Es kann nur einen geben

von Hans-Martin Esser2.05.2016Wirtschaft

Ökonomen sind mächtig. Sie sind die grauen Eminenzen einer Wirtschaftsnation. Ja, sie machen sogar Richard David Precht ein wenig neidisch. Selbiger begann sein Buch „Wer bin ich – und wenn ja – wie viele?“ mit der Anmerkung, heute hätten Ökonomen und nicht mehr Philosophen Einfluss als politische Berater. Und nun wird ein neuer oberster Wirtschaftsberater für Deutschland gesucht.

ähnlich wie bei den Kritikern allgemein – und Ökonomen sind Kritiker der Wirtschaftspolitik – gibt es einen Papst und viele Erzbischöfe. Reich-Ranicki als Kritikerpapst der Literatur duldete zum Beispiel keine zweite Meinung neben der seinigen. Mindestens 15 Jahre war Hans-Werner Sinn der große Zampano der Szene im Ökonomenbetrieb. Jetzt jedoch ist er in Pension gegangen und sein Posten wird neu vergeben. Nein, nicht der des ifo-Chefs ist gemeint, sondern der des großen Orakels. Es ist kein Zufall, dass jetzt Hüte in den Ring geworfen werden. Marcel Fratzscher auf allen Kanälen. Es scheint so zu sein, dass er die Deutungshoheit für die Probleme der Gegenwart übernimmt oder gar Probleme sieht, die vielleicht keine sind und daher mehr Gewicht erhält.

Dem ehemaligen Bayern-Torhüter Raimond Aumann warf man vor, spektakuläre Paraden selbst zu inszenieren, indem er erst zwei Schritte nach links ging, um dann ganz weit nach rechts zu springen und den Ball dann verdammt knapp, aber erfolgreich zu parieren. Klappern gehört zum Geschäft.

So liegt die Versuchung analog für einen die Deutungshoheit anpeilenden Ökonomen nahe, spektakuläre Ausblicke zu verbildlichen. Hans-Werner Sinns Stärke lag darin, Begriffe zu kreieren. Man denke an die „Basar-Ökonomie“ oder den daraus abgeleiteten Basar-Effekt. Sinn kam mit solchen Begrifflichkeiten auch dem öffentlichen Bedürfnis nach, spektakuläre Show-Elemente in die trocken-abstrakte Ökonomie einzubauen.

Steile Thesen eignen sich auch bestens. In einem Rededuell auf dem Sender Phönix stritten Fratzscher und Christoph Schmidt, der Chef der Wirtschaftsweisen ist, über Rentenpolitik in Zeiten demographischen Wandels. Das Publikum sah so wie Homer Simpson aus, wenn ihm etwas Kompliziertes gesagt wird: man sah förmlich die trommelnden Äffchen in den Denkblasen, um es wie im Comic zu veranschaulichen.

Da das Publikum offensichtlich kaum etwas verstand, bleibt in Erinnerung, wer griffiger formulierte. Fratzscher lieferte zu Schmidts Ärger die These, die soziale Marktwirtschaft sei im Lande beinahe tot. Das war ein mehr als verständlicher Sätze – Vorteil Fratzscher. Schmidt konterte mit der spitzen Bemerkung: „Geht es nicht noch ein bisschen dicker, Herr Kollege?“ Ein wenig hilflos klang das. Zeitgleich mit Sinns Pensionierung lieferte Fratzscher übrigens auch ein dazugehörendes Buch zum Thema. Auf der Leipziger Buchmesse wurde es mit medialer Begleitmusik vorgestellt – abermals Vorteil Fratzscher.

Sinns Regional-Nachfolger in München ist Clemens Fuest, der dritte Kandidat für die eine Stelle des ökonomischen Deutungspapstes in Deutschland. Auch er hatte ein Streitgespräch mit Fratzscher. Es fällt auf, wie sich die Kombattanten beharkten und verhakten. Alle drei – Fuest, Fratzscher und Schmidt – haben Führungsqualitäten, sonst hätte man ihnen nicht die Leitung der größten Forschungsinstitute übertragen. Natürlich haben alle auch an den führenden Fakultäten studiert, promoviert, geforscht, gelehrt und in den führenden Organen publiziert.

Neben dem spektakulären Hechtsprung in Form übertrieben steiler Thesen ist auch das Äußere dafür entscheidend, wer beim Publikum punktet. Sinns ostwestfälischer Dialekt ähnelte dem des damaligen Kanzlers Schröder, außerdem waren Frisur und Bart Markenzeichen, dazu ein eleganter Dreiteiler aus Weste, Sakko und Hose. Nie sah man Sinn anders, immer mit Weste.

Fratzscher mit seiner sehr sonoren Stimme und der markanten Kopfform kommt dem Bedürfnis nach Orientierung geschmeidiger nach als die Kollegen Schmidt und Fuest. Es mag eigentümlich klingen, aber wenn sich das Publikum entscheiden soll, wem man glaubt, wenn man sowieso nur Bahnhof versteht, dann am ehesten demjenigen mit dem markantesten Auftreten.

Zur Diskussion Schmidt vs. Fratzscher ist zu sagen, dass sich beide vollends einig waren, was die richtige Politik wäre, nämlich eine Rentenpolitik mit stärkerer Eigenbeteiligung der Versicherten. Fratzscher scheint auf den ersten Blick linker zu sein als die Anderen, inklusive Sinn, der sich als elder economist auch noch in die Diskussion einschalten wird wie Waldorf oder Statler in der Muppet Show, doch auch Fratzscher kritisiert umverteilende Politik, die zurzeit so populär ist wie vor 15 Jahren neoliberale – nur subtiler.

Letztendlich wird Fratzscher, sollte es nicht mit dem Teufel zugehen, derjenige sein, welcher die Dominanz des ifo-Instituts der vergangen zehn Jahre brechen wird und zwar aus zwei Gründen: der Zeitgeist ist zurzeit weiter links, und das bedient er durch seine Fragestellung besser als die Kollegen, außerdem sitzt er in Berlin und damit ganz in der Nähe der großen Politik. Wenn ein Regierender also schnell Rat benötigt, ist es der kürzeste Weg.

Zum Thema Philosophie noch Folgendes: die Deutungshoheit ist dieser auch deshalb abhanden gekommen, weil sich die akademische Philosophie vollends auf den Elfenbeinturm konzentrierte, man überließ das Bedürfnis der normalen Menschen nach philosophischer Anregung lieber drei Denkern, die allesamt auch auf markantes Aussehen und steile Thesen setzen: Zizek (Bauch, T-Shirt, feuchte Aussprache, gerade-aufgestanden-Look), Sloterdijk (nasale Stimme, Räuspern, Fokuhila mit Schnauzbart) sowie Precht (offener Hemdkragen, Cowboystiefel, Kloß-im-Hals-Stimme). Wenn Fuest, Fratzscher und Schmidt also noch ein wenig an Kleidung und Stimme arbeiten, dann wird es interessant.

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