Neuer Wein in neuen Schläuchen

von Hannes Klöpper12.01.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Angesicht der rasanten technischen Entwicklung steht auch das Bildungssystem vor großen Herausforderungen. Eine gute Gelegenheit zu überdenken, wie und welches Wissen wir eigentlich vermitteln wollen. Moderne Technologien bergen hierbei ein Füllhorn an Möglichkeiten.

In seinem Beitrag “Alma Mater ist die Beste” stellt “Sebastian Litta(Link)”:http://www.theeuropean.de/sebastian-litta/5188-notwendigkeit-von-campusuniversitaeten fest, dass Hochschulen in den USA jenseits der Wissensvermittlung eine umfassende Sozialisationsfunktion zukommt, die gegenwärtig von deutschen Hochschulen bestenfalls indirekt wahrgenommen wird. Es ist daher an der Zeit, der Veränderung unseres Wissensbegriffs und den technischen Möglichkeiten digitaler Technologie Rechnung zu tragen! Unsere Hochschulen sind im Normalfall keine klassischen Campusuniversitäten, die ihre Studierenden in eng geknüpfte soziale Strukturen einbinden. Auch formale, studiengangsunabhängige Bildungsziele sind dem deutschen Universitätssystem unbekannt. Die Definition einer fachübergreifenden universitären Allgemeinbildung entlang der “Prinzipien des Curriculum Reform Manifesto(Link)”:http://curriculumreform.org/ könnte hier Abhilfe schaffen. Wie von Litta erwähnt, kommt Hochschulen neben der Lehr- und Sozialisierungsfunktion auch eine Zertifizierungsfunktion zu. Entsprechend der Theorien, die “2001 mit dem Ökonomie-Nobelpreis(Link)”:http://nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/2001/ geehrt wurden, tragen standardisierte Qualifikationen so entscheidend zur Überwindung von Informationsasymmetrien am Arbeitsmarkt bei. Diese Zertifizierung erfolgt dabei auf Grundlage einer vierten essenziellen Funktion der Universität: der Prüfungsfunktion. Alle vier Funktionen stehen angesichts der rapiden Digitalisierung unserer Gesellschaft vor umfassenden Veränderungen.

Die Digitalisierung wirkt sich auf alle Funktionsbereiche der Universität aus

Lernen in Zeiten des “Leitmedienwechsels(Link)”:http://shiftingschool.wordpress.com/2010/02/11/leitmedium-als-katalysator-revolution-und-andere-schwierige-dinge/ – von den Massenmedien Buch, Radio und Fernseher zum Hyperindividualmedium Internet – bedingt sowohl ein Neudenken der Teleologie des Bildungsprozesses als auch einen Paradigmenwechsel bei den Wissensvermittlungsprozessen. Die Vorlesung als Standardform universitärer Lehre ist tot. Analog zu Lehrbüchern werden Lehrvideoformate (man denke an die legendären “Feynman Lectures(Link)”:http://en.wikipedia.org/wiki/The_Feynman_Lectures_on_Physics) die besten Vorlesungen global verfügbar machen. Die Steigerung der Qualität der durchschnittlichen Vorlesungen rechtfertigt dabei allemal den Verlust an unmittelbarer Interaktivität für einige wenige Fragensteller. Die durch das Wegfallen der Vorlesung frei werdenden zeitlichen Ressourcen können stattdessen in die Betreuung der Studierenden (Stichwort: Mentoring) oder Diskussionen in Kleingruppen investiert werden. Die Bewertung des Lernfortschritts könnte in vielen Fächern mithilfe digitaler Formate – beispielsweise in Form anspruchsvoller “serious games(Link)”:http://en.wikipedia.org/wiki/Serious_game – sowohl im Hinblick auf ihre Aussagekraft als auch ihre Ressourceneffizienz neu gestaltet werden und es so ermöglichen, dem eigenen Anspruch hinsichtlich der Prüfungsfunktion besser gerecht zu werden. Institutionell verifizierte Online-Identitäten und “Wissensportfolios(Link)”:http://www.thefifthconference.com/topic/people/walled-gardens-and-wild-forests schaffen mehr Transparenz als normierte Noten und Credit Points und ermöglichen somit zukünftig eine differenziertere Form der Zertifizierung. Soziale Netzwerke bieten gerade deutschen Universitäten eine Chance, durch die Verbindung von Studierenden und Lehrenden eine Art virtuellen Meta-Campus zu schaffen und so die Anonymität der Massenuniversität auch offline zu überwinden. Ein solches Netzwerk, das sowohl reale Beziehungen abbildet als auch online neue Verknüpfungen herstellt, fungiert dabei als Transmissionsriemen der Wissensgesellschaft und ermöglicht in bisher nicht gekanntem Maß die dezentrale, kursunabhängige und interdisziplinäre Verbreitung von Informationen, Meinungen und Werturteilen innerhalb der Universität und darüber hinaus.

Wer die Digitalisierung zur Gefahr stilisiert, romantisiert den Status quo

Ein Mehr an Digitalisierung kann somit im Ergebnis bessere Vorlesungen, intensivere Betreuung, aussagekräftigere Formen der Bewertung, einen höheren Grad an Leistungstransparenz und womöglich sogar ein integrierteres Sozialgefüge bedeuten. Kritiker, die befürchten, dass die Digitalisierung zu einer Distanzierung von Lehrenden und Lernenden führt, seien an dieser Stelle an die Aussage eines Studenten, die Eingang in einen Artikel des “Chronicle of Higher Education(Link)”:http://chronicle.com/article/Tomorrows-College/125120/ fand, verwiesen: “If you want to encounter distance education … sit in the back of a 500-seat lecture.”

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