An der AfD ist nichts normal | The European

Wie die AfD den Begriff der Normalität für sich instrumentalisiert

Hans-Martin Esser21.04.2021Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

“Deutschland. Aber normal” ist der neue Slogan der AfD seit ihrem Parteitag in Dresden. Doch nichts ist an der AfD normal und Normalität bedeutet ganz etwas anderes, meint unser Autor Hans-Martin Esser.

Die AfD polarisiert in Deutschland. Quelle: Shutterstock

Kritik

Im Oktober 2019 hatte ich einen Essay zur Normalität veröffentlicht. Durch die Corona Pandemie ist der Begriff, besonders in der Variante der neuen Normalität bekannt geworden.

Aus einem soziophilosophischen wurde also ein politischer Begriff. Im Verlauf des Coronajahres gab es weitere Wendungen: Birgit Kelle veröffentlichte Noch normal – das lässt sich gendern und Cora Stephan Lob des Normalen – vom Glück des Bewährten.

Die Stoßrichtung, wie man den Begriff zu deuten habe, wurde offenbar. Aus einem mäßigenden, sich wandelnden Inhalt sollte eine trennende, die Vergangenheit suchende Kampfvokabel werden.

Wer gendert, so insinuiert Kelle, sei nicht normal, und Cora Stephan kleidet Normalität als Behaglichkeitskulisse aus.

Das mögen Geschäftsstrategien sein, ein spezielles Publikum anzusprechen, aber einer ernsthaften Auseinandersetzung, was Normalität ist, hält das nicht stand.

Normalität ist eine Institution, die sich am statistischen Durchschnitt orientiert, also am Empirischen. Was sich nicht bewährt, wird verändert. Das Normale beinhaltet also auch Veränderung. Eine Festschreibung bestimmter Inhalte als dauerhaft normal gibt es also nur bedingt.

Integrativ

Normalität als Kriterium, andere auszuschließen, ist eine Spielarte des Sogenannten Protonormalismus, den man vielleicht noch in den 1950er Jahren propagieren kann, der aber mit Phänomenen wie Globalisierung, der Bildung von Subkulturen und Singularitäten kaum noch vereinbaren lässt. Wenn man in linksliberalen Zeitungen gern gendert, entspricht das durchaus dem Wunsch der Leser solcher Zeitungen, wenn man dies in konservativen unterlässt, auch ok. Normalität als übergeordnete Richtinstanz taugt da wenig. Genderfans und Gendergegner sind vor allem in ihren Communities normal oder nicht normal.

Auch Institutionen wie Ehe und auch die Tradition, Fleisch essen zu wollen, sind vor diesem Hintergrund nicht normaler oder unnormaler als Veganes Leben und der Verzicht auf Ehe.

Das Erzreaktionäre kann sich nicht der Normalität als Alibivokabel bedienen. #nichtnormal empfehle ich hier als Hashtag bei Twitter.

AfD

Die AfD plakatiert nun mit Normalität als politischem Kampfbegriff, nachdem Mitte oder Neue Mitte als Synonyme belegt sind. Wenn sie das tun will, steht ihr das offen. Aber hier sehen es rund 89% der Wähler anders: #nichtnormal.

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