Relotius-Prosa

von Hans-Martin Esser8.02.2019Gesellschaft & Kultur, Medien

Kurz gesagt ist der Relotius-Stil zu verstehen, wenn man ihn wie eine Mischung aus Ernest Hemingway, Rosamunde Pilcher, Tatort-Drehbuchautor-Gesellschaftskritik und auf links gedrehten BILD-Versatzstücken liest. Relotius-Prosa ist also wie eine in Reportagen-Format aufgeblasene Variante von Franz-Josef-Wagner-Gefühligkeit vom politisch gegenüberliegenden Ufer.

Der Fall Relotius

Wo es eine Nachfrage gibt, stellt sich umgehend ein Angebot ein. Über den Fall von erfundenen Reportagen ist vieles geschrieben worden, das meiste war erwartbar. Es ist dies ähnlich wie bei der #Metoo-Debatte ein Jahr zuvor. Wenn man den Publizisten kennt, der sich zu einem Thema äußert – mit „kennen“ meine ich die sich wiederholende Leseerfahrung, den Standard, den der jeweilige Autor etabliert, seinen Stil, Habitus, wie auch immer, weiß man, was dort auf den kommenden Seiten niedergeschrieben steht.

So äußert sich die eine Seite (erwartbar), dass die SPIEGEL Affäre der ultimative Beweis für die Tendenzpresse im Lande sei. Angereichert wird dies bisweilen, ebenso erwartbar, mit der einen oder anderen Verschwörungstheorie, die das eigene Argument dann wieder – ebenfalls erwartbar – etwas entwertet.

Der SPIEGEL in seinem Habitus als selbsternanntes „Sturmgeschütz“ der Demokratie, geht natürlich in erwartbarer und daher sehr harmloser Schonungslosigkeit mit sich um – für eine Ausgabe-, was wiederum die oben genannte Fraktion der Verschwörungstheoretiker auf den Plan ruft, die sich dann – wie immer, also standardisiert – über diese bräsige Selbstgefälligkeit aufregt. Ein Theaterstück ohne Substanz oder Erkenntnisgewinn für die beiden Seiten.

Es gibt einen Markt, halt nein, mindestens zwei

Die beiden oben erwähnten Antipoden, nämlich die Lügenpresse-Behaupter sowie auf der anderen Seite die Selbstgefällig-Etablierten repräsentieren zwei Sub-Normalitäten in der neuen deutschen Debattenkultur. Mit Subnormalität meine ich, dass es sozusagen zwei Szenen beziehungsweise Milieus gibt, die sich inzwischen diametral gegenüberstehen, da in ihnen über ganz unterschiedliche Dinge Konsens herrscht, was normal zu sein hat und was nicht, außerhalb dieser Kokons aber heftiger Gegenwind weht.

Überhaupt ist der Begriff Normalität in meiner Auslegung eine Konkretisierung dessen, was man schwammig als Kultur bezeichnet. Insofern ist Kultur das, worauf sich eine Gruppe als „normal“ einigen kann. Subnormalität als Subkultur sozusagen, als Normalität einer Gemeinschaft, nicht der Gesellschaft. Es stehen sich zwei Subkulturen gegenüber, die ständig Narrationen benötigen und konsumieren, die wiederum das eigene Weltbild festigen sollen.

Einerseits die Universalisten, die SPIEGEL-Leser sozusagen, andererseits die Neo-Konservativen, die lieber Tichy lesen. Das, was sie als normal empfinden, muss ständig wiederholt werden, weshalb sich zwei Heere im Kampf um die eine Normalität gegenüberstehen, auf dass einer den Kulturkampf für sich entscheide. Gemeinschaft will Gesellschaft sein.

Relotius-Prosa

Warum Claas Relotius so lange damit durchkam, eine ganze Reihe von Artikeln offensichtlich kosmetisch aufzubereiten, liegt eben an dem Anbieter-Nachfrager-Phänomen. Was letztendlich normal ist, muss sich manifestieren in der einen Deutungshoheit. Subnormalitäten streben danach, die eine Deutungshoheit über die Wirklichkeit anzubieten. Kurz gesagt ist der Relotius-Stil zu verstehen, wenn man ihn wie eine Mischung aus Ernest Hemingway, Rosamunde Pilcher, Tatort-Drehbuchautor-Gesellschaftskritik und auf links gedrehten BILD-Versatzstücken liest. Relotius-Prosa ist also wie eine in Reportagen-Format aufgeblasene Variante von Franz-Josef-Wagner-Gefühligkeit vom politisch gegenüberliegenden Ufer.

Diese ist deshalb so wirksam, weil einfache Tatsachenbeschreibung nicht ausreicht, das eigene Weltbild zu stärken. Wohlgemerkt, dies bleibt kein Phänomen, das allein das linksliberale Justemilieu betrifft, sondern auch jedes andere.

Verstehen scheint schwierig zu sein, Denken ist sozusagen knapp und das Arsenal von Denkern gering. Reportagen, die sich allein auf den Kopf beziehen, wären der Ruin eines jeden auflagenstarken Blattes. Auflagenstärke heißt Verkehrsgeltung und verheißt Erfolg im Kampf um das Normale. Fühlen kann fast jeder, auch viele, die nicht denken, aber dafür lesen können. Daher verkaufen sich knallige Gefühlspornos in Schmonzetten-Bonbon-Prosa auch besser als alles andere.

Im Grunde müsste der SPIEGEL gar keine Rechtfertigungsversuche unternehmen, sondern vielmehr seine Leser auffordern, nicht ständig denselben Kitsch lesen zu wollen. Dasselbe gilt aber auch für jede andere Publikation – ebenso im konservativen Lager.

Schreiben, was ist

Aber im Grunde ist das Relotius-Problem auch eines des SPIEGELS. Das Paradigma „Sagen, was ist“ wird unhinterfragt wie eine Monstranz vorweggetragen. Was bedeutet das eigentlich? Hat man sich das selbst gefragt, oder findet man solche Sätze einfach nur unkritisch toll, weil sie auf den Verlagsgründer zurückgehen?

Es ist deswegen ein schiefes Paradigma, weil es Genauigkeit insinuiert, wo es gar keine geben kann. Nun stelle ich eine Reihe von „Ist-Sätzen“ auf, die nur scheinbar die Wirklichkeit abbilden.
„In Italien schien am 1.11.2018 die Sonne“. „Donald Trump ist ein cholerischer Mensch“. „In Arnsberg ist es am 1.1.2019 drei Grad kalt.“ „Gerhard Richter ist ein Maler“. Diese nur auf den ersten Blick wahren Sätze von schlichter Eleganz treffen nur dann zu, wenn man das Beiwort „normalerweise“ hinzufügt. Denn das „Ist“ fasst nur die durchschnittliche, soll heißen normale, Disposition klammernd zusammen.

Nicht überall in Arnsberg beziehungsweise Italien gelten für das Datum die Zustandsbeschreibungen. Manchmal ist Trump gar nicht cholerisch beziehungsweise gönnt sich Gerhard Richter Pausen vom Malen und macht etwas anderes oder sogar – gar nichts. Wenn nichts ist, jemand nichts tut, kann man das überhaupt mit „Ist“-Sätzen beantworten? Fragen über Fragen….

Boulevard

Meine Deutschlehrerin legte uns während der achten Klasse Wallraffs Buch über sein Alter Ego Hans Esser vor, der sich als BILD-Reporter investigativ hervortat. Eine Methode des Boulevard-Journalismus und der Trivialliteratur war nach Lesart der Lehrerin die Scheinpräzision. Wenn Artikel mit „Hamburg-Altona, 2.11.1980, 18:22 h“ beginnen ist Vorsicht geboten. Genau.

Und das war ja auch der Clou der Relotius-Reportagen. Gelobt und preisgekrönt waren die Details, die das „Ist“ mikroskopisch und in Zeitlupe aufbereiteten. Frage hier: Beschreiben ebendiese Stilelemente das „Ist“ oder ästhetisieren sie möglicherweise das Nicht-Existierende, das nur im Kopf des Lesers als Vorurteil vorhanden ist?

Selbst hatte ich bewusst nur Relotius´ Interview mit der letzten Überlebenden der Weißen Rose gelesen, in dem die Dame ja auch – wir wissen es jetzt besser – angeblich auf Besorgnisse äußerte wegen des ostdeutschen Neonazismus, ebenso wegen Donald Trump. Es las sich seinerzeit schon wie bestellt und geliefert. Im Nachgang kam heraus, dass genau die Passagen wohl nicht ganz den Antworten der Betreffenden entsprachen.

Konsequenz

„Schreiben, was ist“ sowie „Fakten, Fakten, Fakten“ funktioniert nicht. Die große Klammer um das, was ist, bleibt das Normale. Schreiben, was normalerweise ist, erscheint weniger angreifbar, allerdings etwas unbefriedigend, weil vage. Aber was soll man machen? Man kann keine präzisen Bilder malen, wenn die Wirklichkeit nicht ganz präzise erscheint, sondern als sich öffnendes Fraktal. Ein Problem liegt darin, dass Worte Wirklichkeit nicht präzise abzubilden vermögen. Im Grunde muss stets der Zusatz „normalerweise“ kommen.

Das Wort „Baum“ oder „Straße“ ist varianzlos und starr. Die Sachverhalte Baum und Straße sind es nicht. Schließlich gibt es Millionen von verschiedenen Bäumen und Straßen. Das „Ist“ der jeweiligen Straße wird also kaum durch ein starres Wort abgebildet. Sie gaukeln in ihrer Starrheit eine Präzision vor.
Wenn ich nun Journalisten wie Claas Relotius näherungsweise und vage beschreiben wollte, bietet sich eher eine Analogie an. Er erinnert mich an einen Maler, der in der Zeit der Volatilität ein scheinbar exaktes Bild malt, im Stile Canalettos, mit vielen kleinen pittoresken Details, obwohl die schemenhafte Wirklichkeit wackelt, sitzt und im Zweifel Luft hat. Eine dementsprechende Abbildung sähe wohl eher aus wie etwas, das Jonathan Meese malt oder Tony Cragg als Skulptur erzeugt.
Dennoch gibt es einen Markt für Canaletto, da es einen Wunsch nach der präzisen Festlegung gibt, was ist. Eine Verheißung aus alter Zeit für alte Leser vielleicht. Wenn dieses Bedürfnis nach kognitiver Dissonanzbeseitigung durch Reportagen befriedigt wird, fällt es noch nicht einmal dem geneigten Leser auf, da es ja aufs Schönste die eigenen hässlichen Ressentiments zu untermalen hilft. Ressentiments vom amerikanischen Hillbilly, Redneck usw. wurden demgemäß ja nur geliefert wie bestellt.

So müssen sich Relotius und SPIEGEL nicht mehr hinterfragen als der Leser. Warum will er so etwas denn lesen? Weil es so schön runterflutscht! So etwas Geschmeidiges muss doch wahr sein….

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