„Das ist nicht mehr Mandelas Südafrika“

von Hans-Joachim Löwer1.07.2013Außenpolitik

Rassismus, miserable Bildung und Korruption haben Südafrika abgewirtschaftet. Im Gespräch mit Florian Guckelsberger warnt der Journalist und Landeskenner Hans-Joachim Löwer vor den Ambitionen eines jungen ANC-Politikers, dessen Präsidentschaft das Land in ein zweites Simbabwe verwandeln könnte.

_Das Gespräch wurde im Sommer diesen Jahres geführt. Aus aktuellem Anlass haben wir es erneut auf die Startseite gesetzt._

*The European: Herr Löwer, welches politische und gesellschaftliche Erbe hinterlässt Nelson Mandela?*
Löwer: Mandela ist das Produkt einer einmaligen Situation, denn etwas wie die Rassentrennung hat es nur in Südafrika gegeben. Insofern ist seine Rolle auch eine einmalige. Ein weiterer Punkt ist sein beeindruckender Charakter und die Art, wie er mit der Apartheid umgegangen ist. Seine große Geste der Versöhnung hat Südafrika wohl vor einem Bürgerkrieg gerettet. Der friedliche Übergang ist Mandelas großes historisches Verdienst. Und das wirkt bis heute nach.

*The European: Was genau ist davon heute noch zu spüren?*
Löwer: Sein Geist ist natürlich noch heute in Teilen des Landes spürbar – auch wenn er nicht mehr dominiert. Je älter Mandela wurde und je mehr er sich aus der aktiven Politik zurückzog, umso schwächer wurde sein Einfluss. Viele ehemalige Kampfgefährten haben das bitter beklagt. Das heutige Südafrika ist sicherlich nicht das Mandelas.

„Rassische Probleme sind nicht das zentrale Problem Südafrikas“

*The European: Nachfahren der europäischen Kolonialisten fühlen sich heute diskriminiert, einige Gruppen streben offen nach politischer Autonomie. Wie steht es um Mandelas Projekt der Versöhnung?*
Löwer: Es war sein erklärtes Ziel, einen Staat zu schaffen, in dem die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Etwa wenn es um die Vergabe politischer Ämter oder den Zugang zu Bildung geht. Dieses Ziel wurde verfehlt.

*The European: So hart?*
Löwer: Die rassische Zugehörigkeit spielt auch heute – 19 Jahre nach Ende der Apartheid – noch eine Rolle. Es wird zum Beispiel nach rassischen Kriterien gewählt. Im Grunde ist das auch nicht verwunderlich, denn Geschichte kann nicht einfach so weggewischt werden. Eine Art umgekehrter Rassismus hat rund eine Million gut ausgebildete Weiße aus dem Land getrieben. Die sind nicht aus Vergnügen gegangen. Dennoch glaube ich nicht, dass die rassischen Probleme noch das zentrale Problem Südafrikas sind.

*The European: Die Regierung Zuma steht in der Kritik. Es geht um Korruption, Verschwendung und massive Massenarbeitslosigkeit. Könnte Mandelas Tod der Funke sein, an dem sich echter Protest und politischer Wandel entzündet?*
Löwer: Die Angst ist da. Solange der gute Geist Mandelas wehte, gab es Hoffnung, dass das Land vor Schlimmerem bewahrt wird. Die regierende und im Grunde genommen allmächtige Regierungspartei ANC ist in sehr unterschiedliche Flügel gespalten. Da gibt es das Bündnis mit der Kommunistischen Partei, den sehr einflussreichen Flügel der ANC-Jugendliga unter Julius Malema und den wichtigen Gewerkschaftsverband. Diese Kräfte versuchen, die Partei nach links zu ziehen. Menschen, die an das freie Unternehmertum glauben, sind in der Minderheit. In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass der Staat eine immer wichtigere Rolle in wirtschaftlichen Fragen spielt. Für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung fehlen somit ganz entscheidende Dinge.

*The European: Welche?*
Löwer: Das südafrikanische Bildungssystem ist eine Katastrophe. Ich habe Lehrer und Schüler erlebt, die sich morgens in der Kneipe statt im Klassenzimmer getroffen haben. Kaum die Hälfte der Schüler erreichen einen ordentlichen Abschluss. Infolgedessen fehlt es der Wirtschaft an Fachkräften. Die gibt es schlicht und einfach viel zu wenig. Das zweite Problem ist der weit verbreitete Klientelismus und die Patronage, die sich aus der übermächtigen Stellung der ANC ergibt. Ein Grundübel, das sich in vielen afrikanischen Ländern findet: Die erste Loyalität im Amt gilt der Familie, nicht dem Staat.

„Eine Spaltung des ANC kann nicht ausgeschlossen werden“

*The European: Beobachter meinen, dass dem ANC infolge von Mandelas Tod die Spaltung droht – hinter den Kulissen bahne sich folglich bereits ein Kampf um sein Erbe an. Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario und was würde die Spaltung des seit zwei Jahrzehnten regierenden ANC für das Land bedeuten?*
Löwer: Die ideologischen Differenzen innerhalb der Partei sind so groß, dass eine Spaltung nicht ausgeschlossen werden kann – de facto hat es die ja in kleinem Maßstab schon gegeben. Das Potenzial für eine Spaltung ist also da, vor allem, wenn der heftig umstrittene Julius Malema(Link)

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