Wir Heuchler

Hans-Martin Esser8.10.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Seit der Flüchtlingskrise 2015 sind Blogs, die sich kritisch äußern, zunehmend beliebt. Publizisten, die erst seit Kurzem aktiv sind, sich skeptisch äußern, wie ich dies tue, profitieren. Wehleidigkeit bei Bloggern ist nicht angebracht, oft nur Mittel zur Selbstüberhöhung. Gleiches gilt für Journalisten und Leserbriefschreiber.

Wie beim Teppichkauf

Als Student hatte ich meinen ersten Ferienjob in der Teppichabteilung bei einem Sonderverkauf. Die Bezahlung war zwar mies, aber man lernte fürs Leben. Bis heute, 17 Jahre danach, erinnere ich mich noch lebhaft an eine Kundin, die einen Tibet-Teppich kaufen wollte. Es war für sie mehr als ein Teppichkauf, vielmehr ein ethisches Statement, Dalai Lama inklusive sozusagen.

Man kauft nicht nur einen Bodenbelag, sondern auch Dienste, die an dem materiellen Produkt – in dem Fall Auslegeware – hängen. Mein Professor Peter Hammann nannte dies Leistungsbündel. Die besagte Kundin kaufte sich ein gutes Gewissen, vielleicht gar moralische Überlegenheit. Sie wollte nämlich unbedingt zertifiziert haben, dass kein Kind bei der Herstellung beteiligt war. Teppiche sind
eben mehr als nur Sachgüter.

Der Verkäufer entgegnete ihr, in Schwellenländern wie Tibet, Indien und Nepal ohne soziales Netz sorge Kinderarbeit dafür, dass die Familien überhaupt überleben könnten. Nun ja, die Antwort wird wohl niemanden zufriedenstellen. Kein Teppichkauf ohne Reue. Sowohl der Kauf als auch der Verzicht bringt Nachteile.

Aber der Kunde sitzt am längeren Hebel, er entscheidet, was angeboten wird. Er befindet über die Zusammensetzung des Leistungsbündels. Als Denkanstoß: ein erschwindeltes Zertifikat wäre auch eines. Honi soit qui mal y pense.

Klagen über das Niveau im Journalismus ist Heuchelei

Dieser kleine Exkurs lässt sich übertragen auf die aktuelle Debatte über das Niveau des heutigen Journalismus oder der Bloggo-Sphere. Seit der Flüchtlingskrise 2015 sind Blogs, die sich kritisch äußern, zunehmend beliebt. Publizisten, die erst seit Kurzem aktiv sind, sich skeptisch äußern, wie ich dies tue, profitieren. Wehleidigkeit bei Bloggern ist nicht angebracht, oft nur Mittel zur Selbstüberhöhung. Gleiches gilt für Journalisten und Leserbriefschreiber.

Wenn sich jemand pointiert aus dem Fenster lehnt, teilt sich die Leserschaft in Ablehnende und Anerkennende. Man mag das als Geschäftsmodell verdammen, den Niedergang sehen, sich alte Zeiten der Publizistik herbeisehnen.

Aber auch konventionellen Medien wie Zeitschriften, Radio und TV nützt die Existenz dieser „Amateur-Publizisten“. Schließlich eignen sie sich hervorragend als Feindbild. Man kann ganze Artikel füllen, die selbstreferentiell um den Zustand der Publizistik kreisen, so wie dieser dies auch tut.

Der konventionelle Journalist kann mit Recherche brillieren und auf den Blogger herabblicken, er spricht der Hälfte seiner Leserschaft aus der Seele. Der polemische Blogger generiert Aufmerksamkeit und macht auf wahre, scheinbare oder bewusst aufgeblähte Missstände im Qualitätsjournalismus aufmerksam. Hier applaudiert die andere Hälfte der Leserschaft. Allein der Wettbewerb von Journalist und Blogger macht beiden Beine.

Jeder von beiden steigert so seinen Marktwert. Wirtschaftstheoretisch ist dies auf Mikroebene Pareto-optimal (vulgo: win-win), auf Makroebene ist es Wachstum. Neben der Nachricht gibt es sozusagen die Ableitung der Nachricht. Ganze Talkrunden bei Anne Will, Frank Plasberg und Co. hängen sich an Zeitungsartikeln auf: „Was meint die AfD mit Schießbefehl?“, „Was hat Andreas Scheuer der Zeitung über Senegalesen gesagt?“. „Was twitterte Renate Künast?“. „Was erlauben Augstein?“. Das ist neu. Die Nachricht ist zum Leistungsbündel geworden. Sie allein ist nicht vollständig ohne die Ableitung, die man Kommentar nennt. In Anlehnung an Sascha Lobo könnte man sagen: „Wir nennen es Journalismus.“. In Wirklichkeit ist es die Ableitung der Ableitung einer Nachricht.

Sitzen Gesine Schwan, Renan Demirkan oder andere in Talkrunden, tun sie dies auch, um den eigenen Marktwert zu steigern. Sie regen sich also nicht nur über die AfD auf und einen ihrer bisher weniger bekannten Vertreter wie Guido Reil, der wiederum selbst auch deshalb in Talkshows geht, um bei der kommenden Bundestagswahl einen guten Listenplatz zu bekommen. Reil ist die Nachricht, Demirkan der Kommentar – oder umgekehrt. Man weiß es fast nicht. Leitet man in der Mathematik Sinus viermal ab, kommt man ja auch wieder bei Sinus an. Nur so viel am Rande.

Zeitschriften, Blogs, Talkshows sowie soziale Netzwerke profitieren vom Ping-Pong-Spiel der Selbstreferenz. 2015 war ein Konjunkturprogramm für alle Medien. Es passierte so viel, hinzu kommen noch die überschwappenden Kommentare als eigene Nachricht. Alles schön bunt. Das gemeinsame Wachstumsmodell von Bloggern, Lesern und Journalisten besteht gegenüber der Zeit vor 2015 darin, die Kommentare, Leserbriefe und Tweets zur Nachricht hochzujazzen, das Leistungsbündel zu weiten.

Man kann das Hochjazzen aber auch sein lassen und – übertragen ausgedrückt – den Teppich nicht kaufen. Dann gibt es aber auch kein Wachstum – wer will das schon? Eines steht aber fest: wir alle sind auch Heuchler im eigenen Interesse.

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