Für die Menschen ist nicht die Oase das Problem, sondern die Wüste drumherum. Guido Westerwelle

Vom Leben fürs Leben lernen

Die Universität zweifelt an ihrem Zweck. Daher sollte man sich erst das Ziel universitärer Lehre klarmachen, bevor man sich der Organisation derselben widmet.

Viele Universitäten leiden unter strukturellen und finanziellen Bedingungen, die hochwertige Lehre im Rahmen der bestehenden Strukturen beinahe unmöglich machen. Die Vorstellung von der Universität als Ort, an dem Studierende wie leere Gefäße mit Informationen gefüllt werden, ist obsolet. Dies allein ließe sich durch digitale Lehrmittel heutzutage deutlich kostengünstiger erledigen. Die neue Aufgabe der Universitäten und, spezifischer, der Lehrenden besteht vielmehr darin, den Studierenden beizubringen, wie man Wissen bildet und mit Wissen umgeht. Dies muss in kleinen Gruppen von Lehrenden und Studierenden und durch die Interaktion mit Kommilitonen geschehen – offline, wie auch online. Anstelle großer Hörsäle brauchen wir in Zukunft wieder viele kleine Räume. Wir müssen von der Fabrikhalle zurück zur Werkstatt.

Doch das allgemeine Krisengefühl der vergangenen Jahrzehnte ist auch einer intellektuellen Krise geschuldet: Die Universität zweifelt an ihrem Zweck. Die Welt der Hochschulbildung ist im Umbruch. Doch die verantwortlichen Akteure zäumen das Pferd von hinten auf. Sie kümmern sich fast ausschließlich um Struktur- und Budget-, Evaluations- und Rechenschaftsfragen. Inhaltliche Fragestellungen wurden im Rahmen der Bologna-Reform einfach ausgeklammert. Bevor man sich jedoch der Frage zuwendet, wie die Lehre zu organisieren ist, sollte man sich der Frage zuwenden, worin heutzutage das Ziel universitärer Lehre besteht.

Was die Demokratie braucht, ist auch gut für die Wirtschaft

Das Bachelor-Studium wird in Deutschland praktisch ausschließlich durch den Staat finanziert. Daher ist es nur recht und billig, wenn staatliche Universitäten sich Ziele setzen, die über die Qualifikation der Studierenden für möglichst gut bezahlte Jobs hinausgehen. Ein solches Ziel könnte die Ausbildung der Studierenden zu „engagierten Bürgern“ sein. Dafür muss das Nachdenken über und die Bewertung von Problemen, wie sie im realen Leben existieren, geübt werden. Dies schafft die Voraussetzung dafür, dass Studierende zu aktiven Mitgliedern einer globalen, demokratischen, liberalen, gleichberechtigten, offenen Zivilgesellschaft werden.

Es ist an der Zeit, dass wir der Einsicht Rechnung tragen, dass junge Absolventen in eine Welt entlassen werden, in der sie ständig auf Probleme treffen, die komplex und interdisziplinär sind – und zwar unabhängig davon, ob sie für ein Unternehmen oder eine NGO arbeiten, in die Forschung, die Politik oder in die Lehre gehen oder als Rechtsanwalt oder Arzt tätig werden. In einer von Verwertungslogiken getriebenen Welt wird Praxisorientierung zumeist auf die Vermittlung anwendungsorientierten Wissens reduziert, das Ausbildungsziel „engagierter Bürger“ hingegen als schöngeistig belächelt. Dabei handelt es sich hierbei eben um die Forderung nach einem weniger wirklichkeitsfernen Wissensverständnis.

Es ist an der Zeit für eine neue Aufklärung

Es ist kontraproduktiv, junge Menschen so auszubilden, als handele es sich bei akademischem Lernen um ein Glasperlenspiel. Wir dürfen die Bachelor-Ausbildung nicht länger von der Lebenswirklichkeit getrennt betrachten. Probleme jenseits von Multiple-Choice-Aufgaben können meist nicht von einer Disziplin allein gelöst werden. Von Beginn ihres Bachelor-Studiums an sollten Studierende daher auf interdisziplinäres Denken vorbereitet werden; ihr Wissen in der Auseinandersetzung mit konkreten Problemstellungen aus der Lebenswirklichkeit erproben.

Dabei geht es keinesfalls darum, klar definierte Disziplinen abzuschaffen – dies wäre intellektuell unverantwortlich –, sondern darum, sie zu ergänzen. Studierende sollten schon zu Beginn ihres Studiums mit konzeptuellen Widersprüchen, theoretisch nur schwer fassbaren Phänomenen und unklaren Problemdefinitionen konfrontiert werden. Neue Bachelor-Curricula müssen den Erkenntnissen der Wissenschaftsphilosophie und den sozialen Realitäten des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen. Sie sollten von drei Säulen getragen werden:

Drei Säulen für neue Bachelor-Curricula

Erstens sollten ab dem ersten Studienjahr Studierende aller Fachrichtungen, neben ihren jeweiligen disziplinären Einführungskursen, gemeinsam verpflichtende Seminare besuchen, in denen sie komplexe gesellschaftliche Herausforderungen diskutieren.

Zweitens sollten die Studierenden von Studienbeginn an in Interdisziplinarität „mariniert“ werden, damit sie einen breiten intellektuellen Horizont und interdisziplinäre Kommunikationsfähigkeit entwickeln. In der Auseinandersetzung mit dem Problem der Armut wird z.B. schnell klar, dass weder die Wirtschaftswissenschaften noch die Psychologie noch die Soziologie allein in der Lage sind, das Problem zu lösen.

Und drittens sollten Elemente nichtlinearen Denkens von Anfang an in die Curricula integriert werden. Die Bedrohung des Klimawandels z.B. kann nur verstehen, wer sich bewusst ist, dass eine globale Erwärmung um vier Grad nicht bedeutet, dass man im September abends etwas länger auf dem Balkon sitzen bleiben kann.

Da es sich bei der Schaffung neuer Curricula im Gegensatz zur Bologna-Reform um ein sehr fachspezifisches Projekt handelt, wird es zunächst dezentral von kleinen Gruppen kritischer Professoren vorangetrieben werden müssen. Dabei ist die inhaltliche Neuausrichtung universitärer Lehre jedoch auf Unterstützung auf allen Ebenen angewiesen. Universitätsleitungen, Stiftungen, die Wirtschaft und die Politik können eine wichtige Rolle spielen, in dem sie etwa entsprechende Anreize setzen. Solche Allianzen zu schmieden, ist eine große Herausforderung. Wo es jedoch gelingt, bietet sich die große Chance, universitäre Lehre wirklich neu zu denken.

Der Autor hat gemeinsam mit Yehuda Elkana das Buch „Die Universität im 21. Jahrhundert: Für eine neue Einheit von Forschung, Lehre und Gesellschaft“ verfasst, das im Oktober bei der Edition Körber-Stiftung erscheint.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Prisca Lohmann, Rainer Zitelmann, Daniela De Ridder.

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