Jetzt ist die Zeit, neue Brücken zu schlagen. Barack Obama

Die Russlanddeutschen sind gut integriert

Die allermeisten Russland-Deutschen haben sich bestens integriert, bilden keine Parallelgesellschaften, beherrschen die deutsche Sprache, sind pünktlich, zuverlässig und halten die Tüchtigkeit höher als die meisten anderen Deutschen, schreibt Hans-Martin Esser.

Russlanddeutsche

Wir schreiben das Jahr 1990. Der Sozialismus als Regierungsform ist krachend in all seinen Widersprüchen durch den Praxistest gefallen. In Deutschland ist Helmut Kohl triumphal abermals zum Kanzler gewählt worden, was den damaligen Grünen Otto Schily dazu veranlasst, als Grund für diesen Sieg eine Banane in die Fernsehkameras zu halten, nachdem seine damalige Partei noch nicht einmal die 5%-Hürde gerissen hatte. Diese Kränkung saß tief. Als bereits Mitte der 1980er Jahre die ersten polnischen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren und über den wirtschaftlich und moralisch verrotteten Zustand eines sozialistischen Landes aus erster Hand berichteten, war dies der Beginn einer Welle. Nach und nach kollabierten alle sozialistischen Republiken.

Zu Beginn der 1990er Jahre handelte Kohl mit Gorbatschow aus, dass auch die im 18. Jahrhundert nach Russland emigrierten Nachfahren der Russlanddeutschen, wenn sie denn wollten, nach Deutschland übersiedeln durften. Es kam eine Zahl, die der der Migranten seit 2015 nicht nachsteht. Die Russland-Deutschen konnten, ähnlich wie die kurz zuvor aus Polen Emigrierten, bezeugen, dass hierzulande vieles besser ist als in der damaligen UdSSR und deren Satellitenstaaten.

Eine tiefe Kränkung

Es führen die Russlanddeutschen der politischen Linken schmerzhaft vor, dass Sozialismus nicht ohne Repression auskommt. So wurden per Anweisung durch Stalin fast alle in die hintersten Winkel der Sowjetunion verschleppt. Als sie dann auch noch Kohl wählten, konnten sie sich der Ablehnung durch das progressive Milieu in Deutschland sicher sein. Diese äußerte sich in Sätzen wie „Kohl hat genau gewusst, wen er sich da ins Land holt, um auch die nächsten Wahlen zu gewinnen.“ Heute würde man das AfD-Sprech nennen, wenn man das Wort Kohl durch Merkel und Spätaussiedler durch Flüchtling ersetzte.

Zur Kränkung kommt hinzu, dass die allermeisten Russland-Deutschen nun, 25 Jahre später, bestens integriert sind, keine Parallelgesellschaften bilden, die deutsche Sprache beherrschen und Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit höher halten als die meisten anderen Deutschen. Es sind dies Wettbewerbstugenden. Implizit haben sie mithin das kapitalistische Prinzip inhaliert und sind gerade deshalb sehr erfolgreich.

Zur exotischen Buntheit leisten sie also nicht den Beitrag, der Frau Göring-Eckardt vorzuschweben scheint. Ebenso ist nicht bekannt, dass die Gruppe der hier lebenden Russland-Deutschen Integrationskurse besuchen muss. Es lässt sich also für Kirchen und Beamte keine zusätzliche Planstelle schaffen. Enttäuschend geradezu…

Die Integration verlief weitgehend reibungslos. Es gibt keinen Zentralrat, der sich über die medial unvorteilhafte Berichterstattung beschwert, obwohl es hierzu durchaus Grund gäbe.

Das Narrativ vom zerstörenden Kapitalismus

Nun ist oben erwähnt worden, dass Russlanddeutsche Zeugnis ablegen für das Scheitern des Sozialismus. In der Regel sind sie konservativer als die deutsche Gesamtbevölkerung, was sie eint mit den jetzt Kommenden aus Afrika und Arabien. Nur ist der russlanddeutsche Konservativismus ein anderer – er trägt patriotische Züge und ist überhaupt nicht geschlechts-chauvinistisch. Kurz gesagt haben sie kein Problem mit Frauen und erst recht nicht mit ihrer neuen Heimat.

So arbeiten die meisten Frauen mit Geburtsort UdSSR, erlernen selbstbewusst sehr schnell unsere Sprache, falls sie sie nicht zuvor längst beherrscht hatten. Sie tragen hierdurch dazu bei, dass ihre Kinder für höhere Schulen hinreichend ausgebildet werden, da auch zu Hause Deutsch gesprochen wird, was für beruflichen Aufstieg unerlässlich bleibt.

Im Fall der Migranten aus Afrika und Arabien greift hingegen ein ganz anderes Narrativ. Es ist das der kapitalistischen Verwerfung: Gesundheitsschäden durch Coltanabbau in Minen, unfaire Preise für Bodenschätze, in Ausbeutungsabsicht vor mehr als 100 Jahren etablierter Kolonialismus mit willkürlicher Grenzziehung, durch Kapitalismus induzierter Klimawandel als Fluchtursache. Man kann sehen, dass der Sozialismus als Fluchtursache praktisch nicht vorkommt, vielmehr der Kapitalismus.

Oder wollte man es cineastisch ausdrücken: Sozialismus ist der sympathische Loser, Kapitalismus hingegen der fies-erfolgreiche Cowboy – wer verkauft wohl mehr Karten an der Kinokasse?!
Es wird auch nicht tiefergehend gebohrt, da dem Grundmuster der Urschuld des weißen Mannes wenig an rationalen Argumenten entgegengestellt wird, zumal dieses negative Meta-Narrativ mit der Selbstbestrafungssehnsucht in Deutschland bestens kompatibel erscheint.

Ist das tatsächlich so? Leiden die Länder Afrikas nicht unter zu wenig wirtschaftlicher Dynamik, bei gleichzeitig zu hohem Bevölkerungswachstum, was beides vielmehr Rückschlüsse auf ein Ausbildungsniveau zuließe, das dem Tempo der Globalisierung nicht standhält. Leider wird das nicht nennenswert erörtert.

Flüchtende als Puppen

Dass keine Erzählung ohne den passiven Geschundenen auskommt, der unmöglich sein Schicksal selbst beeinflussen kann, setzt im Grunde bei tiefverwurzelten Vorurteilen an, wonach Afrika nur Spielball, nie aber Spieler sein kann. Dem ewigen weißen Cowboy steht der ewige afrikanische Ureinwohner hilf- und mittellos gegenüber.

Im Grunde ist dies linker Rassismus. Für den wirtschaftlichen Zustand kann mithin niemand außer uns Europäern etwas, weshalb wir es auch sein müssen, die die Fluchtursachen bekämpfen. Im Grunde bleibt dies moralische Selbstbefriedigung. Als Vorlage hierfür eignet sich weder der aufstrebende aus Sri Lanka stammende Unternehmer noch die russlanddeutsche Professorin, die eben nicht in Extremismusforschung, Religionswissenschaft, Entwicklungspolitik oder vergleichenden Opferstudien promoviert hatte, sondern in Ingenieurwissenschaft gemäß bester russischer Tradition der Geschlechtergleichheit, die schon galt, als Mutti dem Vati hierzulande noch die Puschen wärmte und Hemden bügelte.

Man könnte beinahe meinen, dass es im Justemilieu gar kein Interesse am aufstrebenden, selbstbewussten Neu-Deutschen gibt, der sich nicht permanent über Zurücksetzung durch den bösen Cowboy beschwert. Aus diversen Kulturveranstaltungen weiß ich, dass es zurzeit schwer in Mode ist, geflüchtete Dichter einzuladen. Aus dem Publikum kommen dann stets voyeuristische bis empathiepornographische Fragen. Nie geht es um den Dichter, der Täter an Worten ist, sondern um die möglichst gruselige Auto-Biographie als geflüchtetes Opfer, als Puppe. Zeig her Deine Wunden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hans-Martin Esser: Eine neue Form von westlichem Kulturkolonialismus

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