Wo sind die Naturwissenschaftler?

von Hans-Martin Esser23.11.2016Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

In aktuellen Diskussionen ist die Rede davon, dass Eliten versagt hätten. Brexit und Donald Trump als Resultat von Verrohung und irrationalen Wählern?

Als Konsequenz, so sah man es im Presseclub vom 13.11, müsse man noch stärker und vehementer Position beziehen. Das ist absurd. Durch das dauernd nervende Belehren kamen Populisten erst so weit voran.

Das soll hier aber gar nicht der Hauptaspekt der Kritik sein. Es ist nicht in erster Linie die Unwucht zwischen Gebildeten und vorgeblich Ungebildeten. Dort muss man Melinda Crane sofort widersprechen, die im Presseclub „zugestand“, dass Journalisten einfach mal Elite seien als angeblich viel gebildetere Menschen.

Ich ziehe das in Zweifel. Natürlich haben überdurchschnittlich viele Journalisten und Medienschaffende einen universitären Abschluss. Dennoch fast durchweg in den gleichen Fächern. Sozial- und Geisteswissenschaftler, Literatur- und Kulturwissenschaftler sind eindeutig überrepräsentiert.

Zu ökonomischen Entwicklungen wie Globalisierung und Eurokrise sowie 0-Zins-Politik haben sie als solche überhaupt kein qualifiziertes Wissen. Da hat ein Lehrling zum Speditionskaufmann schon mehr auf der Pfanne.

Belehren als Prinzip

Aus Erfahrung weiß ich, dass es in den oben genannten Studiengängen kaum möglich ist, durch Klausuren zu fallen. Im Nebenfach Politologie, das ich sehr mochte, fiel praktisch niemand durch. An der Wirtschaftsfakultät der Ruhr Universität hingegen gab es seinerzeit einen eisernen Besen. 50Prozent der Erstsemester erhielten keinen Abschluss, wurden vor dem Vordiplom in Statistik und Volkswirtschaft aussortiert. Das war so gewollt, eine 3- gilt als hervorragende Note. Elektrotechnik, Ökonomie, Physik, Chemie: alles samt Fächer, die zurecht mathematische und streng wissenschaftliche Standards anmahnen.

Damit man mich hier nicht falsch versteht: ich habe große Achtung vor Dichtern und Denkern, vor Absolventen in den oben genannten geisteswissenschaftlichen Studiengängen, sie sind zweifelsohne Intellektuelle.

Allerdings steht es einem Journalisten, der Geschichte und Politologie studiert hatte, nicht zu, die normale Bevölkerung über den Klimawandel, die Energiewende oder die Eurokrise aufzuklären. Er kann eine Meinung äußern, wie ich dies in meiner Kolumne gern tue, aber er hat nicht das Anrecht, zu behaupten, dass er irgendwie eine privilegierte Meinung habe. Diese Arroganz ist Dummheit.

Selbst im Nachbarfach Politik, meinem Nebenfach, gehe ich immer noch gern zu wissenschaftlichen Tagungen. Es ist erschreckend, wie wenig Ahnung Lehrstuhlinhaber der Politikwissenschaft an einfachsten Kenntnissen der Ökonomie, einer direkt verwandten Disziplin, anzubieten haben. Da ist gar nichts, was sie diesbezüglich ihren Studenten und Doktoranden beibringen könnten.

Berufsziele

Substantiell unterscheiden sich die Berufsvorstellungen von Physikern, Ingenieuren, Mathematikern, Ökonomen, Chemikern und Medizinern auf der einen Seite von denen der Soziologen und Geisteswissenschaft auf der anderen.
Lukrative Jobs in der Privatwirtschaft sind die Regel bei Naturwissenschaftlern. Auch Drittmittel für solche, die an der Uni blieben, fließen viel stärker.

Unser Land ist also nicht nur eines der Dichter und Denker, sondern auch der Ingenieure und Naturwissenschaftler.
Die Märkte für Geisteswissenschaftler sind hingegen längst nicht immer geräumt, Arbeitslosigkeit wahrscheinlicher. Im Prinzip gibt es 3 Möglichkeiten – Lehrstuhlinhaber, Journalist oder eine Position in einer NGO.

Auf allen diesen Positionen geht es darum, Öffentlichkeit zu beeinflussen. Es ist eine Art Existenzberechtigung. So unterstelle ich, dass es selbstverständlich geschieht, andere belehren zu wollen. Es steckt keine üble Absicht dahinter. Reformen aus der Kaste der sozialwissenschaftlich geschulten Meinungsführer sind aufgrund elitären Inzests unwahrscheinlich. Die Entfremdung wird mit beißender Häme abgeschmettert, das Pathos der Überlegenheit wird pathologisch.

Probleme sind eher mit naturwissenschaftlicher Logik zu lösen

Schaut man sich an, wer in Diskussionsrunden eingeladen wird, sind die Ausbildungsprofile durchweg ähnlich. Ökonomen, Ingenieure und Physiker könnten Erhellendes zur Energiewende oder zum Klimawandel beitragen. Paradoxerweise sind sie eher in der Minderheit, wenn sie denn überhaupt vorkommen.

Auch in der Liste der 500 meist zitierten Intellektuellen, zuletzt 2013 im Cicero erschienen, sieht man kaum mathematisch ausgebildete Köpfe. Medizin-, Physik-, und Chemienobelpreisträger findet man auf den Plätzen 400 bis 500.

Auf den ersten 10 Plätzen ist natürlich kein einziger zu finden, fast nur Literaten.

Hier liegt das eigentliche Diskursversagen. Supermarktleiter verstehen mehr von Wirtschaft als promovierte Historiker, Chemiefacharbeiter mehr von Umweltstandards als Soziologen und Elektrikergesellen mehr von der Energiewende als Gesine Schwan. Vielleicht haben die Werktätigen auch keine Zeit für Talkshows.

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