Wir leben nicht mehr in der Wolfsgesellschaft. Christian Lindner

Getrennt marschieren – gemeinsam erfolgreich sein

Die Eurozone ist ein Verbund von Leistungssportlern und Fußkranken. Sie kann nicht funktionieren. Sinnvoller ist die Aufteilung in Nord- und Süd-Euro. Beide Währungen hätten auf dem Weltmarkt mehr Chancen als eine europäische Einheitswährung.

Spätesens seit Jean-Claude Junckers Verhöhnung von Angela Merkels wirtschaftspolitischer Kompetenz dürfte auch dem naivsten Euro-Fan klar geworden sein, dass es mit der „Gemeinschaft“ der Europäer nicht mehr weit her ist. Woraus sich unschwer ableiten lässt, dass auf den Zerfall der europäischen Einvernehmlichkeit in absehbarer Zeit auch der Zerfall der europäischen Einheitswährung folgen dürfte.

Leistungssportler und Fußkranke

Der Grund dafür liegt weniger in nationalen Animositäten, die man jahrzehntelang kunstvoll unter den Teppich gekehrt hat, als in der Inkompatibilität der verschiedenen Wirtschaftssysteme und -temperamente. Im August 2010 kamen die Schweizer UBS und das Londoner Beratungsinstitut Capital Economics gleichzeitig zu dem Ergebnis, dass es für Europa das Beste wäre, wenn sich der Euroverbund auflöste. Während die Londoner in ihrem Gutachten „Warum die Eurozone aufbrechen muss“ die Überzeugung ausdrückten, dass nur durch eine solche Radikalkur „die Tür zu neuem Wirtschaftswachstum geöffnet“ würde, meinte die Schweizer Bank in ihrer Studie „Die Zukunft des Euro“, es sei für das Überleben des Euro unvermeidlich, dass einige Länder aus der Gemeinschaft auscheiden müssen. „Paradoxerweise“, so das Fazit, „scheint es aus wirtschaftlichen Gründen am vernünftigsten, dass Deutschland ausscheidet.“

Nun, man muss nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Eine Aufteilung der Gemeinschaftswährung in einen Nord- und einen Süd-Euro, wie ich sie vorschlage, hätte wohl die gleiche Wirkung. Eigentlich war ja von Anfang an leicht einzusehen, dass die Zusammenlegung von, sagen wir, Leistungssportlern und Fußkranken zu keinem dauerhaft positiven Ergebnis führen kann – die Lahmen werden nicht schneller, aber die Schnellen dafür langsamer.

Enstprechend lässt sich die Situation in der heutigen EU mit einem disparat besetzten Boot vergleichen. 27 Länder sitzen an den Rudern, aber sie tragen unterschiedlich viel zur Fortbewegung bei. Nicht nur die hängenden Riemen bremsen die Fahrt, sondern auch jene, die nur so tun, als mühten sie sich, während sie die Kraft der anderen ausbeuten. Im selben Augenblick, wo dieser Trittbrettfahrer-Effekt wegfällt, wird der Faule gezwungen sein, selbst in die Riemen zu greifen; und da sein eigenes Wohlergehen auf dem Spiel steht, wird er mit allen Mitteln versuchen, zu dem erfolgreicheren Boot aufzuschließen.

Durch eine Aufteilung in zwei Leistungszonen würde auch die Gefahr der Transferunion weitestgehend gebannt. Ein Nord-Geleitzug könnte ohne die vielen mitgeschleppten Beiboote schnell an Fahrt aufnehmen, wie auch das südliche Pendant eine Währungspolitik fände, die der Mentalität und den meist zentralistischen Gesellschaftssystemen ihrer Mitglieder mehr entspräche. Durch heute nicht mögliche competitive devaluations würden sich die Handelschancen der Südländer auf den globalen Märkten wieder erhöhen, da der hohe Euro-kurs in den weniger produktiven Länder ein oft unüberwindliches Handelshindernis bildet.

Alternativlosigkeit gibt es nicht

Nicht erst seit den „vergifteten“ Debatten in Brüssel frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn ebenso spendablen wie vielgescholtenen Deutschen zur Abwechslung einmal die Initiative ergriffen und auf eine Alternative drängten? So alternativlos, wie die Kanzlerin es im Bundestag behauptete, ist das Aufspannen immer neuer Rettungsschirme nämlich nicht.

Und hier, liebe Frau Merkel, ist die Alternative: Sie müssen einfach den Mut aufbringen, Nein zum bisherigen Euro zu sagen, und auf dessen Aufteilung drängen. Ein Nord- und ein Süd-Euro würde den Deutschen und der Gemeinschaft nützen. Denn von beiden neuen Währungen würde jede für sich eine bessere Chance haben, am internationalen Markt zu bestehen. Im Augenblick ist auch die Gelegenheit dafür da: Deutschland und die anderen „Nordländer“ wehren sich gegen die Einführung der „Eurobonds“, die „Mr. Euro“, Claude Juncker, und die „Südländer“ unbedingt wollen. Statt zu Lasten ihrer Steuerzahler nachzugeben, soll-ten sie gemeinsam den heutigen Euroraum für eine neue Währung verlassen und dann weiter getrennt marschieren – und gemeinsam erfolgreich sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Theo Waigel, Friedrich Thelen, Marcel Tyrell.

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