Trump kommt weiter als Obama

Hans-Martin Esser21.04.2018Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Trump ist zwar vom Stil her eine Zumutung, aber gerade deshalb kommt er weiter als Gentleman Obama.

Montags um 21.00 h im Ersten

Als ich Frank Plasbergs hart aber fair kürzlich verfolgte, fiel mir ein Muster auf, das ich bereits einige Male in Artikeln vorher angesprochen hatte. Trumps Regierungsstil war das Thema. Mit Melinda Crane, einer Journalistin von Deutsche Welle TV, dem Historiker Michael Wolffsohn, dem ehemaligen Nato-General Domröse, einem CDU-Politiker, der so blass auftrat, dass ich mir seinen Namen nicht merkte sowie Thomas Roth, der die Tagesthemen stets kommentierte und nicht moderierte, war die Runde interessant besetzt.

Was auffiel, war, dass Plasberg mit großer Penetranz Domröse entlocken wollte, ob Trump nicht doch eigentlich ein sich miserabel benehmender Kerl sei, vor dem Militärs ja eigentlich gar keine Achtung haben könnten. Hierauf ließ sich der General a.D. nicht ein. Auch Crane und Roth ging es vornehmlich um Stilfragen. Schön und gut. Hart aber fair hat – wie viele Polittalkshows – das Konzept geändert: weniger Politiker, stattdessen mehr Journalisten, getreu dem Motto „Fernsehmoderatoren laden sich gegenseitig ein“.

Cranes Gesichtsausdruck

Besonders interessant war nicht, dass Thomas Roth immer wieder eines sagte, nämlich, dass die Gewaltenteilung in den USA möglicherweise auf der Kippe stehe, aber die wackeren Journalisten von Times und Post schon dafür sorgten, dass die Demokratie obsiegen werde gegen die Mächte der Finsternis, die sich nun im Weißen Haus breitgemacht hätten. Es ist eine beidseitige geradezu pornographische Übertreibung: ein obszöner Präsident auf der einen und eine nicht minder eindimensionale Gruppe von Journalisten auf der anderen Seite. Dachte man, dass die politische Analyse in den Käsekästchen von gut und böse zu Zeiten der W. Bush Administration bereits trivial war, setzen Trump und seine journalistischen Gegner noch eins drauf.

Viel interessanter als alles andere in Plasbergs Sendung war Melinda Cranes Gesichtsausdruck. Sie sagte wenig, schaute aber immer wieder, eher ratlos als genervt, wenn Michael Wolffsohn zu seiner sehr fundierten und ausgewogenen Analyse ansetzte. Trump sei zwar vom Stil her eine Zumutung, aber gerade deshalb komme er weiter als Gentleman Obama, so Historiker Wolffsohn.
Crane, um das in Erinnerung zu rufen, saß vor anderthalb Jahren im Pressclub und orakelte mit zur Schau getragener moralischer und ebenso anmaßender – scheinbarer – intellektueller Überlegenheit, dass Trump wahrscheinlich keine zwei Jahre im Amt sein werde. Sie scheint mit ihrem Latein am Ende zu sein, es war ihr bei Frank Plasberg ins Gesicht geschrieben.
Sie tappt, ähnlich wie Jeb Bush und besonders Hillary Clinton, in die Elitefalle. Trump besuchte keine Ivy-League-Uni. Damit wird er zum Außenseiter. Außer Ronald Reagan fällt mir kein US-Präsident der vergangenen 50 Jahre ein, der zuvor weder in Yale noch in Harvard, Berkeley oder Stanford studiert hatte.

Unternehmer, Wrestler, lebendes Kunstwerk, Comicfigur

Ich wage die These, dass Trump wesentlich intelligenter ist als viele Journalisten, zumindest als die in Plasbergs kleiner Runde. Einzig Wolffsohn scheint ihn im oben erwähnten Kreis durchschaut zu haben und intellektuell gewachsen zu sein. Natürlich ist der US-Präsident kein feiner Mensch wie Obama, wahrscheinlich sogar bösartig. Gebildet wird er auch nie sein. Aber die alten Weisheiten, wonach ein Lautsprecher minderbemittelt und nur beste Absichten zu guten Resultaten führen können, scheint mir mit Trump widerlegt zu sein.

Kürzlich las ich in der Süddeutschen, dass man Trump nur verstehen könne, wenn man Amerikas Begeisterung für Wrestling kenne. Es war die beste Analyse, die ich zum Thema lesen konnte. Autor war allerdings weder Thomas Roth noch Melinda Crane oder Frank Plasberg, was nicht überrascht. Wer Trump Paroli bieten will, sollte ihn verstehen und den Moralverstärker samt Selbstüberhöhungsmodus ausschalten.

Der Maverick im Weißen Haus: er bedient sich nicht nur des Wrestlings, einem zwischen Inszenierung und Ernst angesiedelten Showkampf, sondern trat bereits in den Ring, ohne Publizisten der Post zu fragen, was sie davon halten. Überhaupt erscheint er mir wie eine Comicfigur, als Pop-Art, nur eben nicht so bierernst wie beispielsweise Marina Abramovic oder Batman. Seine Frisur ist angesiedelt zwischen Andy Warhol und einer Will Ferrell Figur. Natürlich kommt er gar nicht wie ein Politiker daher. Gerade deshalb wählen ihn Leute, die Journalisten wie Thomas Roth und Melinda Crane offensichtlich als white trash oder abgehängtes Pack aus dem rust belt verachten, wie ich es sehe.

Taktische Intelligenz

Natürlich stellt Trump eine einzige Peinlich- und Geschmacklosigkeit dar. Aber er ist gewählt worden, wahrscheinlich gerade deswegen. Cy Twomblys Bilder sind zwar nicht so gefällig wie die da Vincis – Kunst sind sie aber beide. Als Unternehmer hat Trump sich stets am Ergebnis orientiert. Er erkennt Chancen. In den letzten 30 Jahren war jedem demokratischen Präsidenten ein republikanischer gefolgt. Seit 1992 hatten alle Amtsinhaber volle acht Jahre, sind stets wiedergewählt worden. Es war also unternehmerisch clever, 2016 für die Republikaner anzutreten und gleich beim ersten Auftritt allen anderen Bewerbern geradezu erpresserisch zu sagen, dass man auch im Falle einer Vorwahlniederlage auf eigenem Ticket antrete, was die Chancen auf einen kommenden republikanischen Präsidenten durch gegenseitige Kannibalisierung auf 0 gesetzt hätte, weswegen das Rennen früh gelaufen war. Defektieren als Strategie. Sich in der Hauptwahl nicht auf Swingstates zu konzentrieren, sich nicht möglichst staatstragend mittig zu geben, sondern in Industriestaaten links und an der Wall Street rechts zu sein, mag infam wirken. Der Erfolg bestätigt allerdings ihn und widerlegt die in zwei Anläufen gescheiterte Hillary Clinton.

Austauschbare Partner

Trump wird Planlosigkeit vorgeworfen, wenn er sein Personal regelmäßig feuert. Das Gegenteil erscheint mir wahr zu sein. Wenn der Präsident ruft, widersteht kaum jemand. Mächtige Minister mit Hausmacht gibt es nicht, solange sie eine Halbwertzeit von weniger als zwei Jahren haben. Er bekommt für jeden Posten immer einen neuen Amtsinhaber. Frau x geht, Herr y kommt. Tillerson verlor seinen Job als Außenminister, nachdem Syrien- und Nordkorea-Konflikt spruchreif gewesen sind.

Es ist ganz simpel: schließt ein Minister ein Abkommen, steht dieses sofort wieder zur Disposition, sobald er gefeuert wird. So läuft das. Das ist im Kern der neue Stil: Unzuverlässigkeit als stabilisierende Kraft. Wenn der Mann nur die Hälfte seiner Drohungen durchsticht, setzt Erleichterung ein. Wolffsohn war so klug, zu erwähnen, dass Trump trotz seines widerlichen Stils – oder gerade wegen dieses – mehr Bewegung in die Konfliktlösung brachte, als es Obama in acht Jahren geschafft hatte. Crane und Roth verstehen gar nicht, dass sich mit der Etablierung windiger, unethischer Methoden, die eben gerade nicht auf seriöse Berechenbarkeit setzen, Ziele erreicht werden. Das stellt in der Tat einen Paradigmenwechsel dar. Um es mit Western zu vergleichen – nicht der noble Jimmy Stewart, sondern der raue John Wayne war der Mann, der Liberty Valance erschoss. Frau Crane fasst es nicht. Wie kann ein Schurke nur einen Schurken aus dem Weg räumen? Ich will mein Geld zurück. Politik ist kein Ponyhof!

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