Deutschland ist keineswegs unbesiegbar. Michael Heise

Bitte mehr Ehrlichkeit statt Peinlichkeit im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Sagen Sie den Bürgern offensiv, dass die Gebühren deshalb so hoch sind, weil Pensionsrückstellungen einen wesentlichen Teil ihres Geschäftsmodells ausmachen, fordert Hans-Martin esser in seiner Kolumne.

Bewerbung

Liebe Damen und Herren von ARD und ZDF,

hiermit möchte ich mich bei Ihnen bewerben um 120.000 Euro. Da ich Ihnen verspreche, ehrlich zu sein, verzichte ich auf die Heuchelei, so zu tun, als bewerbe ich mich um einen Beratervertrag. Es geht mir nur ums Geld. Mit den 120.000 Euro täte ich Folgendes: in Dresden Blasewitz gibt es wunderbare Häuser. Zu einem erschwinglichen Preis von rund 105.000 Euro möchte ich mir eine ganz kleine Wohnung mit Holzdielenparkett – vorzugsweise in Goetheallee, Loschwitzer Straße oder Lene-Glatzer Straße kaufen, der Rest ginge für Notar und Makler drauf. Außerdem gefällt mir bei Ebay eine Patek Philippe Ellipse d´Or sehr gut mit Handaufzug aus den 1970ern, danach wurden die immer größer und protziger. Die mit Alligatorarmband in Bordeaux ist es.

Nun ist das Wozu der 120.000 Euro in größtmöglicher Ehrlichkeit abgefrühstückt.

Ähnlich wie bei Niklas Luhmanns Forschungsprojekt („30 Jahre, Ziel: Theorie der Gesellschaft“) entstehen mir keine Kosten, Ihnen aber die 120.ooo. So zu tun, als sei es ein großer Aufwand, die Wahrheit zu sagen, wäre Lüge, also weg damit.

Als Referenz kann ich angeben, dass ich 2007 für ein paar Wochen in Berkeley an der Uni war und einen Kurs zum Thema Rhetorik besucht hatte, wenn ich nicht gerade schwänzte. Was aber hängen blieb, ist, dass Rhetorik oder auf Neu-Deutsch Framing den Ruf hat, hässliche Wahrheiten per Schminke aufzuhübschen. Das ist genau die Art von Rhetorik, die den wahren Rhetoren stets zuwider war. 2008 erst, also ein Jahr danach, schrieb Elisabeth Wehling als Ko-Autorin ihr Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“.

Hier mein Rat. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat eine Reihe von Problemen. Gehen Sie ehrlich mit den Menschen um, sie sind nicht dumm, und Framing und Wording sind Techniken, die problematisch sind. Das ist so, als trügen Sie Tünche auf ein rostendes Auto auf. Wer nicht ganz dumm ist, bemerkt es und gewinnt den Eindruck, man wolle ihn für dumm verkaufen.

Also daher folgender Rat: sagen Sie den Bürgern offensiv, dass die Gebühren deshalb so hoch sind, weil Pensionsrückstellungen einen wesentlichen Teil ihres Geschäftsmodells ausmachen. Sie können, selbst wenn Sie wollten, gar nicht runter von dem Sockel der hohen Fixkosten.

Fast jede zweite Stelle – zumindest beim WDR – ist eine Bürostelle, die mit Journalistik oder dem Erstellen von Fernsehfilmen, fiktional oder dokumentarisch – wenig bis gar nichts zu tun hat. Im Grunde hat man sich entschieden, das Prinzip Rathaus 1970 als Organisationsmodell zu übernehmen. Auch diese knapp 50% Bürokraten, die mit Schriftverkehr zu tun haben, brauchen Pensionen, die sie in einigen Jahren erhalten werden. Da man sie nicht rausschmeißen kann, werden die Gebühren weiterhin steigen.

Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, dass Sie den Zuschauern sagen müssen, dass der Hörfunk im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW quasi ein Monopol zugunsten des WDR hat, da Nordrhein-Westfalen für die Ultrakurzwelle zu weit von Frankfurt und Hannover entfernt ist, um sie zu empfangen und die Zuhörer wohl kaum holländische oder belgische Sender hören werden. Dieses Monopol hat faul gemacht, man muss sich überhaupt nicht bemühen, um Marktführer zu sein. Offenheit kommt immer gut an.

Bitte sagen Sie ganz offen, dass Sie FUNK deswegen gegründet haben, weil am Ende des Jahres noch Geld da war und keiner Lust hatte, sich etwas Neues auszudenken. Mit Gebührengeldern Youtuber und Influencer dafür zu bezahlen, dass sie im Internet etwas veröffentlichen, ist so klug, als kaufe man teures Mineralwasser, um es dann komplett ins Meer zu schütten.
Geben Sie bitte offen zu, dass es nicht ihr Geld ist und es Ihnen daher eigentlich egal ist, was damit geschieht.

Tun Sie bitte nicht so, als sei es eine Auszeichnung, einen Grimme-Preis einzuheimsen. Davon gibt es so viele, dass man sich Mühe geben muss, keinen zu bekommen. Außerdem sind die Kategorien so zugeschnitten, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sie fast automatisch bekommt.

Sorgen Sie am besten dafür, dass der Grimme Preis den Weg des Echo-Awards geht.

Sagen Sie offen, dass die Konkurrenz von Netflix und Amazon Prime vollkommen enteilt ist, sie auch gar keine Lust haben, mit denen zu konkurrieren. Arminia Bielefeld konkurriert ja auch nicht mit Bayern München.

Sagen Sie offen, dass die Fernsehfilme stets nach dem Motto „irgendwas mit Nazis“ gemacht sind, weil bei teuren Produktionen die Förderfonds ohne Nazibezug sonst kaum Gelder freimachen würden. In den Etagen der verschiedenen Filmfonds haben sich schließlich meist Leute breit gemacht, die für Netflix und Hollywood zu schleicht sind, aber sich die an den Filmfakultäten einstudierten Allüren nicht abgewöhnen wollen. Sie sind die Gatekeeper, damit überhaupt Fördergelder locker gemacht werden.

Sagen Sie auch ganz offen, dass Intendanten meist diejenigen Journalisten werden, die als Anchorman nicht so gut waren, dass man sie nicht gehen ließe.

Blasen Sie bitte die Bürgersprechstunden ab, egal ob im Tom Buhrow- oder Bettina Böttinger-Stil ab. Das ist so ein bisschen wie Erich Honecker nebst Margot heucheln Empathie.
Kommunizieren Sie ohne Hemmung, dass, wer bei 1Live als Moderator anfängt, besser über keine allgemeine Bildung verfügen möge, damit er nicht die Selbstachtung verliere, wenn er sich reden hört. Sagen Sie ebenso klar, dass man mit jedem Lebensjahrzehnt einfach einen Sender nach hinten rückt: auf WDR2, WDR3, WDR4, WDR Rente, WDR Altenheim verlegt wird. Weiterbildung unnötig.

Ganz ehrlich, diese Ratschläge sind eher 120.000 Euro wert als ein peinliches heimliches Manual, das dann doch in die Öffentlichkeit kommt.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Hans-Martin Esser: Relotius-Prosa

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