Arbeit ist nicht gleich Arbeit

von Hanno Burmester17.02.2010Innenpolitik, Wirtschaft

Arbeit kann inspirieren und emanzipieren, kann abstumpfen und Würde nehmen. Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Über die Arbeit als Status und Daseinbserechtigung sowie die Alternative der gesellschaftlichen Wertschöpfung.

“Gut ist, was Arbeit schafft.” “Arbeit integriert und verleiht Würde.” Das sind populäre politische Weisheiten. Sie zeigen, welch sakralen Wert die Lohnarbeit in unserer Gesellschaft eingenommen hat. Ansonsten wäre es unmöglich, solche Stanzen unwidersprochen in die Welt zu befördern. Denn Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Der Philosoph André Gorz hat in seinem Werk auf die Jahrtausende alte Unterscheidung zwischen schöpferischer und nicht schöpferischer Arbeit verwiesen. Während erste inspiriert und emanzipiert, vollbringt die nicht schöpferische Arbeit nichts dergleichen. Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn in unserer Welt gibt es unendlich viel Arbeit, die mehr zerstörerisch denn schöpferisch ist. Ob am Fließband, in der Putzkolonne oder im Callcenter: Hier wird, wenn überhaupt, Wertschöpfung im ökonomischen Sinn betrieben. Das Individuum, das diese Arbeit ausführt, profitiert ideell so gut wie gar nicht. Im Gegenteil: Viele Jobs machen körperlich und seelisch kaputt, stumpfen ab und nehmen Würde.

Arbeitslose und die empfundene fehlende “Daseinsberechtigung”

Trotzdem fehlt die Unterscheidung zwischen schöpferischer und nicht schöpferischer Arbeit in der politischen Debatte. Der Grund liegt auf der Hand: Unsere Gesellschaft ist primär durch massenhafte nicht schöpferische Arbeit reich geworden. Die Produktivität dieser Arbeitsform war lange Zeit so groß, dass sie in ihrer Wertigkeit der historisch stets als überlegen bewerteten schöpferischen Arbeit gleichgesetzt worden ist. Nun, wo insbesondere nicht schöpferische Arbeit zunehmend Mangelware wird, macht sich Katerstimmung breit. Die jahrzehntelang propagierte Behauptung, nicht schöpferische Arbeit sei sinn- und persönlichkeitsstiftend, hat uns in unserer Selbstdefinition unweigerlich mit der abhängigen Lohnarbeit verknüpft. Selbstwert und Selbstbewusstsein definieren sich weniger über die eigene Person und Kreativität als über den Status in der Arbeitswelt. Diese Fehlentwicklung ist fatal. Sie manifestiert eine existenzielle Krise für Millionen Bürger: Viele Arbeitslose empfinden sich als gesellschaftlich wertlos, da sie keine Arbeit als “Daseinsberechtigung” vorweisen können. Dabei ist Arbeitslosigkeit für sich genommen gewonnene, freie Zeit in einer Gesellschaft, die strukturell ungeheuer viel arbeitet. Mit der Entwertung des Arbeitslosen geht die Frage an seine sonstigen Möglichkeiten als aktiver Bürger verloren: Wie kann ich mich abseits des ökonomischen Kreislaufs positiv in die Gesellschaft einbringen? Wie kann ich mein Mehr an Zeit für mich und meine Umwelt schöpferisch nutzen?

Statusfaktor “gesellschaftliche Wertschöpfung”

Die Grundbedingung der Arbeitswelt von morgen ist deshalb eine Renaissance des Bürgerstatus. In der gesellschaftlichen Debatte sollte sich der Wert des Einzelnen nicht anhand seiner Kaufkraft oder seiner Leistung in der Wertschöpfungskette bemessen. Bedeutsamer für den gesellschaftlichen Status muss das Engagement des jeweiligen Bürgers sein. Ob dieser Bürger Jobs schafft, sich in seinem Wohnviertel aktiv einbringt oder in einer politischen Institution aktiv ist – die Möglichkeiten zur “gesellschaftlichen Wertschöpfung” sind mannigfaltig. Dies ändert nichts daran, dass wirtschaftliche Leistung für Wohlstandserhalt notwendig ist. Dennoch sollten wir das momentan aufs Ökonomische reduzierte Wachstumsdenken durch neue Facetten erweitern. Denn eine aktive Bürgerschaft, die sich abseits des derzeitigen Arbeitsbegriffs kreativ in ihr Lebensumfeld einbringt, ist für viele Millionen Menschen deutlich positiver im Alltag spürbar als abstraktes Wirtschaftswachstum.

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