Wenn der Mensch nur noch Multitasking macht, dann kommt er nicht mehr zum Nachdenken. Frank Schirrmacher

Die Schönheit des Abgrunds - Empathie Pornos

Die Christine-Westermannisierung der Literatur hat ihren Siegeszug angetreten. Erstens durch Buchverkäufe. Kitsch verkauft sich besser als Qualität. Denken ist anstrengend, tut bisweilen weh, Kitsch funktioniert wie Pornographie, allerdings nicht in der Hose, sondern links unter dem Hemd. Was sich verkauft, wird auch massenhaft produziert.

#metoo

Bei diesem Thema kann man sich wunderbar die Finger verbrennen. Mangelnde Empathie wird der erste Vorwurf sein. Als vor einem halben Jahr die #metoo-Debatte durch die Welt schwappte, blieb ein Aspekt unbeantwortet, der aber sehr maßgeblich ist: könnte es sein, dass brillante Menschen eine dunklere Seite haben als Normalos?

Seit Jahren geistert ständig eine Statistik durch die Gazetten, dass nämlich unter Spitzenmanagern der Anteil von Soziopathen übermäßig hoch sei. Dies bestätigt die Klischees vom herzlosen Kapitalisten.

Aber Künstler?

Besonders interessant erscheint mir der Fall Kevin Spacey. Die Empörung schlug Wellen, dass er augenblicklich die Serie House of cards verlassen musste.

Das Genie und das Böse

Spacey dürfte, was den Legendenstatus angeht, zu den allergrößten Namen in der Geschichte von Hollywood gehören. Er spielte in the usual suspects ein sich als Trottel gebendes kriminelles Superhirn, das die verhörenden Polizisten mit erfundenen Geschichten manipuliert. In Se7en verkörperte er einen unauffälligen, aber brillant perversen Serienmörder und in American Beauty stellte er einen frustrierten Vorstadt-Papi in der Midlifecrisis dar. Der gemeinsame Nenner: seine Rollen waren immer von manipulativer Intelligenz, auch schon vor Darstellung des fiktionalen Präsidenten Underwood.

Und jetzt die #metoo-Debatte. Was hatten wir doch für ein Vergnügen, wenn die von Spacey dargestellten Figuren ihren dummen Kontrahenten den Schneid abgekauft hatten. Es war beinahe so schön, wie wenn Robert de Niros Antihelden anderen die Knochen brachen, ihren Kopf in einem Schraubstock zerquetschten oder ihnen Teile des Gesichts wegbissen. Da schmecken die Nachos, und die Brause auf dem Schoß waberte launig hin und her. Privat sind Schauspieler ja ganz bodenständige nette Kerle, oder? Wenn nicht, wären wir dann etwa Komplizen?

Was erlauben Spacey?

Ist eine charakterliche Düsterheit vielleicht gar ein struktureller Vorteil des Genies, nicht nur fiktional, sondern real?

Felder der vielschichtigen Genies

Neben dem auffällig langen Wegsehen in Hollywood – die Liste der mutmaßlich Übergriffigen wird länger, wobei die Vorfälle wahrscheinlich über Jahrzehnte reichen – ist für mich gar nicht die geheuchelte Empathie seitens des Publikums von Belang. Es interessiert mich nicht, ob Spacey schuldig ist. Empathie wird nie meine Sache sein, das vorweg. Auch die Binsenweisheit, dass große Erfolge immun gegen Kritik machen, scheint mir nur bedingt interessant zu sein. Es erscheint viel interessanter und vordergründig erschreckender, dass eben nicht nur in den hohen Etagen deutscher Unternehmen, sondern gerade auch im Bereich der Kreativen, der Künstler und Erfinder, Wunderbares auf dem Mist des Schrecklichen besser wächst. Verdanken wir vielleicht Erbauung und Fortschritt vornehmlich dunklen Neigungen? Was, wenn ja? War Einstein treu? Diente ihm seine Promiskuität als Triebfeder in Denkprozessen gar?

Sport ist ebenfalls ein solches Feld. Nicht allein Doping, sondern das freimütige Überschreiten moralischer Grenzen der Doper, macht den Erfolgreichen aus. Wir lieben leichtfüßige Sprints nach Alpe d` Huez, aber was, wenn der Erfolgreiche nicht nur nachhalf, sondern dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen hatte? Machte ihn vielleicht nicht etwa seine Rücksichtslosigkeit so erfolgreich?
Was, wenn wir wüssten, dass Michelangelo Buonarroti ein cholerischer Unsympath gewesen war, eine Zumutung für seine Mitmenschen?

Es ist ein Kinderglaube, dass das Wahre, Schöne und Gute aus dem Guten, Schönen und Wahren entsteht. Umso befremdlicher, dass kürzlich die von Cate Blanchett geleitete Jury in Cannes Filme prämiert hatte nach Ausmaß des zur Schau getragenen Maßes an Menschlichkeit.

Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich mit einem Film über einen blinden, armamputierten legasthenischen Bisexuellen mit von der Partie gewesen, der nach einem Autounfall in der Wüste verzweifelt nach Wasser sucht. Wenn es keinen Unterschied macht, ob das Drehbuch bahnbrechend, die Kamerafahrten Maßstäbe setzend oder die Regie genial ist, dann gute Nacht.

Empathie Pornos

Neulich im Bücherladen unterhielt ich mich mit einem Bekannten. Er empfahl mir ein Buch, dessen Titel und Autor ich schnell wieder vergaß. Kriterium war in seinen Augen die menschenfreundliche Grundhaltung des Schriftstellers. Ich war äußerst erstaunt, dass das Modewort Empathie eine solche Karriere hinter sich hat. Es ist ein Euphemismus für Kitsch in meinen Augen. Wer nicht denken kann oder will, verfügt eben über Empathie im Überfluss. Ein Film, der ein mieses Drehbuch hat, kann mit Haltung und ebendieser Empathie punkten.

Es ist dies die Christine-Westermannisierung der Literatur. Auf zwei Ebenen hat sie ihren Siegeszug angetreten. Erstens durch Buchverkäufe. Kitsch verkauft sich besser als Qualität. Denken ist anstrengend, tut bisweilen weh, Kitsch funktioniert wie Pornographie, allerdings nicht in der Hose, sondern links unter dem Hemd. Was sich verkauft, wird auch massenhaft produziert. Besonders wenn die Produktion einfach erscheint, zieht es Stümper auf den Büchermarkt. Herzliches Beileid, liebe Lektoren.

Außerdem sind Haltung und Empathie zweitens eben nicht nur in Cannes durch Cate Blanchett, sondern auf Ebene der Goethe-Institute auch im deutschen Literaturbetrieb bestens verankert worden. Wer nicht so viel verkauft, kann dann durch die Goethe-Institute tingeln. Allerdings wird auch hier Wert daraufgelegt, ein einwandfreier Charakter zu sein, der lupenrein schöne und vor Empathie triefende Gedanken aufs Papier bringt als Ausdruck seiner inneren Wahrhaftigkeit auf Bestellung. Anders wäre schlecht.

Was ist dann der Unterschied zu gecasteten Boybands in den 1980ern, die gefiltert, gesiebt und für schön befunden worden sind, um Herz-Schmerz-Kitsch für pubertierende Zahnspangengören zu produzieren? Es gibt keinen, da es nur dieselben Gören in der Menopause/Midlifecrisis sind, denen es für ihr Selbstbild wichtig erscheint, ebendiesen Kitsch zwischen Buchdeckeln und nicht mehr auf Kassette serviert zu bekommen: derselbe Mist in anderer Form. Es wäre zu bitter, sich einzugestehen, dass man in 30 Jahren intellektuell nicht heranreifen konnte. Das Gute entsteht durch Gute, das Böse aus dem Bösen. So einfach ist die Soße. Warum machen sich diese Menschen eigentlich über Donald Trump lustig, wenn sie selbst nicht besser sind.

Ich will Kevin Spacey zurück.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Hans-Martin Esser: Intellektuelle Dürftigkeit

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Hollywood, Pornographie

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
19.06.2018

Kolumne

Medium_b166e0eb31
von Hans-Martin Esser
17.11.2017

Kolumne

Medium_459f0ac2c1
von Clemens Lukitsch
05.09.2014
meistgelesen / meistkommentiert