Wer will überhaupt Röttgen?

Hans-Martin Esser25.02.2020Medien, Politik, Wirtschaft

„Jetzt stelle man sich Norbert Röttgen in dieser Runde vor. Man muss vor Trump nur dann Angst haben, wenn man einen Kanzler Röttgen hätte.“

Eine Frage der Achtung

Jetzt wird die Lesart stets die sein, dass konservative Wähler einen Anführer bräuchten und daher einen Kanzlerkandidaten wählten, der autoritär daherkäme. Einen Merz oder einen Spahn. Falsch ist an dieser Argumentation, dass sich ein Land wie Deutschland keinen schwächlichen Kandidaten leisten kann, wenn es um die Durchsetzung von Interessen oder Projekten geht. Das wäre auch im Interesse Linksliberaler.

Angela Merkel ist mir in ihrer Politik nicht genehm. Daraus hatte ich nie einen Hehl gemacht. Dennoch kann man vor ihr Achtung haben. Sie hat im Lauf von 20 Jahren so manchen Kandidaten weggebissen. Das erzeugt Respekt.

Respekt vor Röttgen?

Was mich an Röttgen so zweifeln lässt, ist vor allem, dass er 2016 sagte, man könne vor einem Donald Trump Angst haben. Ein solcher Satz ist für einen künftigen Bundeskanzler unsagbar. Man stelle sich vor, Adenauer hätte Angst vor Stalin oder Gerhard Schröder Furcht vor George W. Bush gehabt, und das noch öffentlich bekannt. Undenkbar, untragbar. Ein Rücktrittsgrund.

Im November 2016, als Trump zum US-Präsidenten gewählt worden war, saß Norbert Röttgen als Gast in einem Panel bei Frank Plasbergs hart aber fair. Mehrfach stichelte Plasberg in Richtung Röttgen, ob er Angst habe vor Trump, wahrscheinlich, um ein knalliges Statement zu bekommen. Nach mehreren Nachfragen ließ sich der Außenpolitikexperte Röttgen zum Satz hinreißen, man könne vor Donald Trump Angst haben. Er war in meinen Augen so schwach, dass er sagte, was ihm in den Mund gelegt wurde. So oder so ein Zeichen der Schwäche.

Genau dieser Satz macht ihn vollends untauglich fürs Kanzleramt. Trump setzte sich im Wahlkampf und während seiner Präsidentschaft mit brachialer Gewalt durch. Boris Johnson tat es ihm gleich. Der französische Präsident Macron gründete einfach mal mit Ende 30 eine neue Partei, um aus dem Stand Präsident der Republik zu werden. Dann sind da noch Vladimir Putin und der türkische Präsident Erdogan. Beides ganz klar durchsetzungsstarke Typen. Weiters hat Österreich mit Bundeskanzler Kurz einen neuen Metternich, der virtuos Wahlkampf und Diplomatie beherrscht.

Jetzt stelle man sich Norbert Röttgen in dieser Runde vor. Man muss vor Trump nur dann Angst haben, wenn man einen Kanzler Röttgen hätte.

Muttis Klügster

Der Mann, der immer ein bisschen so wie naseweißer Erstklässler aussieht, hatte folgerichtig den Spitznamen Muttis Klügster. 2005 holte die Kanzlerin, die selbst im Alter von 36 aus dem Stand bereits Ministerin war, den damals 40jährigen nicht ins Kabinett, der außer Politik nie etwas im Lebenslauf vorzuweisen hatte. Das hatte wohl Gründe, warum Merkel 2005 ihre Ministerriege ohne ihn plante. Man sagt, Röttgen habe etwas geschmollt und angedroht, dass er dann in die freie Wirtschaft gehen wolle, so wie später Pofalla, falls man ihn beim nächsten Mal übergehen sollte. Ganze zwei Jahre durfte Röttgen Umweltminister sein, um dann umso demütigender entlassen zu werden.

2010 vor Fukushima wollte er den Atomausstieg durchboxen. Dabei holte er sich ein blaues Auge, wurde von Merkel noch brüsk abgewatscht. Für jedermann sichtbar in der Öffentlichkeit wurde er abgewürgt. Als er dann, auch weil er sich wohl nicht zutraute, die Wahl in NRW 2012 zu gewinnen, sich ein Rückfahrticket auf den Posten des Umweltministers bereithielt, wurde er nach der verdienten Wahlniederlage im bevölkerungsreichsten Bundesland aus dem Amt freigestellt. 2013 und 2017 ist er bei Kabinettsneubildungen genauso übergangen worden wie 2005 bereits. So wenig scheint Merkel ihm zuzutrauen. Recht hat sie.

Röttgen im Vergleich

Jens Spahn ist mit 38 Minister geworden, profiliert sich erfolgreich, obwohl er nicht als Liebling der Kanzlerin gilt. 0:1 gegen Röttgen.

Friedrich Merz trat 2009 aus der Politik zurück, nachdem er kaltgestellt worden war. In den letzten 10 Jahren hat er in der freien Wirtschaft sehr viel Geld verdient. Röttgens kolportierter Drohung, er könne ja in die freie Wirtschaft wechseln, folgten nie Taten. Auf dem Trostpreis Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses hält er sich auch im 55. Lebensjahr, ohne auch nur in die Nähe des Kabinetts zu kommen, nicht einmal zum Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit ist er je berufen worden. 0:2 gegen Röttgen

Armin Laschet hatte ich 2011 als damaliges CDU-Mitglied gewählt. Ihm traute ich schon damals mehr zu als Röttgen, als es eine Abstimmung über den NRW-CDU Parteivorsitz und die Kandidatur im Landtagswahlkampf 2012 gab. Laschet schaffte es im Nachhinein in die Düsseldorfer Staatskanzlei, ein Kunststück, das in den letzten 54 Jahren erst einem CDU-Mann vor ihm geglückt war. Dabei hat Laschet in der Schul- und vor allem der Innenpolitik große Erfolge vorzuweisen. 0:3 gegen Röttgen.

Wer will überhaupt Röttgen?

Röttgen kann sich auf wohlwollende Berichterstattung vonseiten der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT verlassen. Beide Blätter schieben zurzeit eine Pro-Röttgen-Kampagne. Beides Publikationen, in denen kaum ein Redakteur auf die Idee käme, je die CDU zu wählen. Also Obacht. Röttgens Probleme, sich durchzusetzen – siehe oben – und seine Neigung zu einem grün-schwarzen Bündnis (Pizza-Connection) machen ihn zum idealen Kandidaten für die linksliberalen Redaktionsstuben im Lande. Annalena Baerbock oder Robert Habeck würden womöglich sogar die Kanzlerschaft erreichen, wenn ein Kandidat Röttgen an den Start ginge. Wahlkampf kann er eben nicht. 2012 erreichte Röttgen mit ungefähr 26% das mit Abstand schlechteste Ergebnis bei Landtagswahlen für die CDU in NRW. Auch das war ein Grund, ihn aus seinen Ämtern zu entfernen.

Selbst wenn er knapp vor Baerbock/Habeck durchs Ziel ginge bei einer kommenden Bundestagswahl, wäre er ein butterweicher Verhandlungspartner, wahrscheinlich wäre bei einer Röttgen-Kandidatur aber Rot-Rot-Grün mit Kanzler Habeck.

Vor allem wäre ein so miserables Ergebnis im Sinne der CSU, denn dann hätte Markus Söder, der wendig-alerte und durchsetzungsstarke Bayer leichtes Spiel, wenn es um eine Kandidatur 2025 ginge. Merz und Laschet und mit Abstrichen Spahn wären sichere Unionskanzler. Allein mit einem Kandidaten Marke Röttgen könnte Grün durchregieren und wäre eine Kandidatur von Söder bei einer darauffolgenden Wahl wohl unausweichlich.

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