Ist der französische Präsident unser Kanzler?

von Hans-Martin Esser17.12.2017Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Im Umgang mit Macrons Angebot an Deutschland, zusammen die EU zu reformieren, mangelt es vielen Journalisten und Publizisten an Souveränität, vielleicht gar Selbstachtung und Reflexionsniveau. Zu unkritisch sind viele Journalisten Macrons Charme erlegen. Er sei ein Linksliberaler im besten Sinne des Wortes, meinen einige.

Einige Aspekte von Macrons Reformvorschlägen sind interessant, andere wiederum gar gefährlich für die Finanzen Deutschlands – Stichwort neue gemeinsame Schulden. Es besteht kein Anlass, sich zu überschlagen, um dem Präsidenten bloß zu gefallen. Europas Schulden sind aufgrund der weitgehend bankrotten Südstaaten in erster Linie deutsche Schulden. „Fass mal einem nackten Mann in die Taschen“ ist hier das Motto.

Positiv hingegen ist bei ihm der Erneuerungswille, was die abgehängte französische Volkswirtschaft angeht. Er will die hellen Köpfe der Welt nach Frankreich holen. Das ist vorbildlich. Da nun Obama seit einem Jahren von der politischen Bühne verschwunden ist, benötigt das Juste Milieu eine neue Galionsfigur – der französische Präsident bietet sich dort an.
Des Präsidenten Wunsch sei Befehl. Macron als Obama 2.0 gibt also den Takt vor und treibt die lahme Ente Merkel vor sich her. Ein Gutes hat das Bild: Macron zeigt die zwölf Jahre als Stabilität verkaufte langweilig-bräsige Untätigkeit unserer Kanzlerin auf.

Frankreich als souveränes Land

Was im Diskurs nach dem Motto „Macron wartet“ auffällt, ist der Mangel an Souveränität in unserem Land. Deutschland hat Reformen bereits 2003 unter Gerhard Schröder in Angriff genommen, die Frankreich bis heute bewusst verschlafen hatte.

Wäre der durchschnittliche französische Wähler reformorientierter gewesen, hätte Europa einige Probleme weniger. Es ist wunderbar, dass ein Macron die Wahl gewinnen konnte in einem Land, das sich trotz PISA-Studien Platz 30 noch als grande nation in der Selbstwahrnehmung sieht und einen entsprechenden Habitus pflegt.

Ob die Musik im Jahr 2017 nun im Silicon Valley, in Singapur, Shanghai oder New York und Berlin spielt: Frankreich geriert sich gern als DAS Land der Welt schlechthin – auch wenn die allermeisten Franzosen noch nicht einmal ein verständliches Englisch sprechen können, was auch erklärt, warum dieses Land in der Globalisierung bis heute nicht wettbewerbsfähig geworden ist.
Einem, der seine Kolumne Esser ist besser nennt, gefällt so ein Land natürlich, dessen Wappentier der Großkotz zu sein scheint. Frankreich weiß um seine Schönheit, da muss man sich niemandem anbiedern – erst recht nicht einem hässlichen Entlein wie Deutschland oder seiner Kanzlerin.

Deutschland als Land der Getriebenen

Auf der anderen Seite ein durchreformiertes Deutschland, das im Gegensatz zu Frankreich fit dasteht wie ein Turnschuh, Gerhard Schröder sei Dank. In der Selbstwahrnehmung erscheint Deutschland dafür aber wie ein von Minderwertigkeitsgefühlen geplagtes Entchen, das aus Gefallsucht alles mitmacht, um bloß geliebt zu werden. Ein solcher Interessen-Eunuch beschwört hingegen eher Verachtungsreflexe gerade einer grande nation herauf.

Ökonomisch erscheint Frankreich so wie ein ambitionierter Zweitliga-Aufsteiger, der sich einen großen Motivator Marke Kloppo als Trainer geholt hat, um in drei Jahren in der Europa League mitzumischen. Deutschland, der FC Bayern Europas, lässt sich ausgerechnet von diesem Nachbarland aufscheuchen, man möge mal voranmachen mit EU-Weiterentwicklung. Frankreich, das Fortuna Düsseldorf der EU, sollte selbst erst einmal das Champions League Niveau erreichen, um Ratschläge zu erteilen.

Ob unser Land bis Frühjahr oder Sommer 2018 eine Regierung stellen kann oder erst im Herbst 2018 im Falle von Neuwahlen, ist nicht Frankreichs Angelegenheit. So souverän muss ein Land sein, dass es sich zur Regierungsbildung so viel Zeit nimmt, wie dies erfordert.

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