Eine neue Form von westlichem Kulturkolonialismus

von Hans-Martin Esser9.10.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Es bleibt die Frage, ob man bei der Auswahl der Playlist nicht einen Überhang von Mitteleuropäern und sehr weißen Amerikanern hat. Immerhin müssen alle Rundfunk-Beiträge bezahlen. Welcher Mensch mit indischer, russischer, türkischer, zentralafrikanischer, ostasiatischer, italienischer oder südamerikanischer Migrationsgeschichte fühlt sich da repräsentiert, außer im Spartenprogramm?

Radiomusik

Sobald man das Radio einschaltet und in Nordrhein-Westfalen wohnt, gibt es einen gewissen Einheitsbrei. Im Rahmen der Ultrakurzwelle ist praktisch nur der WDR verfügbar. Funkhaus Europa bleibt eine der wenigen Gelegenheiten, etwas anderes als „weiße“ Musik zu hören. Aber auch dort drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass es sich um eine domestizierte Variante von Weltmusik handelt. Im Westen des Bundeslandes kann man zum Glück niederländische Sender empfangen, die wesentlich buntere Playlisten haben, ohne den pädagogisch-jovialen Habitus, Exoten eine Chance zu gewähren.

Egal, ob auf 1live, WDR2, 3, 4 oder 5 – allenthalben eine Dominanz von Musik für ein Publikum, das alteingesessen ist. Wo laufen Klänge für die vielen italienisch-, russisch-, türkisch-, japanisch-, indisch-Geprägten und Menschen, deren Geburtsregion die USA, Arabien und Afrika sind. Funkhaus Europa sei als Spartenprogramm genannt. Es spielt Musik, die eher für Autochthone gedacht ist, welche sich aus Eitelkeit eine gewisse Weltläufigkeit anheften wollen. So wie mit Styropor gedämmte Neubauten hierzulande gern als Toscana-Villen verkauft werden, haben sie mit dem Original wenig gemein.

Aber Menschen, die außerhalb von Deutschland geboren und sozialisiert worden sind, bietet dieses Latte-macchiato-Begleit-Gedudel wenig Herzerwärmendes. Für den E-Bike radelnden Funktionsjackenträger mit Beamtenstelle also genau die richtige, sterile, auf Bundfalte gebügelte Musik.

Internetradio

Wenn man hingegen Chuck Berry, Snoop Dogg, the Roots, Outkast, Marvin Gaye und Lieder von Prince und Stevie Wonder hören will, die nicht zum absoluten Standardrepertoire gehören, wird man schnell enttäuscht. Von Künstlern mit weniger Bekanntheit ganz zu schweigen oder gar russische, italienische oder gar ostasiatische Interpreten, jenseits vom Gangnam-Style Klischee.

Gerade Hip-Hop gilt als zu wild für das überalterte Publikum, selbst bei 1Live wagt man sich kaum hervor und bringt nur Lieder, die für europäische Ohren gedacht sind. Insgesamt scheint die Ausrichtung des öffentlich-rechtlichen Radios hierzulande sehr heimelig-bieder zu sein, steht sie doch im Kontrast zur vorgeblich weltoffenen Ausrichtung der Sendeanstalten.

Zum Glück gibt es das Internetradio, bei dem man nach Herzenslust Sender aus allen Regionen der Welt hören kann. Soul und R´n B haben hierzulande keine Tradition, werden systematisch unterrepräsentiert, auch weil man sie praktisch nicht spielt.

Hat das öffentlich-rechtliche Radio nicht auch einen Bildungsauftrag? Wenn ich durch die Südstaaten der USA oder durch Frankreich oder England fahre, ist die Musik wesentlich bunter und gewagter, ohne die im Funkhaus Europa unterschwellige Note, man spiele hier mal ganz gönnerhaft ein paar Exoten.

Was bietet man dem geneigten Hörer, der nicht dauernd Westernhagen und die Toten Hosen hören will, also mal etwas jenseits des alten Krautrocks?

Lefkó-normativ

Neben Heteronormativität, wonach aus dem Blickwinkel des Heteros argumentiert wird, gibt es den vom Lyriker Paul-Henri Campbell geprägten Begriff Salutonormativität, wonach Krankheit als zu überwindendes Hindernis gelte: eine verdeckte Form der Diskriminierung also.

In Anbetracht des Radioprogramms scheint das Leitbild der weiße (im Altgriechischen heißt es lefkó) und mitteleuropäische Mann zu sein. Somit könnte man hier von Lefkó-Normativität sprechen.

Insofern bleibt die Frage, ob man bei der Auswahl der Playlist nicht einen Überhang von Mitteleuropäern und sehr weißen Amerikanern hat. Immerhin müssen alle Rundfunk-Beiträge bezahlen. Welcher Mensch mit indischer, russischer, türkischer, zentralafrikanischer, ostasiatischer, italienischer oder südamerikanischer Migrationsgeschichte fühlt sich da repräsentiert, außer im Spartenprogramm?

Ist das nicht eine neue Form von westlichem Kulturkolonialismus? Musik bestimmt immerhin einen Großteil des Radioprogramms. Heißt Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks etwa, sich dem Geschmack des Publikums anzudienen und herunterzududeln?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten machen linke Berichtserstattung

Zur Studie des Reuters Institute, wonach die öffentlich-rechtlichen Sender lediglich eine Minderheit der Bevölkerung erreichen, die sich darüber hinaus links der Mitte verortet, erklärt der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland.

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Der Klassenkampf hat gerade erst begonnen

Es ist hohe Zeit zu begreifen, dass der linke Zeitgeist brandgefährlich ist. Jene, die das, was sie für das Gute halten, wie eine Monstranz vor sich her tragen und unermüdlich die Welt verbessern wollen, lassen alle Hemmungen fallen, wenn sie feststellen müssen, dass es Andersdenkende gibt.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Greta Thunberg ist eine grüne Koboldexpertin

Tag für Tag verkünden uns Marionetta & Co. mit ernster Miene, dass das Ende der Welt bevorsteht, wenn nicht endlich, endlich, endlich die Forderungen einer schwedischen Schulschwänzerin und einer grünen Koboldexpertin eins zu eins in die Tat umgesetzt werden - sprich: Wenn unser aller Leben nich

Mobile Sliding Menu