Wer nur auf das Elektroauto setzt, sollte sich dessen gesamte Energiebilanz anschauen. Matthias Wissmann

Schein oder Nichtschein

Die Einnahmen aus Erdöl und Erdgas Nordafrikas flossen in die Taschen einer kleinen Elite. Sie finanzierte damit jahrzehntelange Willkürherrschaft und die Schere zwischen Arm und Reich wurde immer größer. Jetzt führte dies zu blutigen Umstürzen.

Gaddafi wurde – obwohl als verrückt bezeichnet – dennoch 40 Jahre gestützt. Libyen war neben anderen Staaten Garant für billiges Erdöl und Erdgas in Europa. Da störte es auch nicht, dass dies gleichzeitig Erderwärmung, lokale Umweltzerstörung sowie blutige Unterdrückung und Ausbeutung der betroffenen Bevölkerung beförderte. Der Ölreichtum der Vergangenheit hat für die Entwicklung Nordafrikas nichts gebracht. So werden z.B. in Ägypten nur 3,7 Prozent des BIP für Bildung und Erziehung ausgegeben. Jetzt wendet sich das Blatt. Seit 2010 kann Ägypten kein Erdöl mehr exportieren und nun explodiert die Staatsverschuldung.

Schnelle Umstellung

Inzwischen bereitet die Erdölabhängigkeit selbst den Industriestaaten zunehmende wirtschaftliche Probleme. Ein Erdölpreis über 100 Dollar pro Barrel gilt allgemein als große Bedrohung der Weltwirtschaft. Die jetzige Krise zeigt, dass die Versorgung mit Erdöl an der Kante ist, wenn durch Unruhen in Libyen der Rohölpreis gleich um 20 auf 120 Dollar nach oben schnellt. Und das, obwohl Libyen gerade mal zirka ein Prozent des globalen Erdölbedarfs liefert.

Auswege kann nur die schnelle Umstellung auf eine Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien bieten. Nur so werden die Industrienationen, unabhängig von explodierenden Energiekosten, wirksamen Klimaschutz und Nordafrika eine Chance zur Armutsbekämpfung bekommen.

Afrikas Reichtum an Sonne ist allseits bekannt. Das Windpotenzial gehört zu den höchsten weltweit. Dezentral mit Kleinwindanlagen und PV-Anlagen für die ländlichen Räume kann die Armut bekämpft werden. Große zentrale Solarkraftwerke und Windparks können Städte von Kairo bis Casablanca versorgen. Mit Sonne und Wind kann Meerwasser entsalzt werden, womit selbst Bewässerung für Landwirtschaft möglich würde. Eine Begrünung vieler arider Flächen schafft nicht nur regionale Lebensmittelselbstversorgung, sondern auch Dieselersatz mit Pflanzenölen aus Jatropha oder Ölpalme.

Die moralische Verantwortung ist groß

Europa kann und muss diesen Transformationsprozess aktiv unterstützen. Viel zu lange wurden ohne jegliche Wertefundamente die Unterdrückungsregime wegen der europäischen Ölinteressen unterstützt. Die moralische Verantwortung Europas ist groß, nun mit Technik, Wissenstransfer und Geld Entwicklung hin zu Erneuerbaren Energien zu unterstützen. Zudem wird nur eine Entwicklung Nordafrikas mit Einkommen für viele Menschen die EU vor weiteren Flüchtlingsproblemen schützen.

DESERTEC kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Geld für Nordafrika wird in der europäischen Bevölkerung Akzeptanz finden, wenn es auch einen Gegenwert gibt, z.B. Solarstrom oder nachhaltig erzeugter Biokraftstoff. Wichtig ist, dass Europa sich nicht in zu große neue Abhängigkeit begibt, sondern den Löwenanteil seines Energiebedarfs aus heimischen erneuerbaren Quellen selbst erzeugt. Ansonsten würden erneut bedrohliche wirtschaftliche Machtmonopole geschaffen. Aber eine Versorgung Europas zu etwa zehn bis 15 Prozent mit Ökostrom aus Nordafrika würde genug Geldtransfer zur Entwicklung Nordafrikas ermöglichen und andererseits die Abhängigkeit unter einem bedrohlichen Niveau halten.

In der EU selbst sollten schnell Gesetzesgrundlagen geschaffen werden, wie z.B. Einspeisetarife für Ökostrom aus Nordafrika. So kann Europa zeigen, dass es die Verantwortung für eine wirtschaftliche Entwicklung Nordafrikas auf der Basis Erneuerbarer Energien ernst nimmt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Carsten Rolle, Friedemann Müller.

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