Bild' mir meine Meinung

von Hans Mathias Kepplinger30.06.2013Gesellschaft & Kultur

Nachrichten versagen als Grundlage für Wahrheitsfindung: Schuld haben Journalisten, die zu sehr auf die Arbeit ihrer Kollegen schielen.

Es gibt keine richtige, sondern nur eine falsche Nachrichtenauswahl. Jeder Leser, Hörer und Zuschauer hat eigene Vorstellungen davon, worüber die Medien berichten sollten. Auch viele Journalisten haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was wichtig ist, allerdings gehen ihre Meinungen weniger weit auseinander, weil sie sich an langjährigen Erfahrungen orientieren.

Trotzdem können auch sie nicht genau wissen, welche Auswahl aus der Masse der vorhandenen Meldungen richtig ist. Die Forderung nach einer richtigen Nachrichtenauswahl beruht auf zwei höchst fragwürdigen Annahmen. Sie unterstellt erstens, dass es jemanden gibt, der weiß, welche Auswahl richtig ist, und sie setzt zweitens voraus, dass dieser Jemand seine Sichtweise durchsetzt. Die erste Annahme ist falsch, die zweite eine Zensurmaßnahme. Beides zusammen führt unweigerlich zum Ende der Pressefreiheit.

Nachrichten vermitteln den falschen Eindruck

Zwar können Journalisten nicht wissen, welche Nachrichtenauswahl richtig ist. Sie können aber prüfen, ob eine einzelne Meldung richtig oder falsch ist. Das tun sie in der Regel mit großem Erfolg. Deshalb sind die weitaus meisten Meldungen richtig. Das Problem der aktuellen Berichterstattung besteht allerdings nicht darin, dass Nachrichten falsch sind, sondern, dass sie einen falschen Eindruck vermitteln, obwohl sie richtig sind.

Die Ursache dieser scheinbaren Paradoxie besteht darin, dass sich die Leser, Hörer und Zuschauer nicht nur am Inhalt der Meldungen orientieren, sondern auch an ihrer Anzahl: Je mehr Meldungen die Medien über eine Person, ein Ereignis oder ein Problem veröffentlichen, desto wichtiger erscheinen sie ihnen. Die Einzelheiten des Geschehens – seine Ursachen und Folgen, die Art und Motive der Akteure usw. versessen sie dagegen schnell. Das geschieht weitgehend unabhängig davon, ob die Informationen richtig oder falsch sind: schon wenige Minuten, nachdem die Leser ihre Zeitung beiseite gelegt und die Zuschauer die TV-Nachrichten ausgeschaltet haben, haben die meisten von ihnen über 90 Prozent der neuen Informationen wieder vergessen. Auch nach Tagen erinnern sie sich aber an Themen, über die die Medien sehr oft berichtet haben. Und genau hier liegt der Kern des Problems.

Bei der Routineberichterstattung über unspektakuläre Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Sport entsprechen die Häufigkeit, der Umfang und die Platzierung der Beiträge meist der Bedeutung des Geschehens. Besuche von Staatsoberhäuptern werden beispielsweise umso intensiver berichtet, je wichtiger ihre Staaten sind. Das Gleiche gilt für wirtschaftliche und sportliche Erfolge und Misserfolge. Deshalb kann man sich bei der Berichterstattung über Routineereignisse anhand der Gewichtung der Beiträge auch dann noch zuverlässig über die Bedeutung des Geschehens orientieren, wenn man nur wenige Einzelheiten behält.

Auf die Berichterstattung über spektakuläre Ereignisse – Krisen, Konflikte und Skandale – trifft das aber häufig nicht zu, weil die Intensität der Berichterstattung in keinem sachlich angemessenen Verhältnis zu dem berichteten Geschehen steht. Beispiele hierfür sind die Berichterstattung über Gefahren durch Lebensmittel (BSE, Rucola, Dioxin-Eier), Epidemien (SARS, Vogelgrippe, Schweinegrippe), Fehler und Verfehlungen von Politikern (Köhler, Wulff, Steinbrück, Brüderle). In allen Fällen erweist sich die Berichterstattung im Rückblick als weit übertrieben. Das war bei nüchterner Betrachtung auch damals schon erkennbar. Trotzdem vermittelte die Berichterstattung einen grob irreführenden Eindruck von der Bedeutung der Sachverhalte.

Rückkopplungen unter Journalisten

Eine Ursache der extremen Konzentration der Berichterstattung auf spektakuläre Fälle ist die Überzeugung der meisten Journalisten, dass Übertreibungen zur Verhinderung oder Beseitigung von Gefahren und Schäden zulässig sind. Dann ist die Wahrscheinlichkeit von Übertreibungen groß und das Risiko der Übertreiber klein, weil sie im Konfliktfall mit der Solidarität der ähnlich gesinnten Kollegen rechnen können. Sie vergrößert die Bereitschaft zu Übertreibungen zusätzlich, zumal den meisten Journalisten nicht bewusst ist, dass die übertriebene Darstellung von Risiken erhebliche Nebenwirkungen besitzen kann. Beispiele hierfür sind die enormen Kosten der Dramatisierung der Gefahren für die deutsche Bevölkerung durch BSE und SARS.

Eine weitere Ursache der zuweilen extremen Konzentration der Berichterstattung ist die Kollegenbeobachtung im Journalismus. Die Angehörigen aller Berufe orientieren sich bei der Beurteilung ihrer eigenen Tätigkeit am Verhalten ihrer Kollegen. In keinem Beruf geschieht das aber so schnell und so umfassend wie im Journalismus. Deshalb schaukelt sich in den angesprochenen Fällen die Berichterstattung verschiedener Medien in kurzer Zeit gegenseitig hoch, weil die Intensivierung der Berichterstattung durch die Konkurrenz die Richtigkeit der eigenen Entscheidung zur Hochgewichtung zu bestätigen scheint. Aufgrund ähnlicher Rückkoppelungen verfestigen sich zudem anfängliche Vermutungen in den Augen der Journalisten und ihres Publikums zu zweifelsfreien Erkenntnissen: was alle wissen und glauben, kann nicht falsch sein. Aus den genannten Gründen versagen die Medien, die im Normalfall eine solide Grundlage der Wahrnehmung des aktuellen Geschehens liefern, vor allem in den Fällen, in denen die Leser, Hörer und Zuschauer ganz besonders auf sie angewiesen sind – bei der Berichterstattung über Krisen, Konflikte und Skandale.

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