Wenn der gute Geist das Denken ersetzt

von Hans-Martin Esser18.05.2016Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Verheißung Europa bedeutet für viele Migranten nicht Chancen durch Bildung und eigene Leistung zu nutzen, sondern am Sozialstaat teilzuhaben, der keine Anpassungsleistung voraussetzt.

Es ist wirklich schlimm, was man sich Pfingsten im öffentlich-rechtlichen Radio – speziell WDR 5 – anhören muss. Gestern musste ich laut auflachen, als man einen sächselnden Sen-Meister interviewte. Die suggestive Frage der ihn interviewenden Journalistin zielte darauf ab, warum so viele Deutsche sich dem Buddhismus zuwendeten. Ob es vielleicht an der ungeheuren Brutalität des Christentums liege. Immer wieder wurde die ungeheure Brutalität des Christentums in den Vordergrund gerückt. Ganz verschämt in Nebensätzen wurde eine andere Religion genannt, die möglicherweise auch nicht ganz friedlich sei, aber vorwiegend, so war der Tenor, sei ja das Christentum aggressiv, brutal und intolerant.

Es war urkomisch. Und wieder im WDR 5: „Entängstlichung als Zukunftschance.“ In bekanntem pseudointellektuellen Duktus gehalten wurde fabuliert über die irrsinnigen Ungerechtigkeiten der Welt. Man könne die Grenzen nicht mehr einfach zumachen. Die Armen kommen schließlich zu uns. Es kam aus jedem Satz, dass wir, die Sieger der Globalisierung, am Elend der Kommenden Schuld seien.

Unsinn ergibt durch ständige Wiederholung keinen Sinn

Das ist Unsinn, wie man ihn immer häufiger hört. Vor 220 Jahren bereits hatte Frankreich eine Republik etablieren können, die Briten haben ebenso wie die USA eine jahrhunderte währende demokratische Tradition. Warum aber hat der arabische Frühling gar nichts gebracht, keinerlei Demokratie. Warum haben 14 Jahre Aufbau in Afghanistan die Alphabetisierung nicht voran gebracht? Warum nimmt keines der afrikanischen und auch keines der arabischen Länder an der Globalisierung teil, obwohl es die einst bettelarmen Länder Ostasiens dies tun und uns sogar Konkurrenz machen und teilweise überholen (China)?

Die Antwort wäre zu schrecklich für WDR 5- Journalisten und Hörer des Senders: Es liegt auch und hauptsächlich an den Menschen, die nun seit 2 Jahren in Scharen zu uns kamen. Sie fliehen nicht nur vor Krieg. Krieg ist nur ein Symptom für wirtschaftliche Stagnation. Sie fliehen auch vor der Unproduktivität ihres Landes bzw. ihrer Länder, an der sie auch eine Mitschuld tragen. Warum konnte Deutschland innerhalb kürzester Zeit nach dem 2.Weltkrieg in eine Musterdemokratie umgebaut werden? Weil die Menschen dort im Durchschnitt schon wesentlich gebildeter waren, als es die Menschen – im Durchschnitt – heute sind, die zu uns aus Elends-Gebieten der Welt kommen.

Es geht auch darum, vor sich selbst wegzulaufen

In Afghanistan hieß es immer, dass dort nichts entstehe, weil man ihnen keine Bildung anbiete. Das stimmt nicht. Seit 2001 werden dort wie in keinem anderen Land der Welt Schulen gebaut. Das Resultat ist niederschmetternd. Allzu leicht verfallen die meist jungen Menschen wieder in den alten Trott, wollen am Ende nur noch weglaufen aus dem Land, aber eigentlich ja auch vor sich selbst.
Die Verheißung Europa heißt für sie in der Regel nicht Chancen zu nutzen durch Bildung und eigene Leistung. Vielmehr ist der Sozialstaat, der keine Anpassungsleistung voraussetzt, so attraktiv, dass sie eben nicht in Mazedonien, Griechenland, Bulgarien oder Serbien stehen bleiben, obwohl in diesen Ländern gar kein Krieg ist. Man steuert gezielt das Land mit den größten sozialen Leistungen an.

Wenn Firmen schrumpfen, gehen sie bisweilen Kooperationen oder strategische Allianzen ein, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Jetzt liegt es nahe, dass man sich als Schrumpfender mit Anderen zusammentut. Nichts anderes tun die jungen Männer, die aus den Elendsgegenden kommen. Ihre Volkswirtschaften schrumpfen, was an der unterirdisch-schlechten durchschnittlichen Produktivität dieser Länder liegt, die wiederum ein Spiegel der individuellen Produktivität der Menschen ist. Sie möchten sich dann mit uns Schrumpfenden zusammentun. Unsere Bevölkerung schrumpft ja infolge des Geburtenrückgangs, wie er in hoch produktiven Ländern üblich ist.

Schrumpfende Kirchen mit schrumpfender Erkenntnisfähigkeit

Ich kann nur davor warnen, den Zurufen der evangelischen und katholischen Kirche nachzugeben, die sich übrigens infolge ihrer Schrumpfung immer mehr zusammentun – man lese das BamS-Interview mit Margot Käßmann und dem katholischen Ruhrbischof Overbeck. Besonders Käßmann, die uns hoffentlich einst als Bundespräsidentin erspart bleiben möge, hält die Schließung der Balkanroute für eine unethische Sache.

Bei WDR 5 findet derlei ökonomischer Blödsinn in religiösem Deckmäntelchen Echo. Das infolge des Internets schrumpfende Funkhaus aus Köln, das tagelang von den Silvesterereignissen nichts mitbekommen haben will, ergießt sich an Pfingsten in Appellen, man möge die Angst vor dem Fremden überwinden, die Kommenden seien eine Chance. Außerdem sei ja Nächstenliebe für einen Christen und Humanisten alternativlos – aha.

Man spricht in den Funkhäusern und auch in den ebenfalls schrumpfenden Fernsehanstalten (Claus Kleber als Käßmann mit Krawatte) derlei nach, sucht also eine Art moralischen Schulterschluss mit den Kirchen, um dem ebenfalls in Schrumpfung befindlichen sozialdemokratischen Weltbild in den Medienanstalten eine Wiederauferstehung zu verschaffen.

Abschied von Logik und ökonomischen Realitäten

Minus mal Minus gibt in der Mathematik zwar Plus, aber haben weder Kirchenvertreter noch Medienschaffende in der Regel Ahnung von diesem Fach der Logik, ebenso wenig von ökonomischen Gesetzen, aber wer nichts weiß, muss alles glauben. Überhaupt ist der Schulterschluss von Staatsführung, Medien und Rechtsprechung unter religiöser Führung bei Ignorieren der einfachsten ökonomischen Regeln der Anfang vom Ende der arabischen und afrikanischen Länder gewesen.

Die Chancenlosigkeit und wirtschaftliche Schrumpfung Afrikas und Arabiens liegt an der Abwendung von Logik und Mathematik und hin zum Spirituellen und wird von den Bewohnern dieser Länder mitgetragen, die sich durchaus stärker dagegen auflehnen könnten als sie dies tun. Pfingsten kann nicht bedeuten, dass man überall Geist sieht, weil man zu faul zum Denken ist.
Das wäre eine schlimme Fehlinterpretation. Dass diese Interpretation heutzutage üblich ist, sah ich vor 2 Monaten auf der Leipziger Buchmesse. Wie üblich kam die Unterhaltung mit einem Mann eines kleinen Verlages schnell auf das Thema Flüchtlinge. Er sprach – ganz im Käßmann´schen und Franziskus´schen Duktus – von einer Schande Europas. Ich erwiderte, dass von 27 Ländern 23 nichts von illegalen Migranten wissen wollten, was in Anbetracht des Dublin-Abkommens auch ihr gutes Recht sei. Außerdem seien 23 von 27 eine qualifizierte und überragende Mehrheit.

Wenn der gute Geist Löcher vernebelt

Er erwiderte, dass die illegale Migration nach Deutschland zwar dem Artikel 16a der Verfassung widerspreche, Deutschland im Grunde für fast keinen der Kommenden zuständig sei, aber es erstens einen Geist der Verfassung und zweitens einen europäischen Geist gebe, mit dem man Deutschland und die übrigen Staaten zwingen könnte, gegen ihren Willen unbegrenzt Menschen aufzunehmen. Das Wort Geist wurde also bemüht, um die Löcher der eigenen Argumentationskette zu vernebeln.

Was mich im Nachhinein so bestürzt, ist, dass ich es mit einem gebildeten Mann zu tun hatte, der derlei sagte. Er sprach vom Geist, der über Recht stehe. Eine unglaubliche Aussage. Wenn gebildete Menschen derart verblendet auf bessere Argumente reagieren und unverhohlen vom Zwang gegen demokratische Mehrheiten sprechen, ist es schlecht um ein Land bestellt. Dass Pfingsten jetzt von Kirchen und Medienvertretern missbraucht wird, um deren schwindenden Einfluss in der Öffentlichkeit zu kompensieren, ist die eigentliche Schande.

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