Intellektuelle Dürftigkeit

von Hans-Martin Esser21.05.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Kants Diktum, wonach Aufklärung der Ausbruch aus selbstverschuldeter Unmündigkeit sei, diene hier als Ausgangspunkt für einen Gedanken. Selbstverschuldet ist heutzutage das Verharren in Meinungsgemeinschaften. Wenn das Land ein gespaltenes ist, liegt es nicht zuletzt daran, dass die Speerspitzen der heutigen Meinungslager mit wenigen Ausnahmen eintönig argumentieren und zur Wiederholung neigen.

Liest man Heribert Prantls Leitartikel oder Jakob Augsteins Kolumnen, weiß man vorher, was drinsteht, ebenso wie das bei vielen ihrer Pendants am anderen Ende des Meinungsspektrums der Fall ist. Während Linke Konservativen fehlendes Herz und mangelnden Anstand vorwerfen, steht andersherum der Vorwurf stereotyp im Raum, Linke seien Gutmenschen, die nicht rechnen können.
Um noch irgendjemanden mit dem 300. Artikel zum selben Thema hinter dem Ofen hervorzulocken, muss die Dosis erhöht werden. Der Ton wird unversöhnlicher, und am Ende glaubt die jeweiligen Autoren selbst noch daran, dass das Land entweder in einem wunderbaren Multikulturalismus aufblühen oder in die Steinzeit abrutschen wird.

Ist das so?!

Was fehlt, ist ein Korrektiv. Wer sich permanent nur im Kreis von Adepten und Speichelleckern sonnt, welche den Autor entweder für heroisch bis zur Selbstaufgabe oder für ein humanistisches Sonnenscheinchen halten, wird schnell Opfer seiner Eitelkeit. Mehr davon: 95 zustimmende Leserbriefe und 12000 Likes können nicht irren. Ich weiß, wovon ich rede.

Ist diese scheinbare Mehrheit der Leser Ausdruck von Wahrheit oder Wirklichkeit? Jeder Anhänger Friedrich August von Hayeks weiß, dass es ständiger Rückkopplung bedarf, um am Markt zu bestehen. Was sind aber für Publizisten Angebot und Nachfrage: einerseits Autor und Leser, andererseits Wirklichkeit und Autor. Mit beiden muss ein Abgleich wie bei kommunizierenden Röhren stattfinden. Zu verlockend ist es, dem Leser mehr anbieten zu wollen, als man bei der Wirklichkeit nachfragen kann.

Wenn Artikel Anklang finden, dann hat man doch alles richtig gemacht – never change a winning Standpunkt, oder? Und wenn die Likes ausbleiben, hat man dann die Pflicht, im nächsten Artikel seinen Lesern wieder den bewährten Standard zu anzudienen? Ist das so? Wird mit dem Prinzip der permanenten Rückkopplung nicht auch ein Abgleich mit der Wirklichkeit über den Umweg der Lesermeinung erreicht? Nein. Leserbriefe sind kein Ersatz für eigenes Beobachten.

Leser beeinflussen Autoren, beeinflussen Leser

Innere Einkehr ohne Eitelkeit und den Hintergedanken, seiner Gemeinde etwas bieten zu wollen sowie der permanente Abgleich der eigenen Thesen mit der Wirklichkeit sind die Quelle guter Artikel. Dabei gelten folgende zwei Nebenbedingungen bei politischen Artikeln: kann ich so etwas ethisch wollen und kann die Allgemeinheit das finanzieren?

Ein Autor kann sich irren. Ich tue dies häufig wie jeder.

Harald Martenstein und Jan Fleischhauer erscheinen mir zurzeit als positive Beispiele, wie gute Kolumnen auszusehen haben. Mit einer ironischen Distanz zum Thema und dem Motto von Papst Johannes XXIII: nimm Dich selbst nicht so wichtig. Das Unvorhersehbare ihrer Beiträge hebt sie von den Prantls und Augsteins ab, bei denen stets eh klar ist, was sie schreiben. Anders sieht es bei sich hysterisch gebärdenden Konservativen auch nicht aus, deren Meinungsalgorithmus doch ebenso berechenbar erscheint.

Kolumnisten im Speziellen, Publizisten allgemein und generell Intellektuelle sind dafür besonders anfällig: Berechenbarkeit durch ideologisch geprägte Wiederholung; schließlich verbringen sie viel Zeit in der stillen Schreibstube und auf elitären Partys, wo sie nicht unbedingt direkten Kontakt zu den Themen ihrer Artikel haben. Man nennt dies gern auch Berliner Republik. Rückkopplung findet also nicht auf der Ebene der Wirklichkeit statt, sondern fast nur auf Basis des Anklangs beim Publikum. Hayeks Rückkopplungsidee muss neben der marktmäßigen eine zweite Ebene kennen: die mit der Wirklichkeit.

Freundschaft mit Andersdenkenden

Als förderlich für gute Artikel erscheint mir die Freundschaft mit Andersdenkenden. Autoren, die sich damit brüsten, aufgrund ach so mutiger Artikel die Hälfte ihrer Freunde verloren zu haben, sind vielleicht schon deshalb erst auf dem Holzweg und dann auf dem absteigenden Ast, weil ihnen das Korrektiv fehlt. Ein Freund, der unverblümt andere Aspekte sieht, ist unerlässlich. Ihm kommt dann die Funktion des Advocatus Diaboli zu, ohne den Erkenntnisgewinn unmöglich erscheint.

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