Was hat Gauland mit Boateng zu tun?

von Hans-Martin Esser6.06.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Wird Jérôme Boateng Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft? Dann wird das Mantra der AfD von der systematischen Bevorzugung der Multikulturalisten hierzulande bestätigt.

Jérôme Boateng war in die Falle getappt, bevor sie aufgestellt war. In einem Interview vor geraumer Zeit, also vor der Gauland-Äußerung, gab Boateng zum Besten, dass es sein sehnlichster Wunsch sei, Kapitän der deutschen Mannschaft zu sein. Der sympathische Abwehrspieler, der immer etwas Scheues an sich hat, ging in die Offensive.

Im Grunde ist es ein bisschen wie bei Barack Obama gewesen. 2008 hieß es in den USA, es sei Zeit für einen dunkelhäutigen Präsidenten, was bei Boateng wie Obama falsch ist, da in beiden Fällen die Mutter hellhäutig ist. Egal. Obama wird von den Wählern – und genau da liegt der Unterschied – Boateng hingegen vom Bundestrainer bestimmt und hier fängt es an, perfide zu werden, da eine Entscheidung durch eine Einzelperson angreifbarer ist als eine demokratische.

Boateng ist einer der goldenen Generation im deutschen Fußball. Neben ihm kommen Thomas Müller, Mats Hummels, Sami Khedira, Toni Kroos, Mesut Özil, Marco Reus und Manuel Neuer ebenso infrage für den Posten des Kapitäns. Bastian Schweinsteiger ist auch aufgrund seiner Verletzungsmisere ein Auslaufmodell. In meinen Augen sind Müller, Boateng und Neuer die Kandidaten der Wahl, die in den engsten Kreis kommen.

Boateng – Kapitän dank dunkler Hautfarbe?

Man kann Boateng nicht vorwerfen, dass er von sich aus die multikulturelle Karte gespielt hatte. Aber durch Gaulands Spruch fällt ihm dies auf die Füße. Wird nämlich Joachim Löw nun in Kürze Boateng, der es absolut verdient hat, Kapitän zu werden, auswählen, dann werden einige vermuten, es sei nur geschehen, weil er dunkler Hautfarbe ist. Ohne das Interview, in dem Boateng seinen Wunsch äußerte und ohne Gaulands Spruch über die Nachbarschaft, wäre es kein Thema gewesen, aber so könnte man im Bestimmungsakt, den Jogi Löw trifft, eine – wie die Engländer sagen – affirmative action sehen, eine Bevorzugung Boatengs gegenüber Müller und den Anderen. Hätte Boateng mal seine Ambitionen für sich behalten. Gauland ist das nicht irgendwie herausgerutscht. Die AfD ist – man mag von ihr halten, was man will – eine taktisch gewiefte Partei.

Löw steht unter Druck. Wählt er Müller, könnte man dies als Einknicken des Bundestrainers vor dem dunklen Deutschland sehen, das keinen afrikanisch-stämmigen Kapitän akzeptiert. Daher wird Löw wahrscheinlich geneigt sein, Boateng die Binde zu geben, um seine Unabhängigkeit zu zeigen. Dann jedoch werden auch einige Nicht-AfD-Wähler sagen, dass derlei Positiv-Diskriminierung unzulässig sei. Schließlich reden alle von Boateng und Gauland.

Was hat die AfD damit zu tun?

So oder so – ähnlich wie bei der Wahl eines Bundespräsidenten ist durch Gaulands Äußerung die Bestimmung eines neuen Kapitäns der Nationalmannschaft ein Politikum nach dem Geschmack der AfD. Sie kann nur gewinnen. Wird Boateng Kapitän, wird ihr Mantra von der systematischen Bevorzugung der Multikulturalisten zumindest scheinbar bestätigt. Wird hingegen Boateng nicht Kapitän, sondern ein Neuer oder Müller, hätte sie sich in Gaulands Augen durchgesetzt. Das Thema „Boateng“ ist keineswegs zufällig gesetzt worden, es ist Gauland nicht herausgerutscht. Es sollte als Beleidigung ankommen und wird so oder so eine Reaktion provozieren, auch mit Bezug auf die Besetzung des Kapitänspostens im Team des Weltmeisters.

Vielleicht hat Alexander Gauland ja den Film The Matrix gesehen, sich einen Trick abgeschaut, der subtil funktioniert – die Szene nämlich, in der Neo (Keanu Reeves) zum Orakel geht, um zu erfahren, ob er der Auserwählte ist. Als das Orakel ihn mit den Worten empfängt, dass es nicht schlimm sei, wenn er die Vase umwerfe, kurz BEVOR er diese tatsächlich umwirft und dann den Satz nachschiebt: „Hättest Du sie auch umgeworfen, wenn ich Dir nichts gesagt hätte?! Bei derlei kann man verrückt werden.“

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