Online-Erasmus für alle

Hannes Klöpper8.07.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

In Europa studieren mehr Menschen als jemals zuvor – die klassische Präsenzlehre stößt an ihre Grenzen. Online-Kurse können ganz neue Optionen bieten.

Wer von digitalen Bildungsangeboten spricht, erntet oft Stirnrunzeln und skeptische Nachfragen: Brauchen wir so etwas? Erfüllen diese denn akademische Qualitätsstandards? Haben deren Zertifikate einen Wert? Wenn die Lehre zunehmend digital wird: Werden dann Unis und Professoren überhaupt noch gebraucht? Eignet sich die akademische Welt überhaupt für das digitale Zeitalter? Die Antwort auf all diese Fragen lautet: Prinzipiell ja! Doch im europäischen Hochschulraum bleiben die Chancen der Online-Lehre bisher ungenutzt. Bei der Weiterbildung müssen die notwendigen Rahmenbedingen erst noch geschaffen werden.

Bis vor Kurzem existierte eine scharfe Trennlinie zwischen zwei Arten von Bildungsangeboten: den formellen und den informellen. Auf der einen Seite standen die etablierten Universitäten, auf der anderen unabhängige, teils frei verfügbare, teils kostenpflichtige Online-Bildungsangebote wie iTunes U, Skillshare und Udemy. Beide Modelle haben ihre Vorteile: Die Hochschulen können auf lang erprobte Methoden der Qualitätssicherung verweisen – Berufungsverfahren für professionelle Lehrkräfte, konsistente Lehrpläne mit aufeinander aufbauenden Seminaren, Akkreditierung, Evaluationen und vieles mehr. Die informellen Anbieter hingegen können mit anderen Argumenten punkten: sie sind überall und jederzeit verfügbar, sie stehen einer potentiell unbegrenzten Anzahl an Teilnehmern offen und bieten durch die Bündelung der Inhalte eine immense Vielfalt von Themen auf einer Plattform – und das bei marginalen Kosten.

Studentische Mobilität im digitalen Zeitalter

Analog dazu lassen sich aber auch die Nachteile beider Systeme auflisten: Der Großteil der Unis bietet noch immer kaum Kurse im Netz an. Sie erreichen deshalb nur diejenigen, die sich täglich auf den Weg in den Hörsaal machen. Wer kein Abitur hat, bleibt außen vor. Teilzeit- und Weiterbildungsangebote sind Mangelware. Auf der informellen Seite schlagen Bedenken hinsichtlich der Qualitätssicherung zu Buche: Oft gibt es keine Möglichkeit, den eigenen Lernfortschritt zu dokumentieren. Und ein System zur Anerkennung online erbrachter Studienleistungen existiert bisher nur in rudimentärer Form.

Die Herausforderung ist nun, das Beste aus beiden Welten zu vereinen. Wir brauchen qualitätsgesicherte Bildungsangebote im Netz, die auch offline anerkannt werden. Genau darauf setzt die Online-Plattform iversity.org (Hinweis: der Autor ist Gründer von iversity) in Kooperation mit Professoren und Hochschulen aus ganz Europa. In einigen der dort angebotenen Kurse ist es bereits heute möglich, nach dem Bestehen einer Präsenzprüfung ECTS-Leistungspunkte zu erwerben, die an anderen Hochschulen anerkannt werden.

ECTS – das steht für „European Credit Transfer and Accumulation System“. Es wurde im Zuge der Bologna-Reformen eingeführt, um Studienleistungen europäischer Hochschulen vergleichbar zu machen. Wer eine akkreditierte Lehrveranstaltung mit einem Leistungsnachweis abschließt, erwirbt Credit Points, die er sich europaweit auf ein Studium anrechnen lassen kann. Das ECTS schafft somit die Grundlage eines europäischen Binnenmarkts für akademische Leistungen. Übertragen auf die Online-Lehre bedeutet dies: ECTS macht es möglich, dass Studierende von jedem Ort der Welt aus Lehrveranstaltungen von Universitäten aus ganz Europa belegen – sei es zur gezielten Spezialisierung oder als Ergänzung eines Studiums durch fachfremde Qualifikationen.

Um die Hochschulen und Professoren muss man sich in diesem Szenario keine Sorgen machen: Wenn sie ihr traditionelles Lehrangebot um Online-Kurse erweitern, bleibt mehr Zeit, sich in der Präsenzlehre auf all das zu konzentrieren, was heutzutage wegen unzureichender Betreuung zu kurz kommt.

Eine Bologna-Reform für das lebenslange Lernen

Das ECTS-System hat eine Harmonisierung der europäischen Hochschullandschaft eingeleitet. Ein solches System bräuchte es auch im Bereich der beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten. Ein Marketingexperte, der aus beruflichen Gründen seine Online-Marketing-Kenntnisse erweitert, braucht Credit Points, die auch außerhalb der universitären Welt anerkannt werden. Dort geht es vor allem um praktische, berufsrelevante Kenntnisse – Nachweise konkreter Fertigkeiten. Welches Weiterbildungsangebot verhilft zum Traumjob? Welches Zertifikat verspricht eine Gehaltserhöhung?

Wir brauchen daher ein System zur Anerkennung online erbrachter Studienleistungen für berufliche Qualifikationen: Richtlinien zur Akkreditierung von Weiterbildungsangeboten, die didaktische Qualität dokumentieren. Ein solcher europäischer Qualifikationsrahmen wird derzeit in Brüssel unter dem Stichwort „European Qualification Framework“ (EQF) diskutiert. Er soll für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit sorgen – und das ist gut für alle Beteiligten. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, wird lebenslanges Lernen zu einem Erasmus-Semester, das nie zu Ende geht.

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