Wie können Sie in diesem Ton mit dem Präsidenten der Republik sprechen? Nicolas Sarkozy

120 bpm

Wer glaubt, dass Musik nichts mit Politik zu tun hat, war schon lange nicht mehr in der Disco.

Ich weiß nicht, ob Theater, Kino, Bildende Kunst, Literatur oder gar Lyrik so etwas wie politische Kraft haben, haben sollten oder nicht. Als DJ und Produzent für und von elektronischer Discomusik maße ich mir nicht an, über „die Kunst“ und ihre politische Kraft schlechthin sprechen zu können. Das müssen die Protagonisten der jeweiligen künstlerischen Gegenden für sich selbst klären. Manches ist politisch motiviert, manches nicht oder nur unbewusst, manches mag ich deswegen, manches nicht.

Ob die Abarbeitung an politischen Themen oder Gedanken schon mit politischer Kraft gleichzusetzen ist, bezweifle ich. Dann müsste die Kunst ja wirklich einige(s) in Bewegung bringen. Und das tut sie für mein Empfinden eher selten. Wo sie es allerdings verlässlich schafft: in der Disco.

Clubs sind keine Kolchosen

Und von dieser Art der Bewegung verstehe ich natürlich etwas. Damit habe ich als DJ seit Jahrzehnten jedes Wochenende zu tun und mir als ­politisches Subjekt entsprechend schon oft die Sinnfrage gestellt: Kann etwas, das so viel Spaß macht, trotzdem eine politische Dimension haben? Vielleicht sogar eine Kraft sein?

Ich will da kein großes, subversives Fass aufmachen. Die wenigsten Clubs sind als Kolchosen organisiert, viele sind keineswegs frei von ­Rassismen, Sexismen oder Elitismen entlang ökonomischer Grenzen. Und die meiste Clubmusik­ hat oberflächlich betrachtet und dem eigenen ­Anspruch nach nicht viel mehr vor, als die Leute zum Tanzen zu bringen.

Dennoch ist es unbestreitbar, dass die Entstehungsgeschichte der Discokultur, die sich in direkter­ Traditionslinie von den späten 1960er-Jahren bis in die Gegen­wart fortgesponnen hat, ohne ­einige erfolgreiche Befreiungsbewegungen nicht denkbar und nicht möglich gewesen wäre. Namentlich die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, ebendort die schwule Emanzipation sowie das psychedelisch motivierte Freiheitsstreben der Hippies von Konventionen und Kurzhaarfrisuren. Die Clubkultur ist ebenso ein Erbe der 1960er-Jahre wie die Grünen – die ansonsten ziemlich wenig von Disco verstehen.

Das alles ist heute vielerorts in Vergessenheit geraten, kann jedoch bei näherem Hinsehen leicht in Erinnerung gerufen werden. Erst kürzlich wies der große Nile Rodgers (ehemaliges Mitglied der Black Panther aber besser bekannt als Kopf der Gruppe „Chic“) darauf hin, dass Disco mehr für den Weltfrieden und die Völkerverständigung getan hat als so ziemlich jede andere Musikrichtung auf diesem Planeten.

Gelebtes Leben statt K-Gruppen-Style

Der schwule Marxist Richard Dyer verteidigte in seinem Essay „In Defense Of Disco“ schon 1979 die Disco und ihre Musik gegen Vorwürfe aus der traditionell rockorientierten Linken als „temporär wahr gewordene Utopien, in denen das Leben für einen Moment so ist, wie es sein sollte“. Um ­sofort anzumerken, dass dies auch nur temporär so sein kann, andernfalls würde man ob der Intensität „verbrennen“ – oft genug ist dies Menschen ­passiert, die es versucht haben.

Mich hat stets der Vorwurf des Eskapismus genervt, dem Tänzer, Tanzmusik und Tanzorte ausgesetzt waren. Als ob Discogänger grundsätzlich nicht auch auf Demos, zur Wahl oder zum Zeitungskiosk gehen würden – falls das die gültigen Indikatoren für einen mustergültig politisch uneskapistischen Lebenstil sein sollten. Wenn von politischer Kraft der Kunst gesprochen wird, dann kann es doch ohnehin immer nur um so etwas wie Motivation, ­Erhebung und Widerständigkeit gehen – der Gospelaspekt der Discomusik. Um gelebtes Leben, nicht um politische Bildung, K-Gruppen-Style.

Und was das betrifft, hat die Discokultur in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur ihren Teil ­geleistet. Nach wie vor kann der, der will, an jedem Wochenende Orte temporärer Utopien aufsuchen, die nach korrekten Prinzipien geführt sind, in denen ein anderer menschlicher Umgang gepflegt und andere Musik gespielt wird, die motiviert, ­erhebt und die Widerstandskräfte stärkt. Man muss sich nur ein bisschen auskennen.

Eines der raren Beispiele, in denen Tanz und Gesang aber wirklich etwas bewegt haben, lässt sich in dem großartigen Film „Amandla – A Revolution In Four Part Harmony“ von Lee Hirsch ­bewundern. Er dokumentiert, wie die südafrikanische Apartheid über fünf Jahrzehnte hinweg quasi weggetanzt und weggesungen wurde. Andere Faktoren spielten dabei natürlich auch eine Rolle, aber der Film vermittelt ein bestechendes Gefühl der Bindungskraft von Musik, wenn Menschen sich in einem wirklich echten Befreiungskampf gegen finstere Mächte befinden.

Möglicherweise sollten auch wir in Europa schon längst viel mehr Sinn für derlei Gedanken entwickelt haben, doch lebt es sich hier meistenorts nach wie vor recht komfortabel, von massiver Unterdrückung durch Stacheldraht und Waffen­ kann man zumindest in Köln kaum sprechen.

Na gut, jetzt hab ich doch ein kleines, subversives Fass aufgemacht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kai Rogusch, Christiane Lambrecht, Wolfgang Schlott.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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