Die Hirnforschung kann den Pfarrer nicht ablösen. John-Dylan Haynes

Kampf den Croissants

Das stetig steigende Aufkommen rechtspopulistischer Parteien und Politiker in Europa geht manchmal mit skurrilen Aktionen einher: Da werden Croissants schon mal zu Symbolen des vermeintlich gefährlichen Islam. In dem Versuch, eine kollektive nationale Identität zu beschwören, gehen diese Populisten zuweilen seltsame Allianzen ein.

Anfang dieses Jahres berichtete eine Genfer Zeitung, die Schweizer Volkspartei wolle den Verkauf von Croissants verbieten. Das Croissant sei ein Zeichen des Islamismus und deshalb mit dem Schweizer Wesen unvereinbar. Die Nachricht war ein Aprilscherz; doch den meisten Lesern und Leserinnen war es wohl kaum zum Lachen zumute. Gerade erst hatte sich eine Mehrheit des Schweizer Stimmvolks für das Verbot des Baus von Minaretten ausgesprochen. Und schon machten sich führende SVP-Vertreter für ein Burkaverbot stark, um die Vorreiterrolle der SVP im Kampf gegen die “Islamisierung Europas” unter den europäischen Rechtspopulisten zu zementieren.

Spätestens seit Filip Dewinter (Vlaams Belang) in einer richtungsweisenden Rede 2002 zum Kampf gegen den “grünen Totalitarismus” aufrief, steht die Verteidigung abendländischer Identität, Kultur und Lebensweise gegen Islam und muslimische Einwanderer im Mittelpunkt rechtspopulistischer Agitation. Mit durchschlagendem Erfolg. Der Rekurs auf diffuse anti-islamische Emotionen und Ressentiments zahlt sich nicht nur an den Wahlurnen aus; er erlaubt es der Rechten auch, sich als Verfechter westlicher liberaler Grundwerte wie individueller Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie zu vermarkten und nicht zuletzt als Bollwerk des christlichen Abendlands zu profilieren.

Herausbildung einer kollektiven nationalen Identität

Mit dieser kulturellen Wende rückt der europäische Rechtsextremismus entscheidend vom traditionellen Nationalismus ab, der in der Vergangenheit einer grenzübergreifenden Zusammenarbeit immer wieder im Wege stand. Die Sammlung rechtspopulistischer Parteien unter dem Banner “Städte gegen Islamisierung” sowie der Versuch, die populistische Rechte in den EU-Mitgliedsländern auf einen gemeinsamen Kurs gegen den EU-Beitritt der Türkei einzuschwören, sind erste Ansätze in diese Richtung.

Die programmatische Grundlage dieser neuen programmatischen Ausrichtung sind Argumentationsmuster, wie wir sie aus dem nordamerikanischen “nativism” des 19. Jahrhunderts kennen. Hier umschrieb er den Versuch der Herausbildung einer kollektiven nationalen Identität auf der Basis vererbter kultureller Eigenheiten. Politisch virulent wurde “nativism” in der Konfrontation mit der Masseneinwanderung von katholischen Iren und Deutschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. “Nativists” wie Samuel Morse sahen in den Neuankömmlingen die Handlanger einer internationalen Verschwörung mit dem Ziel, die Vereinigten Staaten als einen Hort der Freiheit zu zerstören und unter das autoritäre Joch Roms zu zwingen. In den Augen der “nativists” war das Wesen katholischer Einwanderer unvereinbar mit den essenziellen Grundlagen amerikanischer Kultur und ihren Institutionen, waren diese Einwanderer deshalb nicht integrierbar und sollten also auch nicht ins Land gelassen werden.

Überraschende Konfliktlinien

Wenn heute rechtspopulistische Parteien die Verteidigung des christlichen Abendlandes (“Abendland in Christenhand”) auf ihre Fahnen schreiben und den Islam als eine rückständige, totalitäre Politreligion charakterisieren, die den Regeln und Normen westlichen Demokratieverständnisses diametral entgegengesetzt ist, so knüpfen sie nahtlos an diese Traditionslinien an.

Daraus ergeben sich neue, zum Teil überraschende Konfliktlinien. So verurteilen einige rechtspopulistische Parteien nicht nur schon seit einiger Zeit den Antisemitismus, sondern verfolgen einen dezidiert israelfreundlichen, wenn nicht pro-zionistischen Kurs. Diese Kurswende entbehrt nicht einer gewissen Logik, auch wenn man an ihrer Echtheit zweifeln darf.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Eva Högl, Vera Lengsfeld, Franz Sommerfeld.

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