Lautes Getöse wäre zu einfach gewesen. Blixa Bargeld

Zurück auf Los

In Libyen ist Gaddafi Vergangenheit und Öl die Zukunft. Während das Land unter dem Diktator kaum sein Potenzial als Energielieferant ausnutzen konnte, gilt es nun mit vielem Altem aufzuräumen.

Das Leben eines der letzten arabischen Herrscher, die in einem Zelt geboren wurden, weist gewisse Symmetrien auf. Gaddafi wurde 1942 in Sirte geboren und starb in einem konfusen Feuergefecht in Sirte, nachdem er Libyen 42 Jahre lang beherrscht hatte. Aber auch Libyens anderes berühmtes Produkt hat Verknüpfungen nach Sirte. Die Stadt liegt inmitten des Sirte-Tals, dem historischen Kern der libyschen Ölproduktion, welche zeitweilig mehr Öl produziert hatte als Saudi-Arabien. Zu Höchstzeiten produzierte Libyen 1970 etwa 3,3 Millionen Barrel pro Tag.

Libyen braucht Fachkräfte

Unter Gaddafi wurde es zum öffentlichen Ziel, bis 2020 zu einer Tagesproduktion von 3 Millionen Barrel pro Tag zurückzukehren. Ein libyscher OPEC-Offizieller zeigte sich mir gegenüber im Februar emphatisch, dass Libyen problemlos die Produktion in der kommenden Dekade wird steigern können. Ironischerweise war es Gaddafi selbst, der das größte Hindernis für ein solches Gelingen darstellte. Aus seinen politischen Abenteuern resultierte ein Embargo, das Libyen jahrelang von modernen Ölförderungsmethoden abschnitt. Viele dieser neuen Technologien werden in Libyen nicht flächendeckend eingesetzt. Hinzu kommt, dass seine politische Geringschätzung von Ost-Libyen dazu führte, dass dort diverse Lagerstättenbecken für Kohlenwasserstoff unerkundet blieben. So ist etwa die paläozoische Geologie des Kufra-Beckens ähnlich der des Murzuk-Beckens. Dieses umfasst etwa 4 Milliarden Barrel Ölreserven. Mehmet Uysal, Chef von Turkish Petroleum, beschrieb das Kufra-Becken als letzte Bastion der libyschen Ölexploration.

Libyens Spitzenproduktion von 1970 erklärt sich großenteils durch die strategische Lage des Landes. Die Blockade des Suez-Kanals von 1967 hat die Nachfrage in Europa nach libyschem Öl erhöht. Heute könnte sich die Lage Libyens aus anderem Grund als vorteilhaft erweisen. Libyen hat die viertgrößten natürlichen Gasvorkommnisse in Afrika, schätzungsweise 1,55 Billionen Kubikmeter in der Reichweite europäischer Konsumenten. Selbst wenn die Europäer alternative Energien bevorzugen sollten, ist Libyen dennoch ideal positioniert. Nur zwei Prozent der Sahara wären ausreichend, um Europas Energiehunger zu stillen, sollte effiziente Auffang-Technologie entwickelt werden. In Europa wird Windkraft ab 4 bis 5 Metern pro Sekunde als kommerziell gangbar angesehen. In Libyen existieren passende Gegenden mit durchgehenden 8 Metern pro Sekunde Windgeschwindigkeit.

Alternative Energien erfordern gut ausgebildete Facharbeiter, ein mögliches Problem für Libyen. Gaddafi hat kaum in die Bildung seines Volkes investiert und stattdessen Arbeiter aus dem Ausland importiert. Eine Folge davon ist eine weit verbreitete Abneigung gegen ausländische Arbeiter. Die übertriebenen Reporte über südafrikanische und südasiatische Söldner im Dienste von Gaddafi dürften ihr Übriges getan haben. Bis die Rebellen von einst ihre Kalaschnikows gegen Lehrbücher eingetauscht haben, ist Libyen jedoch weiter auf gut ausgebildete Kräfte aus dem Ausland angewiesen.

Wo immer sie es fanden, haben die libyschen Revolutionäre Kopien von Gaddafis tosendem ideologischen Manifest, dem „Green Book“, zerstört. Sie täten jedoch gut daran, seine Spielart zu befolgen, wenn es um die Erhöhung der Ölproduktion, Entwicklung alternativer Energien und Immigration ausländischer Fachkräfte geht.

Der Wiederaufbau wird schwierig

Dennoch mag es sein, dass 3 Millionen Barrel pro Tag unerreicht bleiben. Viele Betriebe sind beschädigt oder geplündert worden. Gaddafi hat die Rechte seiner Untertanen mit Füßen getreten. Als Resultat wird das künftige Libyen weit weniger einheitlich sein als unter Gaddafi. Regionale Unabhängigkeit, fehlende Transparenz und ein schwaches Gerichtssystem könnten Investitionen lahmlegen. Eines ist klar – Libyens Wiederaufbau wird schwierig werden. Bis zur Neuauflage von Libyens einstiger Ölproduktion kann es ein kurzer Weg sein – oder ein äußerst langwieriger.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anna Fleischer, Hans-Heinrich Bass, Sahar el-Nadi.

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