Roman Herzog - Ein Nachruf

Hans-Olaf Henkel11.01.2017Medien, Politik

Wenn ich ihn mit drei Adjektiven beschreiben müsste: menschlich, gerecht, mutig.

Was für ein Verlust! Es kommt zwar nicht oft vor, aber es ist ja nicht das erste Mal, dass sich ein sogenannter Verlegenheitskandidat für ein wichtiges Staatsamt am Ende als ein wahrer Glücksfall für unser Land herausstellt. Roman Herzog war so ein Fall. Erinnern wir uns, eigentlich war Helmut Kohls Favorit ein Ostdeutscher, Steffen Heitmann. Nicht zu Unrecht meinte Kohl wohl, dass auch dieser schon alle Eigenschaften mitbringen würde, ein guter Bundespräsident zu werden. An Mut mangelte es ihm sicher nicht, sonst wäre er nicht vor einigen Monaten aus der CDU ausgetreten. Allerdings wurde Heitmann von opportunistischen Kräften um den Altbundespräsidenten von Weizsäcker bös verunglimpft. Dessen ehemaliger Sprecher Friedbert Pflüger hatte alles versucht, ihn zu verhindern. So kam es dann zum Vorschlag, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts zu wählen, Roman Herzog.

Wie Heitmann gewesen wäre, weiß man nicht. Für mich ist heute aber klar, dass Roman Herzog ein großartiger, wenn nicht der beste Bundespräsident war, den wir seit Theodor Heuss hatten.

Wenn ich ihn mit drei Adjektiven beschreiben müsste: menschlich, gerecht, mutig. Nun würden die Protagonisten aller bisherigen und des jetzigen Bundespräsidenten ähnliche Worte benutzen, müssten sie denn ihr Urteil abgeben; sei es für noch lebende ehemalige Amtsträger, sei es bei der Erstellung von Nachrufen. Roman Herzog war trotzdem anders als alle anderen Vorgänger und Nachfolger. Klar, er hatte Humor, den hatte Heuss auch. Er war warmherzig. Das wollen sicher alle gewesen sein. In einem Punkt unterschied er sich von allen: er hatte Mut. Ihm war das fröhliche Gemüt eines Walter Scheel, das opportunistische Ranscheuern eines Johannes Rau und das sich um fast jeden Preis bei den politisch Korrekten beliebt machen Wollende eines Richard von Weizsäckers fremd, vielleicht sogar zuwider.

Jedenfalls versuchte er nicht, sich überall beliebt zu machen. Schon bald merkte ich, wie er Helmut Kohl mit seinen Forderungen nach Reformen auf die Nerven ging, wie er fast die gesamte Gesellschaft mit seiner berühmten „Ruckrede“ vor den Kopf stieß und wie er die Medien schon dadurch ärgerte, dass er ihnen nicht regelmäßig die Zuckerstückchen gab, an die sie von anderen Politikern im Gegenzug für wohlwollende Berichterstattung gewöhnt waren. Nicht weil, sondern obwohl er nicht das sagte, was ankommt, sondern das, worauf es ankommt, war Roman Herzog ein großer Präsident.
Dass er damit erfolgreich war, steht für mich außer Zweifel. Er war der natürliche und hochrangigste Verbündete aller derjenigen, die nicht alles beim Alten lassen wollten, egal ob in der Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik. Zwar dauerte es noch eine Weile, aber die Langfristfolgen seiner vielen Initiativen*, Vorschläge, Reden und Zurufe konnte man dann doch besichtigen. Für mich ist klar, auch die „Agenda 2010“ von 2003 wäre ohne die Ruckrede Roman Herzogs von 1997 nicht möglich gewesen. Er hatte dafür die Grundlage für einen damals völlig neuen, wenn nicht revolutionären Diskurs über notwendige Reformen geschaffen. Bis dahin galt Ruhe als erste Bürgerpflicht.

Auf der anderen Seite wäre uns viel erspart geblieben, hätte uns die nachfolgende Politikergeneration weitere von ihm erstellte Rezepte verschrieben. Dazu gehören besonders das von ihm immer wieder beschriebene und gepriesene Prinzip der Subsidiarität und dessen Einhaltung. Schon lange bevor die Folgen sichtbar wurden, hat er im Verfassungskonvent, in vielen Reden und Schriften und als Vorsitzender des „Konvents für Deutschland“ vor dem galoppierenden Zentralismus in Brüssel und Straßburg gewarnt. Ich bin mir aber ganz sicher: diese Rufe Roman Herzogs hallen auch nach seinem Tode nach und werden ihre Wirkung nicht verfehlen.

* u.a. den „Konvent für Deutschland“, den Roman Herzog mit dem Verfasser mitbegründet hat.

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