Die vierte Kränkung

Hans-Martin Esser25.05.2016Gesellschaft & Kultur, Politik

Es gibt nur eine einzige Chance, die weltweite Völkerwanderung zu beenden. Und das ist die Bekämpfung der Bildungslosigkeit in den Ursprungsländern.

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Wer meint, es gäbe in der westlichen Welt heute keine Tabus mehr, der irrt. An meinem Artikel über Pfingsten und die Ausbreitung des heiligen Geistes in den politischen Bereich konnte ich an den Leserbriefen sehen, dass es ein großes Tabu ist, Produktivität zu thematisieren. Alles, was mit „Volk“ beginnt, ist weitgehend verpönt: Rückkehr zum Nationalstaat, völkisches Denken. Dabei waren es Volkswirte, die den Freihandel, die Globalisierung thematisierten und ihre Funktionsmechanismen analysierten, was oft zu eifersüchtigen Schmähungen anderer, benachbarter Fachrichtungen führte, indem man ihnen neoliberale Ideologie und Kapitalismus unterstellte.

Das Tabu ist der Begriff der Produktivität

Das Tabu, an dem sich linke Intellektuelle und viele Leserbriefschreiber abarbeiten, ist die Verwendung des Begriffes Produktivität. Es unterstellt, dass man erstens Unterschiede hinsichtlich individueller Fähigkeiten sieht, diese zweitens wertet und drittens bei aggregierten Produktivitäten sogar nationale oder gruppenspezifische Unterschiede herausarbeitet. Man könnte es gar als 4. Kränkung sehen, wenn man die drei von Freud Benannten annimmt, wonach die Welt nicht im Mittelpunkt steht, der Mensch ein Glied der Evolution ist und der Mensch nicht immer Herr seiner selbst ist. Die Bewertung von Menschen und Rangreihung scheint am Ego zu kratzen. Es gilt als chauvinistisch, menschenverachtend und zynisch und dennoch erklärt es die momentane Migrationsbewegung nach Europa und speziell Deutschland geradezu perfekt.

Génération désenchantée

Schaut man sich die PISA-Studie an und sieht wie Syrien und Indonesien dort abschneiden, versteht man, warum in diesen Ländern mehr als die Hälfte der jungen Menschen arbeitslos sind, schließlich können sie nicht lesen und schreiben, was selbst in Niedriglohnländern zu gar nichts reicht. Génération désenchantée könnte man im Duktus Mylène Farmers sagen. Man ist enttäuscht und perspektivlos. Dahingehend ist sich die Analyse einig. Wenn aber in diesen Ländern Kleptokraten und Diktatoren der verschiedensten Couleur über Generationen ihr Unwesen treiben und nach einem Putsch wieder ein Diktator folgt, liegt das auch an der Demokratieunfähigkeit der Normalbevölkerung in diesen Ländern.

In Ostasien steigt die Produktivität

Demokratie setzt Bildung voraus. Die Unterstellung, wonach Deutschland als Ostgrenze des Westens im Kalten Krieg besonders unterstützt worden sei, ganz anders als Afghanistan, ist falsch. Sie dient eher dazu, die 4. Kränkung nicht wahrhaben zu wollen, wonach es ganze Länder und nicht nur einige wenige Individuen sind, die sich selbst beim Bildungsangebot gegen dieses entscheiden, was direkt zu deren Wettbewerbsversagen in der Globalisierung führt. Bildung als Rohstoff zur Erlangung dieser Produktivität ist schlichtweg in der Breite dieser Länder nicht vorhanden. Nun könnte man sagen, dass die Diktatoren ein Interesse an einer dummen, ungebildeten Bevölkerung haben, weil diese dann weniger selbstbewusst ist. Das stimmt auch. Aber es ist eben nicht nur das Angebot an Bildung, sondern auch die Nachfrage nach Bildung, die ein solches fatales Gleichgewicht aus dem Ruder bringen und die Diktatoren zum Handeln zwingen könnte.

Schaut man sich die führenden Universitäten der Welt an, sind diese fast durchweg in den USA und Europa sowie zunehmend in Ostasien. Ostasien hat auch eine lange Tradition von Diktaturen, aber diese haben einlenken oder aufgeben müssen, zu sehr verlangte die damals perspektivlose Bevölkerung nach Teilhabe, Bildung und Wohlstand. In Arabien und Afrika ist dies bis heute nicht der Fall. In Ostasien ist die aggregierte Produktivität steil angestiegen, die Bevölkerung hingegen nicht mehr angewachsen, was zum Fortschritt der Länder führte.

Die Bildungsverweigerer

Genau andersherum sieht es in Arabien und Afrika aus. Dort verdoppelt sich die Bevölkerung – auch infolge der Unterdrückung der Frau und der Monopolstellung des Mannes – alle 20-30 Jahre. Die Männer haben weibliche Konkurrenz nicht zu fürchten. Genau dieses männliche Monopol hat Schuld an der miserablen Produktivität. Monopolisten werden faul. Steigt die Bevölkerung, muss die Wirtschaft auch wachsen. Tut sie dies nicht, sind Verteilungskämpfe und Kriege die logische Konsequenz, ebenso Fluchtbewegungen bis hin zur Völkerwanderung. Die mangelnde Produktivität und Unattraktivität der arabisch-afrikanischen Wirtschaftsräume ist also auch Anlass für die Wanderung. Nicht die Ausbeutung, wie häufig behauptet, trägt Schuld an den Wanderungen, sondern die Irrelevanz in der Globalisierung.

Ein Land, das nur von Rohstoffen lebt, hat etwas falsch gemacht. Unterstellt man den dort allgegenwärtigen Diktatoren die alleinige Verantwortung, begeht man einen Fehler. Ein Diktator kann die Bevölkerung nur dann dumm halten, wenn diese sich dies gefallen läßt. Wenn Analphabetismus Normalität ist, muss sich jeder Einzelne fragen, was er falsch gemacht hat.

Kant und die selbstverschuldete Unmündigkeit

Wenn uns Kant sagt, dass Aufklärung der Ausbruch aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit ist, gilt dies für jedermann auf der Welt. Wenn man diesen Satz hier nicht anwendete, würde man diese Menschen nicht für voll nehmen. Leider scharen sich besonders idealistische Menschen hierzulande ehrenamtlich in den Unterkünften, die die Ankommenden nur als Opfer widriger Zustände sehen. Sie nehmen sie erstens durch ihr Tun nicht für voll, und zweitens schaffen sie damit die Voraussetzung, dass die Kommenden sich nicht nach Kräften bemühen, den ungeheuer großen Produktivitätsrückstand aufzuholen.

Jetzt werden einige Leser sagen, dass die Jugendarbeitslosigkeit ja auch in Südeuropa, besonders Griechenland, Kalabrien und Andalusien groß sei, obwohl viele der jungen Menschen dort ein Uni-Diplom in der Tasche haben. Aber auch hier bestätigt sich das Gesagte. PISA-Studie und Universitätsstudien bestätigen die schlechte Qualität der dortigen Einrichtungen, die nicht hinreichend für einen anspruchsvollen Arbeitsmarkt in einer harten Währung wie dem Euro ausbilden.

Genau dies ist die große Kränkung, das große Tabu: Menschen, die aggregiert bewertet werden und im Zweifel für zu leicht für die hohen Anforderungen durchgehen. Man mag das zynisch nennen, aber es gewährt den Aufstiegsbereiten, die sich ins Zeug legen, große Möglichkeiten, wenn sie nicht zu viel Energie darauf zu verwenden, sich nur als Opfer widriger Umstände zu gerieren. Ein guter Freund von mir, der seit 17 Jahren in Spanien lebt bestätigte mir, dass man mit Multiple-Choice-Tests, bei denen man einen Bekannten antreten lässt, online dort Magisterprüfungen ablegen kann, wobei spanische Unis noch besser sind als solche in Arabien und Afrika, sofern es solche überhaupt gibt. Von außen kann man sehr wenig ändern. Solange die Notwendigkeit nicht gesehen wird, produktiv zu sein, und dies im Denken der jungen Menschen nicht verankert ist, wird sich an dem Marsch nach Europa nichts ändern.

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