Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler. Ingeborg Bachmann

Das Böse lebt in der Tat

Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen – weil jemand sie bewusst zerstört. Doch man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen. Es gibt – empirisch tausendfach belegt – keinen Automatismus zwischen der Prägung in bestimmten Lebenswelten und Verbrechen.

Das Böse ist eine Eigenheit der Tat, nicht primär der Person; es offenbart sich im Tatgeschehen und endet mit ihm. In der Hoffnung, ein Monster zu erblicken, blickt die Öffentlichkeit enttäuscht auf den Täter in all seiner Banalität und Gewöhnlichkeit und vermag das Böse nicht mehr zu sehen.

Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen. Aber als Zuschauer, Teilnehmer oder Opfer der Tat vermögen wir das Böse zweifelsfrei zu erkennen, und wir erleben unmittelbar evident das Böse als einen Akt der Freiheit, der Willkür des Täters, der schlimmstmöglichen Nutzung seiner Freiheitsräume. Könnte er gar nicht anders, als so zu handeln, wie ein tollwütiger Fuchs: Wir wären nachsichtiger.

Im Angesicht des Bösen aber sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen – weil jemand sie bewusst zerstört. Das Böse ist umso augenfälliger, je eindeutiger es sich darauf richtet, das Schöne, das Heile, das Kind, die Zukunft zu zerstören. Es manifestiert sich als Hass auf alles, was geliebt werden kann, als unwiderrufliche Zerstörung der Liebesobjekte, der eigenen oder der von irgendjemandem.

Das Erleben des unbedingt Bösen im Tatgeschehen, in der Handlungsausrichtung auf größtmögliche Qual, Demütigung und Zerstörung ist unauslöschbar; für den, der es erlebt hat, ist es der nicht relativierbare Inhalt des Verbrechens. Keinerlei Deutungskunst kann dieses Verbrechen am Menschen (ja auch am Tier, am Mitgeschöpf) mindern, verkleinern, handlich machen, als zwangsläufig legitimieren.

Psychiatrische Analyse kann in manchen Fällen eine Geisteskrankheit aufdecken – und sich gleichwohl fragen, wie dieser Hass den Weg ins Zentrum allen Denkens und Handelns gefunden hat – hier nun des durch Krankheit gänzlich veränderten Erlebens, das aber doch immer noch das der ganzen Person ist. Psychologische Analyse kann aufdecken, wie bestimmte Wahrnehmungsbereitschaften, Erlebensmuster, Denkmuster, Handlungsbereitschaften entstanden sind, wie sie erlernt und trainiert wurden, vielleicht in einer wirklich gnadenlos feindseligen Umgebung. Gleichwohl gibt es – empirisch tausendfach belegt – keinen Automatismus zwischen der Prägung in bestimmten Lebenswelten und Verbrechen: Die weit überwiegende Mehrheit auch der vielfach Misshandelten, der Benachteiligten, der Verlierer, der Armen begeht keine Verbrechen, ja im engen Lebensumfeld vielmehr oft erstaunliche Wohltaten.

Wie im Wrestling, aber alles echt

Manche der Täter, nicht zuletzt der jugendlichen und heranwachsenden Gruppentäter, die zu viert einen fremdländisch aussehenden Mann oder einen Punk oder einen Alkoholiker, letztlich irgendeinen, zum Opfer erwählen, lernen nun im kollektiven Geschehen, was in ihnen steckt an destruktiven Handlungsmöglichkeiten, an Gemeinheit, an Preisgabe jeder Fairness. Wie im Wrestling, aber alles echt und zu viert gegen einen; das ist kein Makel, das ist der Clou: Hier ist nichts fair. Mächtig ist, wer selbst die Regeln festlegt, und wer sie jederzeit massiv überschreiten darf. Mächtig sein, stark sein – mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten – erst mal nur für diesen Abend.

Bei den Jugendlichen ist der Flirt mit dem Bösen normal, das Rollenspiel: Wer bin ich, wer will ich sein, der nette Junge von nebenan, der harte Brocken, der coole Typ, der Pirat? Und wie viel schwarze Identität braucht es, um flügge zu werden? Es ist ja genug an eigener Wut, Enttäuschung, Kampfeslust, Zerstörungslust vorhanden: Kaputtmachen, Zerstören, Entsorgen als wichtige Lebenserfahrung.

Aber manch großes Unheil wird ganz allein von einem kleinen Versager begangen, einem Stümper des Verbrechens, das gleichwohl als unfassbar böse imponiert. Diese Signatur haben beispielsweise nicht wenige Verdeckungsmorde gegen Kinder; es war einfach bequemer, das Kind umzubringen, als sich dem Ärger zu stellen oder gar Risiken auszusetzen. Benutzen und wegwerfen. Das Schreckenerregende seiner Tat liegt in der dickfelligen Egozentrik und emotionalen Unberührtheit des Täters, dem die aufgeregten Reaktionen der Öffentlichkeit übertrieben vorkommen.

Heroen des Bösen mit reiner Willkür

Oder es wird ein kleiner Tagedieb von der Nachbarin aus dem Fenster beschimpft, weil sein Hund auf ihren Rasen macht; drei Nächte später brennt deren Haus, ein alter Mann ist nicht mehr zu retten. Es ist so leicht, grandios zu sein. Nichts ist hier determiniert, mühelos hätte man die Taten unterlassen können, wie man sie jahrelang, jahrzehntelang unterlassen hatte. Jetzt hatte man sich dies gegönnt. Schade, dass man es eigentlich keinem erzählen kann. Daher der intensive Drang, es schließlich doch zu erzählen. Bei Gericht soll man dann auf Wunsch des Verteidigers schon wieder den Mund halten.

Dann aber auch die Heroen des Bösen, die geschichtlichen Verbrecher, der SS-Mann, der vom Balkon seines Wohnhauses ins Lager schießt: Inbegriff des Bösen, der reinen Willkür, der Freiheit des Mannes, der seine Macht genießt und keine psychopathologischen Störungen aufweist. Selbst wenn man bei ihm auf die lieblose, engstirnige Mutter und den abwesenden, zu weichen Vater stieße – würde es im Verlauf des Geschehens auch nur eine Sekunde lang interessieren?

Nur im Nachhinein interessiert es: um den immensen Abstand zwischen dem biografischen Erleben und der Fähigkeit zum Bösen zu illustrieren. Bei diesen Männern, und bisweilen Frauen, finden wir dann zumeist doch eine selbst gewählte schwarze Identität, die ihre Größe aus der Größe ihrer Vernichtungskraft und Vernichtungserfahrung ableitet. Dies durchgemacht und rein geblieben zu sein, rühmen sie sich – “rein” im Sinne von kristalliner Eiseskälte, bei Bedarf sentimental, aber frei von jeder Anfechtung der Liebe, des Mitgefühls, möglichst frei von Angst und jedem Gedanken, die Rache an der Welt könnte und dürfe ein Ende haben.

Hier ist das Böse keineswegs allein reaktiv provoziert und an bestimmte Situationen gebunden: Diese Menschen tragen die Zerstörung überall hin. Aber oft unscheinbar wie die “Schläfer”, kultiviert, charmant, bis strahlend wie ein Atompilz das Böse wieder zur Welt kommt in ihrer nächsten Tat.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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