Wenn man sich nicht gegen die Überschuldung stemmt, wird man langfristig mehr Kosten haben. Jürgen Ligi

Gründerzeiten

Und immer noch wird auf dem Tahrir-Platz demonstriert. Doch mit der Reform der staatlichen Ordnung muss auch die Reform der Wirtschaft kommen. Nur wenn das ägyptische Unternehmertum auf eigenen Beinen zu stehen lernt, hat das Land eine stabile Zukunft.

Im Spätsommer 2011 trafen sich die Vertreter der Egyptian Freedom and Justice Party (FJP) in Luxor in Südägypten zu einer Konferenz. Die FJP ist der politische Arm der Muslimbrüder – doch bei der Konferenz ging es nicht um religiöse oder politische Fragen, sondern um den Tourismus. Das Credo lautete: „Die wichtigste Aufgabe für die ägyptische Tourismusindustrie heute ist es, die eigenen Mitarbeiter zu schulen, wie mehr Touristen nach Ägypten zu holen wären.“

Es besteht kein Zweifel, dass Tourismus auf absehbare Zeit ein wichtiges Standbein der ägyptischen Wirtschaft sein wird. Unter Mubarak waren bis zu zwölf Prozent der Ägypter im Tourismus-Sektor angestellt. Keine Reformbewegung kann das ignorieren. Selbst die Muslimbrüder und andere islamische Gruppen wissen sehr wohl, dass eine strikte Interpretation der Sharia – zum Beispiel durch ein landesweites Alkoholverbot – die Anzahl der Touristen verringern würde. Schon heute liegen die Einnahmen etwa 30 Prozent unter den Einnahmen vor der Revolution.

Unternehmertum ist nicht existent

Das Problem dabei: Die Wirtschaft produziert kaum, es gibt relativ wenige Unternehmen. Wie andere arabische Staaten auch exportiert Ägypten Öl und Gas – doch deutlich weniger, als viele glauben. Die Erdgasproduktion hat ihren Zenit wahrscheinlich bereits überschritten. Auch wenn in diesem Sommer im Westen des Landes neue Ölvorkommen gefunden wurden, wird Ägypten sicherlich nicht zum großen Exporteur werden.

Die andere Einkommensquelle der Ägypter sind die Gebühren aus dem Suez-Kanal. In einem handelsstarken Jahr kommen fünf bis sechs Milliarden Dollar zusammen. Doch auch diese Gelder sind kein Zeichen für Unternehmertum.

Zum Teil liegt das an der allgegenwärtigen Korruption. Ein Unternehmensgründer in Kairo hat es mir vor Kurzem so erklärt: „Unter Mubarak hat sich das Land in die richtige Richtung entwickelt, er hat nur zu viel für sich abgezweigt. Korruption gibt es überall. Doch in Ägypten wandert niemand dafür ins Gefängnis.“ Die Bestechungsgelder und korrupten Offiziellen verhindern viele Neugründungen.

Ausländische Organisationen können hier helfend eingreifen. Doch letztendlich ist es die Aufgabe der ägyptischen Regierung, die Abhängigkeit vom Tourismus zu verringern und ein businessfreundliches Klima zu etablieren. Unternehmen müssen befähigt werden, die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen.

Machen statt kassieren

Die aktuelle internationale Hilfestellung für das neue Ägypten beschränkt sich primär auf die Überweisung von Geldern. Das ist jedoch nur als Übergangsmaßnahme sinnvoll, um die schlimmsten Fehler der Wirtschaftspolitik Mubaraks auszubügeln und die Wirtschaft über Wasser zu halten. Langfristige Hilfe sieht anders aus.

Westliche Staaten sollten zum Beispiel ihre Märkte für ägyptische Exporte öffnen. Nur die ehemaligen Sowjet-Staaten sind stärker vom Welthandel isoliert als der Mittlere Osten. An mangelnder Kompetenz liegt es nicht: Ägyptische Firmen haben ihre Expertise mehrfach unter Beweis gestellt, bei Ölförderungen im Irak oder bei Telekommunikationsprojekten in Nordkorea. Man muss den ägyptischen Unternehmen nur eine Chance geben. Es wäre ein Zeichen jener Würde und Anerkennung, die seit Monaten von den Demonstranten in Tahrir gefordert wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anna Fleischer, Hans-Heinrich Bass, Sahar el-Nadi.

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