Wider den Mäzenen

Hans-Joachim Watzke30.08.2012Gesellschaft & Kultur

Die UEFA versucht, dem Mäzenatentum im europäischen Fußball ein Ende zu setzen. Schaden wird das keinesfalls – am wenigsten dem deutschen Fußball. Doch Regelungen alleine werden die Probleme nicht lösen.

Es ist zugegebenermaßen heikel, den Fußball mit der Politik zu vergleichen, weil es DEN Fußball genauso wenig gibt wie DIE Politik. Bei der haushälterischen Gretchenfrage – „Wie hältst du’s mit dem Geld?“ – sind die Parallelitäten zwischen der europäischen Politik und dem europäischen Profifußball inzwischen aber so augenscheinlich, dass sich ein Vergleich geradezu aufdrängt. Beide haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten en masse nicht vorhandenes Geld ausgegeben, um sich kurzfristig Erfolge und Beliebtheit einzukaufen. Die Politiker gewannen damit Wahlen, die Fußballclubs Titel und Trophäen. Beiden ist inzwischen klar (gemacht worden), dass es so nicht weitergeht.

Kein Verein zum Privatvergnügen

Während sich die Politik noch über das richtige Rezept in der Verschuldungskrise streitet, scheint die UEFA es bereits gefunden zu haben: Financial Fairplay soll in Zukunft dafür sorgen, dass alle europäischen Fußballclubs ein bisschen mehr zur schwäbischen Hausfrau werden und nicht exorbitant mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen. Im Klartext heißt das: keine italienischen Tycoons, keine russischen Milliardäre und keine Scheichs mehr, die sich zum Privatvergnügen einen Verein kaufen und dessen überdimensionale Einkaufstouren auf dem Transfermarkt aus ihrer Privatschatulle ausgleichen, weil das Yacht-Leben sonst eventuell langweilig werden könnte. Hält man sich vor Augen, dass etwa Manchester City zuletzt einen Jahresverlust von rund 228 Millionen Euro einfuhr, der vom Hauptanteilseigner aus Abu Dhabi ausgeglichen wurde und dass in Spanien allein 15 Klubs mittlerweile etwa vier Milliarden Euro Schulden angehäuft haben, dann wird schnell klar: Was die UEFA hier vorhat, ist nichts weniger als eine kulturelle Revolution. Diese ist zwingend erforderlich. Daher gilt: Financial Fairplay ist richtig, überfällig und findet meine volle Unterstützung. Ein solches Vorhaben steht und fällt aber mit den drohenden Sanktionen bei Nichtbeachtung der Spielregeln. Wer sich künftig nicht an die Haushaltvorgaben hält, so das Vorhaben von Michel Platini, dem droht ab der Saison 2014/2015 im härtesten Fall sogar der Ausschluss aus der Champions bzw. Europa League. Das klingt nach einer scharfen Waffe. Kein Top-Klub wird sich der Schmach aussetzen, auf europäischer Ebene vor dem Fernseher sitzen zu müssen, weil er seine finanzpolitischen Hausaufgaben nicht gemacht hat. Andererseits deuten etwa die jüngsten, völlig maßlosen und ebenfalls vom klubeigenen Scheich finanzierten Einkaufstouren von Paris St. Germain darauf hin, dass man die UEFA offensichtlich für einen zahnlosen, zumindest für einen harmlosen Tiger hält. Auch hier übrigens liegt der Vergleich zum Ruf der Politik bei den Finanzmärkten nahe.

Einnahmenunterschiede bleiben bestehen

Das Kalkül (nicht nur) der Pariser, das Geld jetzt noch einmal mit vollen Händen auszugeben und dann im nächsten Jahr durch ein geringeres Defizit Einsicht und Besserungswillen zu bekunden, ist jedoch taktisch ebenso durchsichtig wie ökonomisch fatal. Denn wenn den Gönnern das Spiel mit dem Fußball einmal langweilig wird, dann sieht die Realität plötzlich düster aus. Das zeigt sich aktuell beim FC Málaga. Hier hat der investierende Scheich nach zwei Jahren das Interesse am Club verloren und dieser jetzt Probleme, die Gehälter der Spieler pünktlich zu zahlen. Nach dem Rausch kommt halt meistens der Kater. Es geht in dieser Diskussion aber nicht um ein Ausspielen vermeintlich deutscher Tugenden gegen eine vermeintlich südeuropäische Verschwendungssucht oder unmoralische Geldregen von der arabischen Halbinsel. Und machen wir uns nichts vor: Der ehrbare Kaufmann war auch im deutschen Fußball (und auch bei Borussia Dortmund!) nicht immer das unumstrittene Ideal. Zudem bedeutet Financial Fairplay für die finanziell gesunden Spitzenklubs aus der Bundesliga zwar weniger Veränderungsdruck als anderswo in Europa. Es ist aber mitnichten so, dass Deutschland den Champions-League-Sieg von nun an gepachtet hätte. Dafür sind die Unterschiede bei den Einnahmen aus der Vermarktung von TV-Rechten im Vergleich zu England, Spanien oder Italien nach wie vor zu groß.

Ein Bewusstseinswandel ist erforderlich

Es muss beim Financial Fairplay also vor allem um einen Bewusstseinswandel gehen, an dessen Ende die Fußballkultur gewinnt. Dieser Begriff mag allzu sozialromantisch klingen, er beschreibt aber lediglich ein Konzept, mit dem viele Vereine in Deutschland seit geraumer Zeit erfolgreich fahren und mit dem Borussia Dortmund in den letzten zwei Jahren drei Titel gewonnen hat: eine gute Infrastruktur, eine Fan-Basis, die für volle Stadien sorgt und eine geduldige, ökonomisch nachhaltige Vereinspolitik. Vor diesem Hintergrund hindert niemand – auch nicht die Regularien des Financial Fairplay – die privaten Geldgeber daran, ihre Vereine durch große Beträge für Trainingscamps oder Jugendinternate strukturell zu unterstützen. Um diesen Bewusstseinswandel zu erreichen, muss die UEFA ihre Sanktionen kompromisslos anwenden, sonst ist Financial Fairplay nicht mehr als ein Marketingversprechen. Das wird keine leichte Aufgabe. Sie muss marktübliches Sponsoring von maßlosen Zuschüssen unterscheiden und sie muss komplizierte Konzernstrukturen, mit denen Vereine durch die Hintertür weiter alimentiert werden, durchschauen können. Vor allem aber muss sie den Mut haben, gegebenenfalls auch große Vereine aus der Champions League auszuschließen, wenn diese sich nicht an die Regeln halten.

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