Schwerter zu Wahlurnen

Joseph Hammond16.12.2011Politik

Am Wandel des islamistischen Vordenkers Hasan al-Turabi zeigt sich das weltweite Umdenken der Radikalreligiösen. Statt Revolution bevorzugen sie Demokratie – jedoch nicht Jeffersons Vorstellung von Volksherrschaft.

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Hasan al-Turabi ist nicht tot. So viel wurde klar, als der sudanesische Oppositionsführer und Islamist vergangene Woche vor einer Menge von 3.000 Unterstützern in Khartum erschien. Für seine Anhänger ist der 79-jährige al-Turabi eine der wichtigsten Gestalten des Islamismus der Gegenwart. Für seine Gegner ist er eine alte Oppositionsfigur, die einfach nicht verschwinden möchte. Al-Turabi ist außerdem ein bekannter Theoretiker und spiritueller Anführer der Islamisten im Sudan, dessen Einfluss nur von Ayatollah Khomeini übertroffen wird.

Al-Turabis Ideen sind ein Indikator für islamische Bewegungen

Im Gegensatz zu anderen Islamisten hatte al-Turabi jedoch noch nie Berührungsängste mit dem Westen: Er studierte in London und erwarb seinen Doktor an der Sorbonne in Paris. Seit den 1960er-Jahren ist er aktiv in der Politik und islamischen Theorie. Während seiner Karriere gab er sich als Fußsoldat der Muslimbrüder, Revolutionsführer und wortstarker Politiker. Als Oppositionsführer im Sudan sind seine Ideen ein Indikator für islamische Bewegungen in anderen Teilen der Welt. Es ist daher wenig überraschend, dass al-Turabi den Arabischen Frühling nutzte, um diese Rolle zu unterstreichen. Im Sommer sorgte er für Aufruhr, als er trotz seiner Verbannung aus Ägypten (wo er 1995 mit einem Anschlagversuch auf Mubarak in Verbindung gebracht wurde) auf dem Tahrir-Platz auftrat. Dort riet er ägyptischen Islamisten von Allianzen mit dem Militär ab: „Die französische Revolution führte zu Napoleon Bonaparte, der schlimmer war als König Louis XVI. Araber dürfen nicht die gleichen Fehler machen“, sagte er. Seine eigene Biografie war ihm dabei eine große Lehre: Als er nach dem sudanesischen Militärputsch von 1989 kurzzeitig an Macht gewann, wurde er schnell von Generalleutnant Umar al-Baschir beiseitegefegt. In den folgenden zehn Jahren regierten al-Baschir und al-Turabi gemeinsam, wobei Letzterer der Regierung einen Anschein von Legitimität verlieh. Seine Politik zu dieser Zeit lässt jedoch viele Fragen offen: 1991 forderte er eine „weltweite Aktion zur Herausforderung und Abschüttelung des tyrannischen Westens“ und versuchte gleichzeitig, die Beziehungen zwischen den iranischen und irakischen Geheimdiensten und al-Qaida zu verbessern. Sowohl Carlos der Schakal als auch Osama bin Laden zogen schließlich in den Sudan.

Radikal an der Wahlurne

Kurz nach seiner Entmachtung in einem weiteren Militärcoup von 1999 änderten sich al-Turabis Ansichten erneut. Mehrfach vom Baschir-Regime eingesperrt, nennt er seine dschihadistische Vergangenheit mittlerweile ein „fehlgeleitetes Abenteuer“. Als Osama bin Laden dieses Jahr getötet wurde, ließ sich selbst al-Turabi nur zu einer sanften Kritik über dessen schnelle Beerdigung hinreißen. Seine Veränderung steht exemplarisch für die Strömungen innerhalb der islamistischen Bewegung. Anstatt auf eine Revolution hinzuarbeiten, glauben viele Islamisten nun, ihre Ziele auch an der Wahlurne erreichen zu können. In Kairo wies auch al-Turabi darauf hin, als er erklärte, Veränderungen müssten vom Volk gelenkt werden. Dabei ist klar: Die von den Islamisten verfolgte Demokratie hat mit den Ideen Jeffersons nur wenig zu tun. Islamistische Gruppen bevorzugen das, was der amerikanische Journalist Fareed Zakaria „unrepräsentative Demokratie“ nennen würde. Hasan al-Turabis Politik steht für diesen Trend: Während der Westen Bewegungen wie die der Salafisten als statisch und reaktionär betrachtet, demonstrieren Islamisten eine überraschende Bereitschaft zum Wandel. Der Glauben von traditionellen Islamisten wie Sayyid Qutb war, dass eine Partei an der Speerspitze der islamischen Revolution stehen würde. Als dies scheiterte, füllte Terrorismus das Vakuum. Für viele Jahre entlehnten islamistische Strategen die revolutionären Ideen von Marx – doch diese Zeit scheint vorbei zu sein. Wenn der Erfolg von Hamas, Hisbollah und (neuerdings) der Muslimbrüder ein Anzeichen ist, dann befinden wir uns inmitten eines taktischen Wandels. An dessen Ende steht statt Schwert die Wahlurne. _Übersetzung aus dem Englischen._

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