen. Nach wie vor redet man von einer reinen Stabilisierungsmission. Die Realität vor Ort, so scheint es, will man nicht zur Kenntnis nehmen. Es ist die Zeit, in der die Zahl der getöteten deutschen Soldaten zu steigen beginnt – man ringt um die richtige Formulierung. Das Wort „Gefallene“ will man lange nicht in den Mund nehmen.

Jahre der Frustration

Ab 2008 beginnt die Phase großer Frustration. Nicht nur wegen der materiellen Mängel. Nicht nur wegen der zunehmenden Zahl der Gefechte und Hinterhalte. Da ist die sogenannte Taschenkarte. Sie regelt haarklein, wie sich Soldaten in Gefechtssituationen zu verhalten haben. Das mehrseitige Werk ist juristisch so kompliziert formuliert, dass es kaum einer versteht. Egal, wie man auf feindliche Konfrontationen reagiert, sagen mir viele, man stehe immer mit einem Bein im Gefängnis. Erst ab Mitte 2009 wird das Papier vereinfacht und der Realität vor Ort angepasst.

Es ist das Frühjahr 2009, als Oberst Georg Klein von seinem Vorgänger, Oberst Uwe Benecke, das Kommando über das Feldlager Kundus übernimmt. Es ist eine der letzten Besprechungen vor dem Wechsel. Die Obersten hatten mich eingeladen. Wir sitzen in den tiefen Sesseln des Kommandeurszimmers, es geht um die aktuelle Lage und um das unfassbare Glück, das Benecke in seiner Kommandeurszeit hatte. Er ist der einzige Chef in diesen kritischen Jahren, der keinen Toten zu beklagen hatte.

Natürlich hat dieser Kommandeur auch sehr umsichtig agiert. Keine Frage: Dusel kommt nicht von alleine. Aber er hatte nun mal Fortune. Ein Satz aus diesem Gespräch klingt mir noch in den Ohren. Es ist kurz vor Ende der Unterhaltung, als Georg Klein zu seinem Vorgänger Folgendes sagt: „Sehr geehrter Herr Benecke. Ich hoffe, Sie haben den Vorrat an Glück in Kundus nicht aufgebraucht und noch etwas übrig gelassen.“

Heute wissen wir: Oberst Georg Klein war ohne Fortune. Am Ende seiner Zeit als Kommandeur in Kundus steht das Bombardement vom 4. September 2009 an der Furt von Rahmat Bay. Viele Menschen sterben, als Klein zwei von Taliban entführte Tanklastwagen mit einem Luftschlag vernichten ließ. Was Klein nicht wusste: Die Lkw hatten sich hoffnungslos im Kiesbett der Flussquerung festgefahren. Er aber hatte wohl Angst, dass die Fahrzeuge freikommen und dann als rollende Bomben für einen Angriff auf eine nahegelegene Außenstellung der Bundeswehr verwendet werden. Dieses Szenario hätten die 160 Fallschirmjäger in der Außenstellung kaum überlebt.

Viel ist über diese unselige Nacht von Rahmat Bay berichtet worden. Dass in dieser Zeit Tankfahrzeuge für Angriffe auf westliche Einrichtungen verwendet wurden, ist eine Tatsache. Davor sorgte sich auch Klein.

Es dürfe nicht Normalität werden, dass deutsche Soldaten getötet werden, hatte mir Georg Klein kurz zuvor gesagt. Er hatte soeben die Trauerrede für drei junge Gefallene gehalten. Solches Elend hatte den Mann zermürbt. Er fühlte sich in einer Art Vaterrolle für seine Untergebenen und konnte es nicht ertragen, wenn sie getötet oder verwundet wurden. Er fühlte sich – so war mein Eindruck – für jeden Verlust persönlich verantwortlich. Ich habe bei Außeneinsätzen Funkgesprächen zugehört, bei denen Klein seine Kompaniechefs flehentlich bekniet hat, ja seine Soldaten heil und unversehrt zurückzubringen. Zu viele schon, so sagte er mir immer wieder, habe er verloren.

Kundus, ein Ort voller Dramen und Niederlagen

Kundus ist, wie kein anderer Ort in der deutschen Nachkriegsgeschichte, voller Dramen, Katastrophen, Niederlagen. Da war der Karfreitag 2010, das Gefecht von Isa Khel mit drei Toten und jungen Männern, die bis ans Ende ihrer Tage an Körper und Seele verstümmelt sind. Junge Frauen und kleine Kinder bleiben zurück – ohne den Vater. Kriegerwitwen gibt es nun auch wieder – man hatte diese Bezeichnung fast schon vergessen. Und: Da ist eine exorbitante Scheidungsrate durch die hohe Zahl der Einsätze. Den Soldaten laufen die Ehefrauen in Scharen davon, weil sie die Abwesenheit ihrer Männer und die permanente Sorge um deren Überleben nicht mehr ertragen.

Den höchsten Preis für die zu Ende gehende Episode Kundus zahlen die einfachen Soldaten. Ihre Probleme werden weitergehen, auch wenn das Feldlager längst Geschichte ist. Die Albträume des Erlebten sind längst noch nicht verarbeitet – die traumatischen Störungen kommen oft erst Jahre später.

Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass sich die Sicherheitslage in der Provinz Kundus verbessert hat. Gut allerdings ist sie nicht. Auch geht es vielen Afghanen heute besser als vor einigen Jahren. Der Wiederaufbau geht voran. Dank der Milliarden an deutschen Steuergeldern. Wie lange allerdings diese, vorsichtig gesagt, positive Entwicklung anhält, steht in den Sternen. Viel mehr als der berühmte Silberstreifen am Horizont ist es sicherlich nicht.

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