Spieler ohne Schatten – das Geschäft mit dem Fußball

von Hans-Martin Esser1.05.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Wer das Halbfinale der Champions League erreicht, benötigt Spieler, die Nerven wie Drahtseile haben und eine verschworene Gemeinschaft bilden. Seitdem man Robert Lewandowski ablösefrei 2014 zum FC Bayern holte, ist eine Konstante das Ausscheiden aus dem Wettbewerb vor Erreichen des Finals.

Halbfinale

In meinen Augen hat Lewandowski nie zum FC Bayern gepasst, da ihm in seiner eher kühlen und grundsätzlich beleidigt wirkenden Art das mia-san-mia abgeht, was Persönlichkeiten wie Breitner, Beckenbauer, Maier, Gerd und Thomas Müller, Robben, Kahn, Effenberg, Matthäus und Rummenigge verkörperten. Lewandowski wirkte stets wie ein Legionär auf der Durchreise, allerdings ohne Abnehmer.

Auf gepackten Koffern

Mia-san-mia ist das, was modern Heimat heißt. Wir gehören zusammen, können etwas, wissen dies und stehen füreinander ein, nehmen solche auf, die zu uns passen. In Dortmund hatte man lange den Slogan „echte Liebe“ vorangestellt, der Dasselbe meint. Die Borussia, unter Trainer Klopp noch eingeschworene Gemeinschaft, verkommt zusehends zum Durchlauferhitzer für 20jährige Talente, die nach einem oder zwei Jahren in Westfalen mit erpresserischen Methoden den eigenen Weggang betreiben. Welchem Fan will man in Anbetracht dieser Ereignisse noch etwas von echter Liebe vormachen?!
Dortmund kam sich lange Zeit sehr clever vor, Mondsummen als Kompensation zu verlangen, genützt hat es dem Verein genauso wenig wie den Spielern. Was ist denn aus Dembele geworden? Ein Ersatzspieler eines im Viertelfinale der Champions League ausgeschiedenen Vereins. Mchitarjan und Aubameyang spielen bei einem englischen Verein, der sich noch nicht einmal für die Champions League qualifiziert und nur noch als Schatten seiner selbst gilt.

Schatten werfen diese Spieler ebenso wenig wie Lewandowski, der auch einmal für den Verein mit der echten Liebe gespielt hatte. Ihr Spiel ist wie fast food. Es hinterlässt keinen bleibenden Eindruck, nirgendwo. Allein schon die jede Saison vorgetragene Haltung, man wolle wechseln, lässt mich solche Typen eher verachten.

Durchgangsstation

Es mag ja Vereine geben, die keine Wahl haben als die, Durchlauferhitzer für Talente zu sein. Bayern München und auch der BVB sind hingegen nicht solche Teams. Es ist mir unverständlich, wie Dortmund seit Jahren stets die zwei bis drei besten Spieler gehen lässt, um keinen adäquaten Ersatz zu kaufen. Es gibt in der Spieltheorie das Chicken game: wer einmal nachgibt, tut dies auch ein weiteres Mal. Man stellt sich darauf ein, dass man mit einem nachgebenden Verhandlungspartner zu tun hat. Der BVB wird daher von aufstrebenden Spielern offensichtlich nicht für ganz voll genommen. Die Ära Klopp ist längst Geschichte.

Das Modell Bayern München behagt mir da eher. Man lässt Spieler einfach nicht gehen, egal, wie viel Theater sie veranstalten. Überhaupt scheint man ähnlich wie vor 20 Jahren bei Rudi Assauer auf Schalke Charaktertests zu machen, ob ein Spieler es wert ist, ihm beim FC Bayern einen Vertrag zu geben. Mit Müller, Alaba, Neuer, Boateng, Hummels, Lahm, Schweinsteiger, Robben, Ribery, Martinez und jetzt auch James Rodriguez hat man eine Reihe von Spielern über viele Jahre gebunden, die den Kern der Truppe bilden, übrigens unabhängig von ihrer Nationalität als Identifikationsfiguren des Vereins gelten.

Was fehlt?

Wie man bei derlei Standards jedoch an Lewandowski kommt, ist mir schleierhaft. Mit der sattsam bekannten Wurstigkeit behandelte er 2013 bereits den BVB. Ein Spieler, der mit knapp 30 Jahren noch nicht bei Real Madrid angekommen ist, scheint dort nie ernsthaft auf der Liste gestanden zu haben. Lewandowski hat die Champions League noch nie gewonnen, nicht weil er nicht bei Real ist, sondern weil Lewandowski eben der ist, der er ist. Ohne ihn hätte der FC Bayern, wie ich denke, den Henkelpott in den vergangenen Jahren mindestens einmal in Händen gehalten. Er macht das Bayern-Spiel zu berechenbar und versagt sowieso, wenn es darauf ankommt. Fünf Tore gegen Wolfsburg sind nichts, wenn man gegen Barca, Real und Manchester nicht trifft.

Die wirklich herausragenden Spieler wie Messi, Cristiano Ronaldo, Müller, Robben und Lahm haben ihre angestammten Vereine nicht verlassen. Es scheint eine Frage des Charakters zu sein, ob man die Champions League gewinnt oder nicht. Real war nicht wegen exorbitant hoher Ablösesummen in den letzten fünf Jahren so erfolgreich, sondern weil man Spieler hatte, die über zehn Jahre blieben. Allerdings waren diese auch nicht gerade billig. Der Rumpf von Real ist aber seit fast zehn Jahren derselbe.

Spieler wie Dembele, Lewandowski und auch Neymar werden nie in die Fußstapfen der Zidanes, Beckenbauers, Messis, Buffons, Ronaldos oder Maradonas kommen, weil ihnen neben der Genialität sowie dem Nervenkostüm auch das Quäntchen charakterlicher Stärke fehlt, welches die guten von den Weltklassespielern unterscheidet. Wer ernsthaft meint, im entscheidenden Spiel der Saison in den Bummelstreik treten zu können, um sich beim Gegner beliebt zu machen, dem fehlt es vielleicht nicht nur an innerer Festigkeit, sondern auch an mehr. Solche Spieler braucht Real nun wirklich nicht, mal abgesehen vom Alter Lewandowskis.

Was tun?

Der Leser mag jetzt einwenden, dass sich hier ein Bayern-Fan den Frust von der Seele schreibt. Falsch. Es geht um die Frage, wie man im Zeitalter der totalen Austauschbarkeit im Fußball, da englische Vereine sogar in der Winterpause Transfers jenseits der 80-Mio-Euro-Marke stemmen, dem Ausverkauf entgehen kann. Bayern München war stets so klug, kein „Verkaufsverein“ gewesen zu sein. Oft wird argumentiert, man solle an das viele schöne Geld denken, das man für alternde Spieler wie Lewandowski oder noch unfertige Talente wie Dembele erhält. Das ist ein schlechtes Argument. Beide Spieler haben wenig gekostet (Lewandowski kam ablösefrei, Dembele für eine überschaubare Summe wie auch Aubameyang und Mchitarjan). Man verliert ja nichts, wenn man sie nicht abgibt. Es gibt ja auch Sondertrainingsgruppen, Tribünen und zweite Mannschaften, wo sie die eigentlichen Spieler nicht stören können.

Weder Dortmund noch der FC Bayern haben es nötig, hohe Transfererlöse erzielen zu müssen. Glaubwürdigkeit ist die viel härtere Währung im Haifischbecken der Spitzenvereine.
Ich bin mir sicher, dass man sich bei den Bayern für Lewandowski ein schönes Szenario zurechtgelegt hat. Sein Vertrag läuft noch drei Jahre, ihm rennt die Zeit davon, nicht dem FCB. Wie wäre es, einem solchen Spieler, der möglicherweise absichtlich in der entscheidenden Saisonphase ein paar Gänge zurückschaltet, die Karrierepläne zu durchkreuzen? Durch seine Lustlosigkeit entgeht dem FCB wahrscheinlich dieses Jahr der Champions League Sieg.

Ein Jahr lang in der zweiten Bayern-Mannschaft (4.Liga), und der Mann ist 31 Jahre alt. Dann läuft sein Vertrag noch zwei Jahre. Mit Sicherheit werden dann die europäischen Spitzenvereine kein Interesse mehr haben. Was hat der FCB dann verloren? Nichts, sogar vieles gewonnen: Glaubwürdigkeit. Außerdem hatte er ja auch nichts gekostet 2014. Und Vereine der unteren Tabellenhälfte in England werden für einen solchen Spieler mit Sicherheit nächstes Jahr noch 60 Millionen ausgeben, damit sie in der englischen Liga vielleicht mal Sechster werden und die Europa League erreichen. Das wäre dann bestenfalls der einzige internationale Titel des Mittelstürmers.

Bei einem Transfer zu einem dieser Vereine kann man auch sicher sein, dass er nicht doch in einem späteren Aufeinandertreffen den Bayern noch schaden wird. Vorher kann man in München einen jüngeren begabteren Stürmer wie Antoine Griezmann, der Atletico Madrid entscheidende Tore bringt, verpflichten. Das Geld hat man dort auch ohne den Verkauf von Lewandowski. Griezmann hatte übrigens den Charakter, Atletico Madrid trotz Angeboten vor dieser Saison nicht zu verlassen. Außerdem schießt er wichtige Tore – wie jetzt gegen Arsenal und hat vordere Plätze bei der Wahl zum Weltfußballer belegt. Sein Spiel berührt die Fans. Er ist alles das, was Lewandowski nie sein wird.

Nur mit solch harten Mitteln kann man Spielern klar machen, dass letztendlich Vereine das Geschehen bestimmen und es vermeiden, ein weiterer Verein mit austauschbaren Spielern zu sein. Insofern ist Fußball vielleicht gar eine Analogie zur realen Welt.

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