Rassismus ist ein linkes Problem

von Hans-Martin Esser16.11.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Bassam Tibi sieht in den Linken eine intellektuell dürftig gewordene, die Meinungsfreiheit zurückdrängende Kraft, die insofern sogar gefährlich sei, weil sie bereit sei, die westlichen Ansprüche zu relativieren, wenn es um die Kultur von Zuwanderern gehe.

Es gibt die Analogie, dass Europa auf drei Hügeln erbaut sei: dem Kapitol, der Agora und Golgatha. Das, was man gemeinhin als westliche Welt bezeichnet, ist auf drei Prinzipien begründet: dem Römischen Recht (pacta sunt servanda), der philosophischen Debattenkultur (Meinungsfreiheit in der Öffentlichkeit) sowie der christlich-jüdischen Tradition (Barmherzigkeit nach dem Prinzip deus caritas est).

Trotz aller Unkenrufe vom weißen alten Mann ist Europa und die westliche Welt (USA) ein reines Erfolgskonzept. Seit 1450 haben wir die die Westminster-Demokratie, die Renaissance, die Reformation, die Frankfurter Schule, die Dampfmaschine, Weltraumflüge, Space Oddity, den Diesel-Motor, den Computer, die Industrialisierung, die Aufklärung, Oswald Kolle, alle möglichen Architektur-Richtungen, die Beatles, die Stones, Oasis sowie künstlerischen Moden wie Manierismus, Art Deco, Jugendstil, Barock, Rokoko, Readymade, Fluxus, Happening, die Kinotechnik, alle möglichen philosophischen Schulen, Atheismus, Agnostik, Gegenreformation und und und hervorgebracht.

Eine große Kränkung

Wo viel Licht, da viel Schatten könnte man sagen. So werden heute Umweltverschmutzung, Rassismus und die Folgen des Kolonialismus vor allem diesem weißen alten Mann angelastet. Die restliche Welt besteht offensichtlich nur aus unmündigen Opfern.

Es gibt zwei Interpretationsweisen von Frantz Fanon. Die erste ist die verbreitete, nämlich, dass es eine Schande sei, wenn man sich den westlichen Regeln anpassen müsse, um erfolgreich zu sein. Die andere Lesart ist die, dass es eben nur westliche Länder sind, die in den letzten 550 Jahren Erfolg hatten und die Menschheit voranbrachten. Alles, was die Menschen in Afrika und Arabien erreichen wollen, begehren, konsumieren, ist durch und durch westlich geprägt, erdacht.

Im Grunde ist dies eine ganz große Kränkung, wonach außerhalb des Westens nur Ladenhüter oder gar nichts entstanden sind. Zurzeit beschäftige ich mich mit Bassam Tibis neuestem Buch „Europa ohne Identität“. Er sieht einen Verrat an den Werten der eigenen westlichen Zivilisation, im Speziellen an der Frankfurter Schule und an Horkheimer, der Tibis Leitstern ist und für ihn Inbegriff westlicher Zivilisation. Tibis Weg, der neben Horkheimer besonders Ernst Bloch verehrt, entzweite sich von seinen Kommilitonen zunehmend.

In den Linken sieht er eine intellektuell dürftig gewordene, die Meinungsfreiheit zurückdrängende Kraft, die insofern sogar rassistisch sei, weil sie bereit sei, die westlichen Ansprüchen zu relativieren, wenn es um die Kultur von Zuwanderern gehe. Rassistisch insofern, als dass man Maßstäbe niedrigersetze. Ich stimme ihm fast ausnahmslos zu.

Westen heißt, erwachsen zu sein

Was westlich ist, kann man einfach zusammenfassen. Man behandelt im Westen Menschen als Erwachsene – jeder ist für die Folgen seines Tuns und seiner Entscheidungen verantwortlich.

Schauen Sie sich die lokale Presse an und Sie sehen, was ich mit linkem Rassismus meine. Unterbeschäftigte Lokalredakteure fotografieren gern profilorientierte Politiker dabei, wenn sie Flüchtlingsunterkünfte besuchen und sich dabei fotografieren lassen.

Berichte über Bastelkurse für gestandene Erwachsene aus Arabien sehe ich sehr kritisch. Wenn 30-jährige Familienväter und Mütter Malkurse wie im Kindergarten machen, ist das eindeutig demütigend. Entsprechend die Mienen der Fotografierten. Sinnlose Beschäftigung für Menschen, die für unseren Arbeitsmarkt nicht gut genug sind.

Kamerateams sind immer da. Es ist eine riesige Beschäftigungstherapie. Dem Politiker, vorzugsweise dem von der CDU steht das Polyglotte gut zu Gesicht, insofern sind die Flüchtlinge für die ehemals Konservativen ein Geschenk. Vor drei Jahren mussten sich noch Unions-Politiker überlegen, wie man aus der provinziell-piefigen Ecke herauskommt, die Fotos liefern Beweise. Ich weiß aus nächster Nähe, wovon ich rede. Als ich vor einem Jahr in einer Unterkunft war, wurde ich Zeuge, wie der Bruder einer Helferin aus der Kleiderkammer auf Fotosafari war, er ließ sich mit jedem Flüchtling fotografieren, der ihm über den Weg lief. Es war peinlich, beinahe ekelhaft. Es ist eine Art von Selbstbefriedigung. Aber auch diejenigen, die die Fotos machen, Journalisten von kleinen Käseblättchen in der Provinz, können ihren guten Willen heraushängen lassen.

Käseblättchen

Käseblättchen sind bestens geeignet, um diesen linken Rassismus offenzulegen. Die dortigen Redakteure verfügen nicht über das Reflexionsniveau von Leitartiklern großer Zeitungen und verraten sich mit Formulierungen sowie Inszenierung der Bilder.

Meine Erfahrung ist, dass man – betrachtet man mehrere Artikel nacheinander – einen roten Faden erkennen kann. Der Zwang, dauernd über jede Belanglosigkeit berichten zu müssen, erinnert fatal an Eltern, die ein Kleinkind vor sich haben und sich ständig genötigt sehen, alles zu loben. Hier der Bastelkurs, dort ein Theaterstück von und mit Flüchtlingen. Natürlich zum Thema Flucht. Dort ein Filmfestival mit Fluchtaufnahmen, womit auch sonst. Auf einem Pressefoto umarmen reife blonde Damen, die Regie bei dem Theaterstück führen, ungeniert einen 20jährigen afghanischen Schönling, als sei er entweder ihr Toyboy oder ihr Ersatzsohn.

Im Grunde ist dies purer Rassismus, die Distanzlosigkeit, mit der man nie einem 20jährigen Europäer entgegenträte. Auch toll die Facebookfotos von Gemeindereferentinnen. Gern mal Fotos von der Karnevalsfeier, natürlich umarmt man den Flüchtling, am besten mehrere. Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder, möchte man fast sagen.

Im Englischen gibt es den Begriff „one-trick-pony“. Man traut dem Gegenüber nur eine Rolle zu, erwartet von ihm nichts Anderes. Alles wird mit Flucht begründet. Es gibt nur eine akzeptierte Rolle, die des Flüchtlings. Da wären wir wieder bei der Selbstbefriedigung. Gutes tun tut gut. Das Subjekt wird in eine eindimensionale Rolle gedrückt, fast wie in der Pornographie, dann ist es aber ein Objekt.
Oder frei nach Frantz Fanon – der Flüchtling ist nur das, wozu ihn der alte weiße Mann macht – oder die reife blonde Frau.

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