Erklärungen sind Unsinn

Hans-Martin Esser27.09.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Vor ein paar Monaten rauschte der Blätterwald. Was war der Anlass? Im Anschluss an die Tellkamp/Grünbein-Debatte in Dresden, die dafür gesorgt hatte, dass sich mit Uwe Tellkamp einer der herausragenden deutschen Schriftsteller öffentlichkeitswirksam gegen die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin stellte, erschien die Gemeinsame Erklärung 2018. Was ist schlecht daran, fragt unser Kolumnist?

Als Initiatorin gilt Vera Lengsfeld – zusammen mit mehr als 20 Erstunterzeichnern, darunter eben auch Tellkamp. Sein Verlag Suhrkamp hatte sich in der Zwischenzeit von seinen politischen Ansichten ebenso öffentlichkeitswirksam distanziert.

Seehofer muss weg

Nun erscheint im Herbst also, kurz vor Bayernwahl und Frankfurter Buchmesse, welch ein Zufall, eine weitere Erklärung, die als Gegenthese zur oben genannten verstanden werden kann, nach dem Motto: Seehofer muss weg. Unterzeichnet ist sie ebenfalls von einer Reihe renommierter Intellektueller, aber auch von einer ganzen Reihe von weiteren, nicht so profilierten Schauspielern und Autoren, wie es auch schon bei der Gemeinsamen Erklärung der Fall gewesen war.

Lockeres Gespräch

Wie es der Zufall – oder mein Instinkt – will, habe ich mich in den vergangenen Monaten mit einigen der Unterzeichner der Anti-Seehofer-Erklärung unterhalten, ob sie sich vorstellen könnten, dass ihr Kollege Tellkamp nach seinem Coming-Out je wieder einen Literaturpreis gewinnen wird. Die Antwort war „Nein.“. Einhellig. Man stelle sich das einmal vor. Große Kulturpreise und Ansehen bei Kollegen hängen nicht in erster Linie von gezeigter Leistung und Brillanz, eigenwilliger Sprache ab oder neuen Facetten, die man dem Kulturbetrieb hinzufügt, sondern von der politischen Haltung.
Eines vorab: Tellkamps Satz, wonach 90% der Flüchtlinge aus Gründen des üppigen deutschen Sozialstaats ins Land kämen, ist nicht korrekt in meinen Augen. Aber kann man jemanden, der mit dem Deutschen Buchpreis und dem Ingeborg-Bachmann-Preis zwei der vier bedeutendsten deutschsprachigen Trophäen abgeräumt hatte, den Zutritt zu den Salons des Landes allein aufgrund seiner Gesinnung verwehren? Wohl kaum. Es sei denn, man wolle der Literatur Schaden zufügen.

Herdentrieb

Es macht mich stutzig, wenn eine Erklärung von hunderten oder gar tausenden Menschen unterschrieben wird. Besonders kritisch sehe ich Sendungen wie aspekte und titel thesen temperamente. Dort geht es um nichts Anderes als um die Verschränkung von Politik und Gesinnung, um Bekenntnis und Verdammnis, um Schuld und Sühne, um Freund-Feind-Denken und darum, Urteile zu treffen, am besten inquisitorische. Letztendlich mündet alles in der Einsicht, dass der schlechte Mensch nur schlechte Kunst produziere und – noch verhängnisvoller – umgekehrt. Man könnte ketzerisch fragen, wem denn künftig die Preise zuerkannt werden, die Tellkamp nicht mehr bekommen wird.

Ketzerisches

Wenn Tellkamp also auch beim Verfassen von genialen Romanen leer ausgehen sollte, wird wohl ein anderer den Preis erhalten, die Nummer 2 wird so zur 1 gekürt. Tellkamp diene hier als Chiffre für all jene, die als Unperson gelten. Als Gegenpart zur Unperson gelte die Überperson, so clean wie August Finger oder Juli Zeh, die Mustermanns der Kulturpreisträgerabonnements als Vorreiter für jeden im Windschatten fahrenden Opportunisten. Es scheint daher eine dominante Strategie zu sein, unabhängig vom aktuellen Thema Migrationspolitik normal und konform unausgesprochen Dinge im Hinterkopf zu behalten, sie zu unterdrücken, wie in der Adenauer-Zeit Homosexuelle ihre Neigungen oder die Romanfiguren aus Tellkamps Der Turm ihre eigentliche Meinung.

Büchner-, Bachmann-, Buch- und Friedenspreis erfordern den great pretender, der sozusagen antizipatorisch die neuen Windungen des Flussbettes eines Stromes, genannt deutsche Literaturmode, zu antizipieren vermag. Der Zeitgeist der Literaturmode erscheint aktuell äußerst politisiert. Niemand ohne Haltung wird irgendetwas. Einladungen zum Goetheinstitut Nairobi oder Dublin ohne richtige Gesinnung? Vergessen Sie es, auch wenn Sie wie ein Halbgott formulieren können.

Tellkamp ist mir dabei in seiner Kritik genauso fern wie die zweihundert-haste-nicht-gehört Unterzeichner der Gegenthese, die Seehofer aus dem Amt jagen wollen, weil er nicht gar so staatstragend sein will, wie es sich der Kulturtätige wünscht. Auf beiden Seiten – der rechten wie linken – gibt es mehr und mehr Trittbrettfahrer, die sich ihren Lesern in einem gespaltenen Land andienen wollen. Machen wir uns nichts vor: auch die Unterzeichner der Gemeinsamen Erklärung 2018 verhalten sich im Rahmen ihrer Leserschaft konform und erwartbar langweilig. Beide Erklärungen taugen so wenig wie alle anderen.

Der Verlust

Als Ökonom stelle ich mir folgende Frage: wo sind die Strukturen so beschaffen, dass sie keine optimalen Ergebnisse liefern – und zwar systematisch? Der Fehlanreiz liegt in beiden Petitionen darin, dass zwei Felder vermischt werden, das literarische und das politische. Auf dem literarischen haben Gatekeeper als inquisitorische, aber informelle Instanz darüber zu entscheiden, wer einen hochstehenden Preis zu erhalten hat. An diesen Preisen hängen – ganz besonders für Lyriker, die relativ gesehen weniger Bücher absetzen als Romanautoren – Existenzen. Durch Preise steigen neben und mit Buchverkäufen auch Honorare für Lesungen, die Anzahl der Einladungen zu Goetheinstituten und Renommee unter Kollegen, was Einladungen zu Partys mit Verlegern, Kritikern und politischen Kulturförderern nach sich zieht: power law nennt Norbert Bolz wohl so etwas.

Der Fehlanreiz ist, sich opportunistisch konform zu verhalten, was der Qualität des Geschriebenen nicht bekommt. Man macht sich mit seinen Fans allzu gemein, dient sich den eigenen Lesern als Posterboy an. „Sehr her, ich bin einer von Euch. Findet meine Literatur fad, aber politisch stehe ich auf der richtigen, nämliche Eurer Seite.“

Nicht jedes mögliche Thema wird mit jedem geeigneten Stilmittel bearbeitet. Eine Schere im Kopf spart gewagte Thesen aus, die Grauräume also, bevor man sich mit Kollegen, Lesern, Kritikern oder Verlegern anlegt. Es geht zu viel Energie verloren, die mit der eigentlichen Profession nix zu schaffen hat. Was denken die Kollegen? So verhält sich ein Radrennfahrer, dem die Kräfte schwinden – er schaut sich um nach den Verfolgern und setzt keine Akzente.

Zum Prinzip wird der Cookie-Cutter, das Vorgestanzte. Ein Schriftsteller wird zum Produzenten für moralische Selbstbefriedigungsvorlagen seiner Leser, womit er zur Verblödung seiner Fans aktiv beiträgt, es selbst nicht merkt und sich bestärkt fühlt, dass eben auch angesehene Kollegen den Quatsch unterzeichnet hatten, die ähnlich dachten. Man will sich ja nicht die Chancen versauen, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu erhalten mitsamt Habermas als jovialem Laudator.

Was, wenn ein Kollege dem Aufruf der Anständigen nicht nachkommt und unanständig ist, sich nicht normal und konform verhält? Es lebe Carl Schmitts Prinzip von Freund und Feind. Kaiser Wilhelms Geist weht durch die Literatur 100 Jahre nach seiner Abdankung.

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