Die Einstiegsdroge Cannabis ist ein Mythos. Rainer Schmidt

Treibstoff der Unzufriedenheit

Die Menschen in Jordanien gehen auf die Straße – doch sie wollen nicht den König stürzen, sondern endlich wieder günstigen Treibstoff. Und der Monarch wird ihnen geben, wonach sie rufen.

In Jordanien nehmen die Unruhen seit Wochen zu. Die derzeitigen Proteste sind die größten seit Beginn des Arabischen Frühlings. Selbst außerhalb der Hauptstadt Amman – in Regionen, die eigentlich für ihre Loyalität gegenüber dem Regime bekannt sind – finden Demonstrationen statt. Erste Stimmen fordern offen die Absetzung von König Abdullah II. und das Ende der haschemitischen Dynastie, unter der das Land sich seit 1946 befindet.

Das Regime kann sich halten

Ein Auslöser der Proteste ist die Kürzung von Subventionen für Treibstoff und Nahrungsmittel, von denen viele der sechs Millionen Jordanier abhängig sind. Doch trotz der weit verbreiteten Unzufriedenheit dürfte sich das Regime an der Macht halten. Die Demonstranten drängen mehrheitlich nicht auf einen Regimewechsel, sondern hoffen, dass die Subventionen bei ausreichendem Druck wieder eingeführt werden. Die Geschichte spielt ihnen dabei in die Hände: Über Jahre hinweg erhielt Jordanien verbilligte Öllieferungen von Saddam Hussein aus dem Irak.

Nach dem Beginn des Irak-Krieges stiegen in Jordanien die Preise – und das Regime übernahm einen Teil der zusätzlichen Kosten. 2008 jedoch wurden genau diese Subventionen gekappt. In Amman waren Busse plötzlich überfüllt und Taxifahrer hoben ihre Preise an. In den ersten Wochen des Arabischen Frühlings wurden die Subventionen wieder eingeführt, um Unzufriedenheit im Keim zu ersticken. Die Demonstranten hoffen, dass ihre Proteste jetzt eine ähnliche Wirkung haben könnten.

Wahrscheinlich ist, dass das Regime in Amman die Subventionen kurzfristig wieder einführt und damit dem Druck der Straße nachgibt. In Bahrain – wo die Proteste deutlich heftiger waren als in Jordanien – ist genau das passiert. Der Rat der Golfstaaten hat bereits deutlich gemacht, dass der Fall einer Monarchie alle anderen Emirate ebenfalls schwächen würde. Stabilität hat Vorrang. Jordanien wird dazu von seinen Nachbarn mit 1,4 Milliarden US-Dollar unterstützt; weitere Zahlungen sind bereits in Planung. Es ist daher voreilig, Jordanien aufgrund der aktuellen Proteste auf eine Stufe mit Ägypten oder Tunesien zu stellen. Eine Revolution droht nicht.

König Abdullah und das Energieproblem

Langfristig ist Energieunabhängigkeit ein größeres Problem für König Abdullah als wütende Menschen auf den Straßen von Amman. In den vergangenen Jahren hat Jordanien 80 Prozent seines Energiebedarfs über billige Gasimporte aus Ägypten gedeckt. Die Pipelines dafür verlaufen quer über die Sinai-Halbinsel und sind in den vergangenen Jahren fünfzehn Mal angegriffen worden. Die Sicherheit der Gaslieferungen steht in Frage.

Das Ergebnis: Jordanien muss mehr Energie international zu marktüblichen Preisen kaufen. Ein signifikanter Anteil des Staatshaushalts geht für solche Energiekäufe drauf. Nicht erst seit dem Arabischen Frühling denkt das Regime daher über Alternativen nach. Vorschläge reichen vom Bau eines eigenen Atomkraftwerks bis zum Import von Flüssiggas.

Aus energiepolitischer Sicht ist es aber am vielversprechendsten, die noch unangetasteten fossilen Brennstoffe innerhalb der eigenen Grenzen anzubohren. Dieses Jahr hat die britische Firma BP beispielsweise begonnen, das Risha-Gasreservoir an der irakisch-jordanischen Grenze zu erschließen. Die Korea Global Petroleum Corporation will Explorationen entlang der Küste des Toten Meeres vorantreiben.

Exploration beginnt

Dazu kommen die immensen Ölschiefervorräte Jordaniens. Schätzungen zufolge handelt es sich um die achtgrößten weltweit. Bis zu 60 Prozent des Landes sollen von ölhaltigem Schiefergestein durchzogen sein, das mit neuen Fördertechnologien profitabel abgebaut werden kann. Während des Ersten Weltkriegs hat die deutsche Armee den regierenden Ottomanen sogar dabei geholfen, Ölschiefer zu fördern und damit die Brennstoffversorgung für die strategisch wichtige Hedschas-Eisenbahnlinie sicherzustellen. Nach Kriegsende ist die Förderung jedoch eingeschlafen, vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen. Im Angesicht steigender Energiepreise hat die Firma Global Oil Shale Holding im September dieses Jahres einen Vertrag mit dem jordanischen Regime unterzeichnet, der einen baldigen Beginn der Exploration vorsieht.

Für die globalen Energiepreise sind solche Initiativen langfristig hilfreich. Sogar die (energieintensive) Entsalzung von Meerwasser und die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung im Nahen Osten würden davon profitieren, wenn Länder wie Jordanien ihren Energiebedarf relativ günstig aus eigenen Quellen decken könnten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

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