Ich kann das Wort abgehängte ländliche Region nicht mehr hören

von Hans-Martin Esser22.02.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft

In Molochen wie dem Ruhrgebiet, die als urbaner Raum das ganze Bundesland herabziehen, ist sogar eine möglichst große Distanz förderlich. Soest, Paderborn, Münster, Gütersloh und der Hochsauerlandkreis haben eine Sache gemein: die große geographische Distanz zum abgewirtschafteten Kohlenpott. Je weiter entfernt man vom faulen Apfel liegt, umso besser.

Regionen-Ranking

Mit großem Interesse studierte ich diese Woche den Focus. Es ging um Lebensqualität in den Regionen Deutschlands. Natürlich durfte das Modewort Heimat nicht fehlen.
Die sogenannte Provinz ist nicht abgehängt, sondern in der Regel Motor von Wohlstand und Hort der Lebensqualität.

Befund

Ob man sich Firmengründungen, Lebensqualität oder Wachstum an Jobs ansieht: es fällt auf, dass die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg durchweg die Spitzenpositionen unter sich ausmachen. Es sind rund 400 Regionen untersucht worden, nach dem Prinzip der KFZ-Kennzeichen. Meine ländliche Heimat Hochsauerlandkreis liegt im oberen Drittel von Nordrhein-Westfalen, 150 Plätze vor Dortmund und rund 180 vor Gelsenkirchen, Bochum, Hagen, Bottrop und Oberhausen sowie Duisburg.

In NRW, dessen Kern das Ruhrgebiet darstellt, gibt es ein ganz eindeutiges Land-Stadt-Gefälle. Seit Jahrzehnten geistert das Wort Strukturwandel als Blanko-Entschuldigung für den Kohlenpott durch die Gazetten und dient als Rechtfertigung für eine scheinbar alternativlos schlechte Umverteilungspolitik zulasten der wohlhabenden Städte in NRW.

Kurz gesagt stellt das Revier die unterste Stufe wirtschaftlicher Entwicklung in Deutschland dar, was sich sowohl in Lebensqualität als auch Immobilienpreisen niederschlägt, wobei die Ursache in besonders schwachen Schulen liegt, deren Ansprüche stetig sinken. Verheerung, wohin man sieht. Gelsenkirchen, Oberhausen, Bottrop, Dortmund und Duisburg haben sogar das Kunststück hinbekommen, im Ranking hinter abgelegene Winkel der neuen Bundesländer zu rutschen.

Schwarz-Rot-Gefälle

Was haben diese regionalen Unterschiede für einen gemeinsamen Nenner? Je länger eine Region im Sinne einer Umverteilungslogik regiert worden ist, umso schwerer erholt sie sich hiervon, geht oft ganz vor die Hunde.

Die DDR kannte das Motto „Die Köpfe gehen, die Ärsche bleiben“. Auf diesen Befund läuft es hinaus, wenn man sich die Verheerungen sozialistischer und sozialdemokratischer Politik ansieht. Unternehmernetzwerke sind in den neuen Bundesländern von 1950 bis 1990 systematisch zerstört worden, so dass die damaligen Republikflüchtlinge von Thüringen und Sachsen nach Baden-Württemberg und Bayern gegangen waren und diesen Regionen einen Aufschwung brachten.

Wenn erst einmal die Strukturen zerstört sind, dann hilft keine Subvention, sondern nur der kalte Entzug. Die damalige DDR leidet trotz bester PISA-Ergebnisse bis heute unter den Verheerungen des Sozialismus. 18jährige Einser-Abiturienten ziehen immer noch im großen Stil nach Westdeutschland. Es ist ein bisschen wie beim Fußball: Bayern bekommt schon früh die Talente aus Rostock, Suhl und Görlitz. Die nicht vorhandenen Strukturen in der alten Heimat erleichtern die Wechselentscheidung und verstärken die Ungleichheit.

Bedanken können sich die Bürger der ehemaligen DDR bei der SED beziehungsweise deren Nachfolgeorganisation. Im Kohlenpott sieht es nicht viel anders aus. Von 1998 bis 2004 studierte ich in Bochum an der renommierten Ruhr-Universität. Keine Sekunde kam es mir in den Sinn, nach dem Studium in Bottrop, Oberhausen, Mühlheim an der Ruhr oder Hagen zu arbeiten oder zu wohnen. Das hätte ich als Zumutung und Zeitverschwendung angesehen. Es waren seinerzeit schon extrem hässliche Städte mit wenig Perspektive. In den letzten 15 Jahren hat diese Situation sich noch dramatisch zugespitzt.

Waren die genannten Städte im Focus-Ranking vor 3 Jahren noch auf den Plätzen 250 bis 300, so sind sie jetzt nochmals um 100 Plätze abgerutscht. Je konservativ-liberaler eine Region wählt, umso wohlhabender, produktiver, mithin lebenswerter und sicherer ist sie auch. Sozialer Friede ist eng mit Wohlbefinden und Leistungsmentalität verwoben. Umverteilung erscheint hingegen als total kontraproduktiv.

Baden-Württemberg, immerhin noch Zweiter im Länderranking, hat aber gegenüber Bayern an Boden verloren. Die inzwischen sieben Jahre währende Regierungszeit Kretschmanns wirkte sich erst negativ auf die PISA-Ergebnisse aus, jetzt sickert sie inzwischen sogar beim Wohlstand und der Lebensqualität durch. Die Spätzle-Region wäre im Fußball mit dem BVB zu vergleichen und muss aufpassen, nicht wie Werder Bremen oder der VfB Stuttgart zu enden.

Zusammenfassung

Ich kann es nicht mehr hören, dass Politiker über ländliche Regionen wie über einen Debilen sprechen. Das Focus-Ranking zeigt, dass neben einer liberal-konservativen Politikausrichtung eines Bundeslandes gerade ländliche Regionen im Umfeld der Städte am besten positioniert sind. München-Stadt liegt lediglich auf Rang 44, der Landkreis München hingegen auf Platz 1 bundesweit. Fürstenfeldbruck, Miesbach und Starnberg liegen allesamt vor der Weltstadt mit Herz.

Wohlstand und Lebensqualität hängen sehr wesentlich von der Landespolitik ab, dies ist die erste Klammer. Je länger eine leistungsorientierte, auf die Kernaufgaben staatlicher Tätigkeit fokussierte Marschroute gegolten hat, umso besser. Umverteilungsorientierte und auf Betüddelung ausgerichtete Politik, die dem einzelnen Menschen nichts abverlangt, schadet ganzen Regionen sowie Bundesländern und führt zur Abwanderung der Asse. Die Verheerungen der Hannelore-Kraft-Ära lassen sich im Ruhrgebiet heute ablesen. Von 2010 bis 2017 hat man noch weiter an Boden verloren. Das wieder aufzuholen benötigt sieben Jahre – summa summarum hat man also 14 wertvolle Jahre verbummelt.

Die Spreizung zwischen arm und reich erscheint dort als genauso groß wie die Verwahrlosung der Städte. Das alles nicht trotz, sondern wegen der Losung Krafts, sie wolle sich kümmern. Der Kollege Zitelmann erwähnte in einer seiner Kolumnen das Wort Ronald Reagans, wonach nichts bedrohlicher sei als eine Politik, die Menschen helfen wolle. Kümmern ist insofern die höchste Form der Demütigung, nimmt sie den zu Betreuenden nicht ernst und ist sie vornehmlich am Aufbau einer bürokratischen Infrastruktur von sozialarbeitenden Beamten interessiert.

Die erste Klammer für Wohlstand und Lebensqualität ist das Bundesland. Die zweite, sich daraus ergebende ein Land-Stadt-Gefälle, nicht umgekehrt. Dies ist das überraschende Ergebnis. Wirklich gut ergeht es in wohlhabenden Ländern nicht den Bewohnern von Millionenstädten, sondern dem Speckgürtel in einer Distanz von 20 bis 50 Kilometer zu den Metropolen.

In Molochen wie dem Ruhrgebiet, die als urbaner Raum das ganze Bundesland herabziehen, ist sogar eine möglichst große Distanz förderlich. Soest, Paderborn, Münster, Gütersloh und der Hochsauerlandkreis haben eine Sache gemein: die große geographische Distanz zum abgewirtschafteten Kohlenpott. Je weiter entfernt man vom faulen Apfel liegt, umso besser.

Nun mag man einwenden, dass das Ranking einer Zeitschrift kein Gottesurteil ist. Nun stelle man sich aber folgende Frage: wo möchte man leben: in Bottrop oder Starnberg? Anhand der Immobilienpreise und deren Entwicklung lässt sich nachvollziehen, dass das Ranking durchaus richtigliegt. Die große Überraschung: Land schlägt Stadt, egal, ob in wohlhabenden oder armen Ländern.

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