Gewogen, gemessen, für nicht zu leicht befunden

von Hans-Martin Esser18.04.2016Sport

Hans- Martin Esser gibt Einblicke in den Profiboxsport und zeigt die Schwächen des deutschen Systems auf: Weglaufen statt kämpfen scheint das Motto zu sein. Viel Potenzial ist aber da…

Seit 20 Jahren bin ich glühender Boxanhänger, besonders das Profiboxen hat es mir angetan, allerdings eher das weltweite als das nationale.Seinerzeit waren Henry Maske, Axel Schulz, Graciano Rocchigiani und Dariusz Michalczewski die Protagonisten – persönlich bevorzugte ich die beiden zuletzt Genannten. Maske machte es hierzulande salonfähig, die Operette im Vorfeld stand im Vordergrund. Es war wie ein Musical mit Wattebäuschen, aber bitte nicht zu hart.

Seit den Zeiten Max Schmelings mit ein paar Ausnahmen in den 1960er Jahren jedoch war Deutschland kein Land des Profiboxens mehr. So konnte auch in Ermangelung von Fachkenntnissen des Publikums das Produkt sozusagen neu erfunden werden. Ähnlich wie im Fußball profitierte man in den 1990er Jahren von der hervorragenden Amateurschule der DDR – Trainer wie Ulli Wegner und mein persönlicher Favorit Fritz Sdunek sowie Manfred Wolke wirken teilweise bis heute und formen Profiweltmeister.

Deutsche Boxer sind adoptierte Migranten

Nur sind diese heute nicht mehr wie Maske, die May-Brüder oder Schulz in Deutschland geboren, sondern adoptierte Immigranten. Ginge es nach Klaus Peter Kohl, einem ehemals großen Promoter, hätten unsere Boxer seit der Jahrtausendwende die Schwergewichtsszene dominiert.
Willi und Walter Klitschmann hätten die ehemalige Domäne der USA im Alleingang gebrochen. Nur die Klitschkos ließen sich nicht wie Adnan Katic (alias Felix Sturm), Muamar Hukic (Marco Huck) oder Awetik Abrahamjan (Arthur Abraham) einbürgern und umbenennen.

Dennoch war ich selbst dabei, wie sie nahtlos in die Fußstapfen Henry Maskes traten. Wladimir Klitschko besiegte in Köln 1999 Schulz. Der nette Teddybär aus Brandenburg hatte keine Chance und endlich war mit dem Mythos aufgeräumt, dass Schulz nur durch Skandalurteile nie Weltmeister im Schwergewicht geworden wäre. In Wirklichkeit wäre er ohne Promoter Sauerland und den neuen Boxhunger im Lande nach Stars nie etwas geworden.

Seine Art zu boxen, war immer geprägt von Zaudern und vollkommen übertriebener Defensive. Raffte er sich mal zu einer Schlagserie auf, verschwand sein Kopf sofort hinter der Deckung. Er war ein boxender Phlegmatiker und daher auch so beliebt. Dieses Zaudern wurde als gute Amateurschule ausgelegt. Eigentlich hätte Schulz nie Boxer werden sollen, jedenfalls nicht bei den Profis. Man merkte ihm die Angst an, getroffen zu werden und gerade das machte ihn paradoxerweise zum Liebling der Massen.

Boxte Henry Maske mit seinen 1 Meter 90 in einem Gewichtslimit gegen Gegner mit viel kürzerer Reichweite, war auch seine Beliebtheit dem geschickten Ausweichen geschuldet. Die Fans, vor allem die weiblichen, liebten Maske für seinen defensiven Stil und bemutterten Schulz. Überhaupt war dem deutschen Profiboxboom immer irgendwie das Weibliche verhaftet. Weglaufen vor dem Gegner in der 12 Runde war eine Tugend. Wer es nicht tat, wurde als dumm angesehen. Boxer wie Dariusz Michalczewski, die die Offensive liebten, Draufgänger waren, wurden dafür nicht vom deutschen Publikum geehrt, sondern eher ignoriert.

Der zurzeit wohl beste Boxer der Welt, Gennady Golovkin, lebte jahrelang in Stuttgart, boxte im Vorprogramm in kleinen Hallen, ohne das die deutsche Öffentlichkeit hierzulande von ihm Notiz nahm. Kein Wunder, der brillante Mittelgewichtler, auch schon als Amateur ein Pfund, machte nie Anstalten, seinen unbedingten Offensivdrang zu unterdrücken. Im Sinne Theodore Roosevelts spricht er leise, hat aber einen harten Knüppel.

Ob es wirklich von TV-Sendern die Order gibt, möglichst über die vollen 12 Runden zu geben, um in den 11 Ringpausen extrem hohe Werbeprämien zu kassieren, mag ein Gerücht sein. Wenn man sich Klitschko-Kämpfe ansah, in denen Gegner schon in der 2 oder 3 Runde wackelten, aber erst in der 10 k.o. gingen, ist vielleicht etwas dran.

Das Konzept Pay-Per-View, wie in USA üblich, unterbindet dann offensichtlich weniger den Offensivdrang, da der Zuschauer zahlt, ob für eine oder 12 Runden. Das Risiko oder den Genuss trägt er dann selbst, der kundige Zuschauer. Apropos Klitschko, 10 Jahre Dominanz, eine gute k.o. Quote von weit über 70% und dennoch in den USA, dem Mutterland des Schwergewichts-Profi-Boxens, unvermarktbar.

Woran liegt es? Es liegt auch daran, warum deutsche oder eingebürgerte Boxer aus unserem Land über dem Großen Teich nicht angenommen werden. Zu sehr klammert man sich an den „Weltmeister“-Gürtel, wenn man ihn erst einmal gewonnen hat, setzt ihn nicht wirklich aufs Spiel.

Die Klitschkos konnten nichts dafür, das Schwergewicht war in den 00er Jahren so schwach besetzt wie seit den Zeiten von Larry Holmes nicht mehr. Er wurde auch nicht für seine 7 Jahre als Champion gewürdigt, wie es sich gehörte.

Aber in den unteren und mittleren Gewichtsklassen, es gibt übrigens 17 hiervon mit mindestens 4 verschiedenen Weltmeistern, gilt es in Übersee als unumgänglich, sich stets mit den Besten zu messen. Es geht dabei nicht um Gewinnen und Verlieren. Ein Weltmeister, der sein Gewichtslimit nie verlässt, um sich in den Nachbarklassen mit den Spitzenkönnern zu messen, gilt als Windbeutel.

Sven Ottke, Henry Maske und die meisten anderen deutschen Boxer hatten ihr Limit nie verlassen, blieben teilweise für fast ein Jahrzehnt einem Weltmeistergürtel treu, ohne Titelvereinigungen anzustreben. Ottke, das Phantom, kultivierte das Weglaufen in vorher nie gekannter Form und war dennoch geschätzt. Das Publikum ist bis heute hierzulande oft arglos.

Bei Kämpfen hierzulande reichte es oft, dass ein grimmig dreinblickender Afroamerika ein paar Fäkalausdrücke und wüste Drohungen ausstieß und schon stieg die Quote, wenn Klitschko ihm danach androhte, ihm „Benehmen beizubringen“. Das Klischee war perfekt und wurde zu oft wiederholt. Bei aller Sympathie für den beinah 10 Jahre amtierenden Schwergewichtsweltmeister aus der Ukraine ging ich am Ende nur noch zu seinen Kämpfen, um ihn endlich verlieren zu sehen.

Sowohl Kubrat Pulev als auch Tyson Fury traute ich dies zu. Fury schaffte es dann auch. Seine Kampfbilanz und die besiegten Gegner sowie seine Reichweitenvorteile ließen im Vorfeld den Schluss zu, dass auch ein Klitschko mal verlieren kann.

Es braucht immer Protagonist und Antagonist

Der Kampf war knapp, genau das machte ihn so reizvoll. Im Bereich der Sportwissenschaft nennt man dies Schmeling-Louis Phänomen. Sport funktioniert nur mit Protagonist und Antagonist. Beide sollten in etwa gleich stark sein. Barca braucht Real, Pacquiao benötigt Mayweather und die Chicago Bulls brauchten die Lakers, Boris Becker Stefan Edberg und die Toten Hosen die Ärzte. Oscar de la Hoya ist im Boxen nicht ein so großes Idol geworden, weil er gut aussah oder dauernd gewann, sondern weil er jede Herausforderung annahm und auch Niederlagen ihm nicht schadeten. Gegen Mayweather, Mosley, Pacquiao und andere verlor er. Nie jedoch scheute er eine Herausforderung. Genau das unterscheidet ihn von Sebastian Sylvester, Felix Sturm oder anderen hiesigen Boxern wie Jürgen Brähmer.

Golovkin sind die deutschen Mittelgewichtler immer aus dem Weg gegangen. Auch weil sie wussten, dass sie verlieren würden. Sturm verteidigte lieber zum zehnten Mal seinen Titel gegen irgendwen, als Miguel Cotto, Golovkin, Mikkel Kessler oder Carl Froch herauszufordern. Auch auf ein Duell Sturm gegen Abraham wartet man bis heute vergebens.

Graciano Rocchigiani, der große Grantler, brachte es nach der Übertragung des Kampfes von Jack Culcay am vergangenen Samstag auf den Punkt, als er meinte, es sei unmöglich, wie Weltverbände zwei solchen Boxern, gemeint waren Culcay und sein Gegner Prada, überhaupt eine WM-Chance bekämen. Es liegt an der Splitterung der Verbände. Jeder Verband hat einen Weltmeister und Interesse an möglichst vielen Titelverteidigungen, genau das liefern deutsche Promoter, man meidet Titelvereinigungen, da ein Doppelweltmeister nur halb so oft verteidigt, wenn er 2 Titel hat.

Im Grunde ist es hierzulande wie in den Innungen. Eine Stadt kann mehrere Malermeister haben. Warum sollte es nicht gleichzeitig mehrere Weltmeister geben?! Lieber 10 Titelverteidigungen mit einer Gage von 500.000 Euro als einmal einem richtigen Gegner entgegentreten, 2 Millionen kassieren und sich bis auf die Knochen blamieren. Arthur Abraham kann man dies indes nicht vorwerfen. Mit Ramirez hatte er in Las Vegas keine Chance. Ebenso verlor er vor Jahren gegen Carl Froch und Andre Ward.

Abraham, der vielen Kommentatoren aufgrund seiner Tyson-haften Explosivität als zu brutal durchging, auch hatte er nie die ach so wichtige Amateurboxer-Ausbildung durchlaufen, traute man am ehesten das Zeug zum deutschen Boxstar vom internationalen Format zu. Dass er sich nicht scheute, den Guten seines Limits zu begegnen, dient ihm zum Vorteil.

Es steht zu befürchten, dass Felix Sturm, Arthur Abraham, Robert Stieglitz und Jürgen Brähmer jetzt in einem Turnier gegeneinander antreten, das Weltmeistertitel auslobt und im Grunde nur eine aufgeblähte deutsche Meisterschaft wäre.

Es wäre nicht ohne Reiz, da alle von der individuellen Klasse nah beieinander sind, aber es reicht nicht für die ganz große Bühne, wo sie trotz zusammen 20-30 Jahren Weltmeisterehren nie wirklich die Besten ihrer Klassen waren. Brähmer zum Beispiel hat nie einem wirklichen Weltklasseboxer in seiner Karriere entgegengestanden, dennoch mehr als 5 Jahre den Titel inne, Weltmeister im Halbschwergewicht zu sein, ohne Kovalev und Hopkins begegnet zu sein.

Es verrät auch ein bisschen über die Zuschauer, besonders wenn sie ihrem Favoriten hierzulande zurufen: „Lauf weg, geh ihm aus dem Weg.“

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