Wo sind unsere Intellektuellen?

Hans-Martin Esser6.10.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Bis in die 1960/70er Jahre hatte man mit Adorno und Horkheimer sowie Heidegger und Hannah Arendt noch Denker von Weltformat vorzuweisen. Nun, da Habermas langsam auf die 90 zugeht, wird es immer dünner.

Land der Dichter und Denker

Legendär ist das Fußball-Match bei Monty Python zwischen griechischen und deutschen Philosophen. Es sind in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch DIE beiden Denker-Länder. Als ein Freund vor 11 Jahren in Tansania war, unterhielt er sich mit jungen Priestern. Neben Oli Kahn, Michael Ballack und Franz Beckenbauer kam das Gespräch in Gange, als man über Hegel, Kant, Marx und Nietzsche sprach.

Bis in die 1960/70er Jahre hatte man mit Adorno und Horkheimer sowie Heidegger und Hannah Arendt noch Denker von Weltformat vorzuweisen. Nun, da Habermas langsam auf die 90 zugeht, wird es immer dünner.

Markus Gabriel allein wird noch als Philosoph wahrgenommen, der in die Kategorie internationale Klasse fällt, wenn es um deutsche Gegenwartsphilosophen geht.

Standesdünkel

Es ist immer so eine Sache mit der Philosophie: ist jemand in den Medien präsent wie Precht, Sloterdijk, Zizek oder Safranski, kann er sich der Verachtung durch „wirkliche Philosophen“ sicher sein.
Das Motto ist: unter sich bleiben. Die Regeln der Kunst sind so: um überhaupt Professor werden zu können, muss man sich an Gepflogenheiten halten. Eine lautet, möglichst einen Teilaspekt eines meist verstorbenen Denkers in einem bestimmten Lichte zu interpretieren. Eigene Theorien zu entwickeln, ist nicht erwünscht. Es findet nicht statt. Es ist wie im Film The Truman Show. Der kleine Truman erwähnt im Erdkundeunterricht, dass er wie der große Magellan Entdecker werden wolle, woraufhin ihm die Lehrerin sagt: „Alles ist entdeckt. Das wird nichts.“

Die DGPhil ist die Organisation der deutschen akademischen Philosophen. Ich hatte mir mal die Mühe gemacht, nachzuschauen, was die Themen von Dissertationen und Habilitationen der Vorstandmitglieder gewesen waren. Da nicht irgendwer in den Vorstand kommt, ist davon auszugehen, dass es sich um die gegenwärtige Speerspitze auf diesem Feld handelt.
Nietzsche, Heidegger, Kant und Arendt waren paradigmatische Philosophen: sie brachen die althergebrachten Regeln. Die heutigen, weniger erfolgreichen Nachfolger halten sich penibel an die Regeln, weshalb sie auch so bedeutungslos sind.

Erschütternd fand ich es, als ich mich vor zwei Jahren mit einem Lehrstuhlinhaber einer sehr renommierten deutschen Fakultät unterhielt. Wörtlich sagte er: „Was ich schreibe, wird nur von Kollegen gelesen und in 50 Jahren wird mich niemand kennen.“.

Wie im Museum

Kunsthistoriker unterscheiden sich von Künstlern dadurch, dass sie diese „nur“ analysieren und nicht selbst kreative Legenden werden.

Im Grunde müsste man den gegenwärtigen deutschen Philosophen dies auch attestieren. Sie sind eigentlich keine Denker, sondern Denkmalpfleger von Denkern mit Pensionsanspruch. Die allermeisten wollen gar nicht nach dem bestirnten Himmel greifen, der Kant Ehrfurcht einflößte.

Das Risiko, das ein Habilitand oder Doktorand einginge, wenn er unternehmerisch, weil paradigmatisch den großen Wurf wagte, ist so enorm groß, dass er höchstwahrscheinlich an den verbeamteten Prüfern scheitern würde. Da er das weiß, geht er auf die sichere Seite.

Schon mindestens zwei Generationen von deutschen Professoren im Bereich Philosophie wagen sich nicht mehr heraus – zu den Sternen der Erkenntnis. Die Themen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereits von Lacan, Deleuze, Sartre, Foucault, Derrida, Baudrillard und Bourdieu gesetzt, also von Franzosen.

In den letzten Jahrzehnten haben mit Chomsky, Searle und Judith Butler US-amerikanische Denker das Heft des Handelns an sich gerissen.

Konkretes Beispiel

Ich selbst interessiere mich für das Thema Normalität aus philosophischer Perspektive. Jürgen Link hat hierzu ein wichtiges Werk geschrieben, auf das man eingehen sollte. So las ich seine 464seitige Abhandlung. Der Schreibstil ist aus ästhetischer Sicht eher dröge, wie ich es sehe.

Ein weiteres Manko: Link fasst die bekannten Positionen von Durkheim, Galton, Luhmann und Foucault zusammen, bewertet sie und kommentiert, was brauchbar ist und was nicht. Eine streng wissenschaftliche Methode, ja, aber wo ist Links eigener Gedankengang, den er aus sich heraus entwickelt? Gerade dieses Wagnis macht den Philosophen aus, der ja eben in Hannah Arendts Sinne ohne Geländer denkt und schreibt.

Am Ende war ich nicht in der Lage zu sehen, was Links eigene Ergüsse zum Thema waren. Es ist wie ein Patchwork von Gedanken, er verläuft sich in Zitaten, verheddert sich in den Gedanken anderer (in der Regel verstorbener) Denker. Sicher kann er sich als Lehrstuhlinhaber leisten, mutiger zu schreiben. Er hat mit Sicherheit auch die intellektuellen Kapazitäten, eine wirklich eigene Theorie zu entwickeln. Warum tat er es nicht? Weil es zu gewagt, zu unnormal hierzulande wäre. Punkt.

Es heißt ja eigentlich Land der Dichter und Denker und nicht Land der Denkmalpfleger und Zitatenhamster.

Gründe

Wer in Berkeley und an anderen Universitäten in den Staaten etwas werden will, muss auch rhetorisch seine Studenten in den Bann schlagen. Dort und in England sind Debattierklubs die Regel. Legendär das Aufeinandertreffen von Wittgenstein und Popper in den 1940er Jahren. Vor zwei Jahrhunderten mussten auch deutsche Philosophen wirken. Nur wer genügend Hörer in seiner Vorlesung hatte, kam finanziell über die Runden. Hierzulande wird Walter Jens als Rhetoriker von „wahren“ Philosophen verachtet.
Wenn man sich heute deutsche akademische Philosophen im Hörsaal antut, ist dies meist eine Katastrophe. Warum sollte man sich auch Mühe geben, wenn es keine Auswirkung auf das eigene Gehalt hat.
Butler, Deleuze, Baudrillard und sowieso Sloterdijk sowie Zizek kursieren als Schimpfnamen und Spottfiguren in den einschlägigen deutschen Beamten-Philosophen-Kreisen. Nur warum? Weil sie es wagten, eigene Denkwelten zu entwerfen und nicht in Dachorganisationen um Zustimmung zu bitten. Ach ja, Bücher verkaufen sie auch noch und bestimmen öffentliche Debatten mit.
Öffentlichkeit und Debatten – war da nicht mal was? Ach ja, Habermas sah in ihnen das Zentrum seiner Philosophie.
Was kann man werden, wenn man Philosophie studiert? Lehrer oder Hochschullehrer, auf jeden Fall Beamter. Das Fach, es zieht inzwischen zu ähnliche Typen an – seit zwei Generationen sind die Erfolge deutscher akademischer Philosophie mager.

Quintessenz

Warum sollte es einen Leser interessieren, ob nun deutsche Denker erfolgreich sind oder nicht? Weil wir auch in anderen Dingen aufpassen sollten, nicht zu arrogant zu sein. Der Dieselmotor ist vor 140 erfunden worden. Die Digitalisierung ging komplett an unserem Land vorbei. Auf bisherigen Leistungen wird man nicht dauerhaft bauen können. Die Philosophie ist uns abhandengekommen. Kein deutscher Denker wirft heute noch die Schatten wie dies von 1760 bis 1960 normal gewesen war. Hoffen wir, dass wir das Feld wieder zurückerobern können.

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